Coronabedingt anders: Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, kurz vor der Eröffnungspressekonferenz an einem Buchstand in der Festhalle. Die komplett digital organisierte Messe läuft noch bis zum 18. Oktober. FOTO: DPA
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Coronabedingt anders: Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, kurz vor der Eröffnungspressekonferenz an einem Buchstand in der Festhalle. Die komplett digital organisierte Messe läuft noch bis zum 18. Oktober. FOTO: DPA

"Der Mythos Buchmesse lebt weiter"

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Seit 15 Jahren führt Juergen Boos (59) die Frankfurter Buchmesse. Jedes Jahr treffen wir uns zu Beginn der Messe zum Interview. Die Corona-Pandemie zwingt uns diesmal einen ungewöhnlichen Ort auf. Im geräumigen Saal "Singapur" im Haus des Buches kommen wir mit Abstand zusammen und sprechen über den Kampf gegen Corona, die Freiheit des Wortes und das geistige Eigentum.

Herr Boos, wir müssen leider noch einmal über die Pandemie sprechen. Die Buchmesse wurde für ihr Corona-Krisenmanagement von Verlagen und Vertretern der Buchbranche als chaotisch kritisiert. Sie hätten viel zu lange am Konzept für eine physische Messe festgehalten, Sie hätten nicht kommuniziert.

Unser Konzept wurde von nationalen und internationalen Branchenvertretern entwickelt. Wir hätten für diese gerne eine physische Buchmesse organisiert, aber wir mussten uns den Realitäten der letzten Wochen beugen.

Sie haben von einem hohen zweistelligen Millionenverlust für die Buchmesse in diesem Jahr gesprochen. Wie lange wird es dauern, bis die Buchmesse diesen Einbruch ausgeglichen hat?

Das hängt davon ab, wie sich die Pandemie weiterentwickelt.

Es gibt die Befürchtung in der Branche, dass die Traditionsmarke Frankfurter Buchmesse durch die diesjährige digitale Krisenausgabe beschädigt wird.

Die Frankfurter Buchmesse 2020 ist nicht zuletzt ein Experiment. Wir werden uns direkt nach der Messe mit unseren Partnern, den Verlagen zusammensetzen und analysieren, wie diese vor allem digitale Ausgabe der Buchmesse funktioniert hat. Und dann werden wir mit dem Input der Verlage die nächste Messe 2021 planen.

Es gibt auch die Befürchtung, dass die Digitalisierung der Buchmesse nicht mehr rückgängig zu machen ist und dass die Messe in ihrer alten Form, mit der Begegnung vieler Menschen, mit dem dichten Gedränge in den Messehallen, nie mehr zurückkommen wird.

Die Buchmesse hat in den zurückliegenden 70 Jahren viele Veränderungen erfahren. Einige der Neuerungen werden bleiben. Aber der Rechtehandel, den wir jetzt durch eine Internetplattform ergänzt haben, wird wieder physisch zurückkehren. Die persönlichen Gespräche sind sehr wichtig, wenn es um die Rechte für Bücher, Filme oder Spiele geht. Vielen von uns fehlt die persönliche Begegnung, die eine Buchmesse ausmacht. Die Gespräche in den Gängen, die zufälligen Treffen am Stand: Das ist durch nichts zu ersetzen.

Die Buchmesse ist längst ein Mythos geworden. Als jetzt das Luxushotel Hessischer Hof seine Schließung ankündigte wegen Corona, da schwärmten viele von den Abenden dort, von den Festen.

Ich wünsche mir sehr, dass der Hessische Hof einen Investor finden wird, der sein Überleben sichert. Aber die Buchmesse als Marke ist sehr stabil. Sie wird in ganz ähnlicher Form wie früher wieder zurückkehren. Obwohl die Messe in diesem Jahr nur digital organisiert wurde, haben sich über 4300 Aussteller aus 102 Ländern gemeldet. Und wir haben auch im Internet unsere Reichweite erhöht. Kleine Länder wie Brunei sind zum Beispiel zum ersten Mal dabei. Neben Deutschland mit weit über 1000 digitalen Anmeldungen kommen besonders viele digitale Aussteller aus den USA, Spanien, der Schweiz, Kanada, Italien, Großbritannien, Frankreich und China. Und zum Mythos Buchmesse: Ich bin jetzt seit 45 Jahren dabei. Mein Onkel war Buchhändler, der hat mich als Junge schon mitgenommen. Der Mythos Buchmesse lebt weiter, er verändert sich im Kern nicht. Unser wichtigster Auftrag ist es, Menschen zusammenzubringen.

Muss das Angebot der Veranstaltungen so beliebig sein, mit Star-Köchen und Baumflüsterern, mit Stars und Sternchen?

Wir bilden die gesamte Bandbreite der Branche ab, von der Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk bis hin zur Krimiautorin Nele Neuhaus. Die Branche steht für Vielfalt. Jeder birgt seine eigene Buchmesse in sich.

Es scheint, als trete die Buchmesse als politische Plattform für Meinungsfreiheit und gegen Rechtsradikalismus und Antisemitismus immer mehr in den Hintergrund.

Die Buchmesse war immer politische Plattform und bleibt es auch. Wir haben uns 1989 gegen die Fatwa gegen Salman Rushdie gestellt und 2009 auch Dissidenten eingeladen, als die Volksrepublik China Ehrengast war. Der Weltempfang, die gesellschaftspolitische Bühne der Frankfurter Buchmesse, findet in diesem Jahr teils digital, teils physisch statt und steht unter dem Motto "Europa - Kulturen verbinden". Wir bieten auch Joshua Wong, dem Aktivisten der Demokratiebewegung in Hongkong, eine Auftrittsmöglichkeit. Edward Snowden erhält im Rahmen des Bookfestes digital eine Bühne, ebenso die Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey, deren Buch "Me Too - Von der ersten Enthüllung zur globalen Bewegung" mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde. Wir kämpfen für die Freilassung der vietnamesischen Verlegerin und Autorin Pham Doan Trang, Preisträgerin des Prix Voltaire, die am 6. Oktober verhaftet worden ist. Und natürlich war auch der Auftritt von David Grossman bei der Eröffnung ein politisches Signal. Ich habe gerade mit der jungen US-Aktivistin Tiffany Jewell ein Gespräch über Rassismus geführt, das war sehr bewegend. Das sind Themen, die mir wichtig sind. Wir müssen uns da als Buchbranche entschieden positionieren.

Sie geraten als Person dabei von den verschiedensten Seiten unter Druck.

Das ist ja das Spannende an meiner Position. Ich bin jetzt seit 15 Jahren Direktor der Buchmesse. Ich versuche immer wieder aufs Neue, mich für Meinungsfreiheit starkzumachen. Bei unserem diesjährigen Ehrengast Kanada versuchen wir zum Beispiel, auch den indigenen Völkern dort eine Stimme zu geben.

Oft scheint es, als mache sich die Buchmesse zum Propagandisten neuer technischer Entwicklungen - und recht unkritisch.

Da widerspreche ich entschieden. Der digitale Wandel beschäftigt die Buchbranche seit Mitte der 1990er Jahre. Wir müssen die kritische Diskussion über neue Technologien führen. Das ist seit letztem Jahr die neue Technologie des Streamens und die damit verbundenen Gefahren, die dadurch für das geistige Eigentum entstehen können. Es ist die Frage, wie wir als Gesellschaft die Urheberrechte schützen und dafür sorgen, dass Autorinnen und Autoren gut und angemessen bezahlt werden.

Sie sind unter anderem auch Vorsitzender von Litprom, der Gesellschaft für Literatur aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der Arabischen Welt. Die Autoren haben es immer noch schwer, sich durchzusetzen.

Ja, wenn sie etwa aus einem Sprachraum kommen, der keine etablierte Buchkultur besitzt, ist das wahnsinnig schwer. Mein Vorvorgänger als Direktor, Peter Weidhaas, hat die alljährlichen Ehrengastländer eingeführt und hat als einen der ersten Schwerpunkte im Jahre 1980 "Schwarzafrika" veranstaltet. Das kann man natürlich in der heutigen Zeit nicht mehr so nennen.

Litprom veranstaltet in diesem Jahr, also 40 Jahre später, das Symposium "African Perspectives" mit renommierten afrikanischen Autorinnen und Autoren. Ich finde es großartig, dass Litprom jetzt seit 40 Jahren besteht.

Quelle: Gießener Allgemeine

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