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Neue Chance für ungelernte Kräfte

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Wetzlar (hp). Die Landkreise Lahn-Dill und Gießen starteten gemeinsam das Projekt »Arbeitsintegrierte Nachqualifizierung in der Altenpflege« (ANQA), das dem Fachkräftemangel in diesem Bereich entgegenwirken soll. Die ZAUG gGmbH als Organisator hat sich als Projektpartner die Altenpflegeschule des Lahn-Dill-Kreises und die Altenpflegeschule Wettenberg des Vereins für Geragogik an die Seite geholt und arbeitet so mit starkem regionalen Bezug.

ANQA wird durch das Hessische Sozialministerium aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds in Höhe von 290 000 Euro gefördert – die Ko-Finanzierung mit 309 000 Euro übernehmen 40 Pflegeeinrichtungen durch die Freistellung der Teilnehmer sowie die Bereitstellung von Räumlichkeiten und Praxisanleitern.

Die Gießener Landrätin Anita Schneider und ihr Kollege Wolfgang Schuster vom Lahn-Dill-Kreis stellten im Wetzlarer Kreishaus zusammen mit ZAUG-Geschäftsführerin Monika Neumaier, Bereichsleiterin Nicole Brinkmann, Projektkoordinator Torsten Roth sowie den Schulleiterinnen Ulrike König (Haiger) und Hella Geist (Wettenberg) das Projekt vor.

Das Konzept bietet 40 an- und ungelernten Beschäftigten die Chance, sich weiterzubilden und weiterhin das reguläre Gehalt zu beziehen. Das wird durch die Methode des »arbeitsintegrierten Lernens« möglich, die vor allem vor Ort in den beteiligten Einrichtungen stattfindet. Für angelernte Hilfskräfte liegen die Vorteile auf der Hand: Da sie bereits in der Pflege tätig sind, kennen sie die internen Abläufe und wissen, worauf es im Alltag ankommt. Die Pflegeeinrichtungen wiederum gewinnen qualifiziertes Personal, das die Gepflogenheiten des Hauses und die Bewohner kennt, und sind für den steigenden Bedarf an Fachkräften gewappnet.

»Unsere Gesellschaft verändert sich dramatisch«, sagte Landrat Schuster. Im Jahr 2000 lebten im Lahn-Dill-Kreis 9900 Menschen über 80 Jahre – in 2030 sollen es schon 18 000 sein, wobei die Zahl der Menschen zwischen 20 und 65 Jahren laut Prognosen von 165 000 auf weniger als 130 000 sinken soll. »Vor sechs Jahren hatten wir noch 2100 Pflegeplätze, heute sind es bereits 2900, Tendenz steigend.« Es werde zwar viel in Häuser investiert, doch: »Was nutzt das schönste Heim, wenn es kein Personal gibt?« Es sei eine große Herausforderung, alle Potenziale »herauszukitzeln«, um der Entwicklung standzuhalten. Im Landkreis Gießen sieht die Situation zwar noch besser aus, aber auch hier zeichnen sich Probleme ab. »Fachkräftesicherung ist mittlerweile das Top-Thema und wird ein Standortfaktor werden«, erklärte Anita Schneider.

Die Landrätin nannte drei verschiedene Wege, Fachkräfte zu generieren. »Nummer eins ist nach wie vor die duale Ausbildung. Wir müssen sehen, dass keine jungen Menschen auf dem Weg von der Schule in den Beruf auf der Strecke bleiben.« Außerdem gebe es im Bereich der Frauenerwerbsarbeit noch große Potenziale. »Mein Lieblingsprojekt ist allerdings die Nachqualifizierung als Regelangebot.« Sie gebe 20- bis 35-Jährigen die Chance auf Bildung, die aus irgendwelchen Gründen bis dahin noch nicht möglich war, so Schneider. Bisher wurde diese Art der Nachqualifizierung nur in Frankfurt angeboten. »Wir wollen darstellen, dass es auch im ländlichen Raum möglich ist, und vor allem durch die wissenschaftliche Evaluierung erreichen, dass das Projekt nicht in der Schublade landet, sondern zur Regel wird«, so die Landrätin.

ANQA gebe neue Perspektiven, sagte Monika Neumaier, die in der landkreisübergreifenden Arbeit ein Zukunftsmodell sieht. »Die Teilnehmer bleiben in ihrem Beschäftigungsverhältnis, müssen keinen Schulweg in Kauf nehmen, lernen aus der Praxis heraus die Theorie, und das gemeinsam in Lerngruppen«, fasste Thorsten Roth die Vorzüge zusammen. »In der Erwachsenendidaktik ist ein praktischer Bezug wichtig«, fügte Nicole Brinkmann hinzu.

Die beiden Schulleiterinnen erläuterten die Inhalte der neuen Lernform. In der einjährigen Ausbildung werden 2000 Zeitstunden Theorie in vier Lernbereichen absolviert: Pflegefachwissen, rechtliche Rahmenbedingungen, Unterstützung im Alter und Pflege als Beruf. Voraussetzung ist ein Hauptschulabschluss, die Beschäftigung in einer Pflegeeinrichtung, eine zweijährige angelernte Tätigkeit und ein Arbeitsvertrag über 31 Stunden pro Woche. Interessenten können sich bei Torsten Roth, Tel. 06 41/9 52 25-50, melden.

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