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Pandemie treibt Suchtverhalten

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Alkoholprobleme sind der häufigste Grund, aus dem sich Menschen an Sucht-Beratungsstellen wenden. ARCHIVFOTO: DPA © DPA Deutsche Presseagentur

Suchtexperten warnen, dass in der Corona-Pandemie mehr Alkohol und andere Drogen konsumiert werden als üblich. Für die Einrichtungen der Suchthilfe bedeutet das eine große Herausforderungen.

Stress, fehlende Tagesstruktur, Sorgen um den Arbeitsplatz, Langeweile: Experten warnen, dass die Corona-Pandemie die Gefahr von Suchterkrankungen verstärkt. In Hessen etwa hat die Zahl entsprechender Beratungsgespräche, insbesondere mit Angehörigen, im ersten Pandemiejahr spürbar zugenommen. 2020 hätten sich rund 23 000 Ratsuchende an die Beratungsstellen im Bundesland gewendet, sagte die Geschäftsführerin der hessischen Landesstelle für Suchtfragen (HLS), Susanne Schmitt, der Deutschen Presse-Agentur.

Mit 1600 Ratsuchenden seien 2020 zunehmend viele Familienangehörige oder Menschen aus dem sozialen Umfeld an die Beratungsstellen herangetreten, sagte Schmitt. »Das ist der höchste Stand seit über zehn Jahren.« Bedingt durch mehrere Lockdowns, Kurzarbeit, Arbeitsplatzverlust oder Homeoffice sähen die Beratungsstellen die Betroffenen häufiger und nähmen sie anders wahr.

Soziale Kontrolle fehlt oft

Für 2021 liegen laut Schmitt noch keine Zahlen vor, sie werden voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte erwartet. »Es ist aber davon auszugehen, dass sich die Entwicklung ähnlich fortgesetzt hat.« Ob es eine verstärkte Suchtproblematik infolge der Corona-Krise gebe, werde sich aber erst in den kommenden Jahren zeigen.

Hessenweit ist Schmitt zufolge nach wie vor Alkoholkonsum der häufigste Grund für Menschen, sich an die Sucht-Beratungsstellen zu wenden, 2020 in 40 Prozent der Fälle. An zweiter Stelle (23 Prozent) folge Cannabiskonsum. Zudem seien Medikamentenmissbrauch, Online-Spielsucht und pathologische Mediennutzung häufig auftretende Probleme. Besonders die Mediennutzung und der Medienkonsum seien während der Corona-Pandemie stark angestiegen. »Erstens bedingt durch Homeoffice und Homeschooling. Zweitens als einzige Möglichkeit für viele, um in Lockdownphasen Kontakt zu halten oder sich einfach die Zeit zu vertreiben«, erläuterte Schmitt.

Weniger soziale Kontakte, Belastung, Kurzarbeit oder der Verlust des Arbeitsplatzes - die Gründe für die Entwicklung von Suchtverhalten, nicht nur während der Pandemie, seien vielfältig. »In der Pandemie konnten die Menschen oft ihren Hobbys nicht nachgehen, hatten freie Zeit und mitunter auch Langeweile.« Sie hätten wegen der Kontaktbeschränkungen mehr Zeit zu Hause verbracht und im Homeoffice gearbeitet. »Da kann auch mal ohne soziale Kontrolle Alkohol getrunken werden.«

Eine große europäische Studie zu den Auswirkungen von Covid-19 auf das Suchtverhalten hat laut Schmitt allerdings ergeben, dass der Alkoholkonsum in 21 europäischen Ländern, darunter auch Deutschland, abgenommen hat. Der Rückgang des Konsums ist der Untersuchung zufolge vor allem auf eine Reduktion der Gelegenheiten zum Rauschtrinken zurückzuführen. »Zugenommen hat demnach der Tabak- und Cannabiskonsum, der zuvor rückläufig war«, erläuterte die HLS-Geschäftsführerin.

Angesichts des hohen Beratungsbedarfs sei es umso wichtiger, die bestehenden Angebote personell und finanziell abzusichern und auch die digitalen Angebote beizubehalten und auszubauen, fordert Schmitt. »Ohne die gut funktionierenden Drogen- und Suchtberatungen würden hohe Kosten für andere Versorgungssysteme außerhalb der Suchthilfe entstehen. Daher vermeidet jeder eingesetzte Euro der öffentlichen Hand für die Beratungsstellen auf der anderen Seite hohe gesellschaftliche Kosten.«

Wie groß die Herausforderungen in der Suchthilfe und für Sozialarbeiter aktuell sind, zeigt auch ein Blick auf die Drogenszene im Frankfurter Bahnhofsviertel. Hier hat sich die Situation vieler Suchtkranker, die obendrein häufig obdachlos sind, noch weiter verschlechtert - und die Sucht ist noch öffentlicher geworden. Wurde früher eher versteckt in dunklen Ecken der unterirdischen B-Ebene Heroin gespritzt oder Crackpfeifen angesteckt, ist dies mittlerweile auch auf der Straßenebene zu beobachten. Und auch Verelendung und auffälliges Verhalten haben zugenommen, hat Christine Heinrichs vom Frankfurter Verein für Soziale Heimstätten beobachtet.

Mehr Konsum als Reaktion auf Stress

Die Corona-Pandemie belaste zwar Menschen in allen Gesellschaftsschichten, aber: »Wenn es jemandem durchschnittlich gut geht und das Lebensniveau geht pandemiebedingt um zehn Prozent zurück, ist das unangenehm, aber zu bewältigen. Für die Drogenabhängigen im Bahnhofsviertel hat schon eine geringe zusätzliche Belastung viel größere Auswirkungen«, betonte Heinrichs.

Bei vielen der Abhängigen liege eine psychische Störung vor - und die Reaktion eines Süchtigen auf Stress bestehe in mehr Konsum. »Wenn es nicht Crack oder Heroin sind, dann ist es eben Alkohol - und da lässt sich über die zahlreichen 24-Stunden-Kiosks im Bahnhofsviertel, die auch im Lockdown offen waren, die Sucht ständig bedienen. Es ist alles recht, was konsumiert werden kann.«

Die Mitarbeiter der Drogenhilfe versuchten, mit den von ihnen betreuten Süchtigen in Kontakt zu bleiben, die aufsuchende Sozialarbeit sei in der Pandemie die ganze Zeit fortgesetzt worden und auch Einrichtungen wie das Nachtcafé für obdachlose Drogenabhängige konnten geöffnet bleiben - wenn auch mit reduziertem Platzangebot wegen der notwendigen Abstände. Um Beratung geht es hier nicht mehr - nur um Hilfsangebote, die den Schwerstabhängigen beim Überleben helfen.

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