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Optische Effekte mit »Klonen« erzielt

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Marburg. - Am Anfang war eine Einladungskarte für eine Ausstellung in Speyer 1994, bei der viele leere Stühle im Raum standen. Martin Liebscher fotografierte sich mehrfach mit Selbstauslöser und gestaltete die Karte mit sich in dreifacher Ausführung. Daraus entwickelte er sein künstlerisches Verfahren der Fotoinszenierung. Mittlerweile tauchen seine Ich-Versionen bis zu 3500 mal in seinen großformatigen Bilder auf.

Marburg. - Am Anfang war eine Einladungskarte für eine Ausstellung in Speyer 1994, bei der viele leere Stühle im Raum standen. Martin Liebscher fotografierte sich mehrfach mit Selbstauslöser und gestaltete die Karte mit sich in dreifacher Ausführung. Daraus entwickelte er sein künstlerisches Verfahren der Fotoinszenierung. Mittlerweile tauchen seine Ich-Versionen bis zu 3500 mal in seinen großformatigen Bilder auf. »Warum keine Bekannten oder Freunde?«, wird er beim Pressegespräch gefragt. Er habe es versucht mit Kollegen, doch dann wird es zur Schauspielerei und er selbst zum Regisseur.« Und das merkt man den Bildern an, das ist nicht der Effekt, den ich erzielen will.«

Martin Liebscher arbeitet weiterhin mit Selbstauslöser, in großen Räumlichkeiten fotografiert auch seine Freundin oder ein Kollege, aber auf unauffällige Art und mit dem vorhandenen Raumlicht. Er bewegt sich durch den gesamten Raum auf eine in sich ruhende und die Situation konzentrierte Art, jede Stelle wird per Foto festgehalten.

Er wählt Orte, die ihm persönlich wichtig sind wie sein Atelier oder der Campingplatz in Wustrow, die er spannend findet wie eine Maschinenfabrik auf Sylt oder eine Kneipe in Berlin, die architektonisch interessant sind; so ist mittlerweile eine kleine Serie zu Theaterräumen entstanden wie das Scharoun-Theater in Berlin und sein Zwitter in Tokio.

Jedes Gesamtbild ist eine Zusammensetzung von verschiedenen Standorten, die Querformate sind erzählerisch angelegt und können bei den Riesenformaten regelrecht abgeschritten werden. Die kunsthistorische Tradition ist die der Schlachtengemälde, wie der Künstler selbst sagt, doch nur was die Komposition der Menschenmenge angeht.

Ansonsten ist so manche Einzelszene einfach nur witzig und breitet großes Vergnügen vom Schmunzeln bis zum lauten Lachen.

Fünf Ausdrucke werden jeweils hergestellt, einer verbleibt häufig in der dargestellten Institution, die anderen werden in Ausstellungen gezeigt - wie vom kommenden Freitag Abend an in der Marburger Kunsthalle. Erstmalig in Universitätsstadt zu sehen ist sein neuestes Werk zur Berliner Volksbühne, das die gesamte Rückwand des Ausstellungsraumes im Obergeschoss einnimmt. Kunstverein-Vorsitzender Gerhard Pätzold zeigt sich dankbar, dass Martin Liebscher relativ kurzfristig eingesprungen ist für die ausgefallene Licht-Installation der Bühnenbildkünstlerin Rosalie.

Da der in Berlin lebende Liebscher (Jg. 1964) seit 2007 an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach lehrt, sind auch dortige Studierende einbezogen in das Ausstellungsprojekt. Diese werden betreut von seinem Kollegen Clemens Mitscher und zeigen im Laufe der Ausstellung eigene Kunstprojekt in dem alten DDR-Wohnwagen, den Liebscher für sein Camping-Bild nutzte. Während der Vernissage wird zudem das neueste Fotobuch zu Liebscher vorgestellt. Ein Geschenk, das sich der Hatje-Cantz-Verlag zu seinem eigenen 50-jährigen Bestehen gemacht hat. Ehrensache, dass darin die Liebscher-Familie in der Cantzschen Druckerei zu sehen ist (weitere Infos unter ).

Dagmar Klein

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