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Museum »Experiminta«: Berühren ist hier ausdrücklich erwünscht

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Frankfurt (dpa). In diesem Museum ist Berühren ausdrücklich erwünscht. Und das lässt sich Timo nicht zweimal sagen. Immer wieder greift seine kleine Hand nach dem silbernen Knauf und dreht mit aller Kraft daran. Dabei verfolgen seine Augen fasziniert, was daraufhin im Innern des Glasbehälters passiert.

Und schon beginnen die roten Arme des »Chaos-Pendels« erneut zu zucken und zu rotieren, als zappelte dort jemand in einem ungelenken, hektischen Tanz, ganz so wie »ein Mensch, der gerade durchdreht«, sagt Timo begeistert.

Der Sechsjährige und seine Freunde aus einer Kindertagesstätte waren gewissermaßen Testpersonen für ein Experiment, das es so noch nicht in der Mainstadt gegeben hat. Denn in der Hamburger Allee wurde ein Museum namens »Experiminta« oder Science Center, wie seine Betreiber sagen, eröffnet, das es sich zum Ziel gesetzt hat, Kinder spielerisch an Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) heranzuführen. Um zu beobachten, wie die Kleinen auf dieses Angebot zum Anfassen, Schauen, Denken und Tüfteln reagieren, waren vor dem Start Gruppen aus Kindergärten oder Horten eingeladen worden.

Jenseits von Notendruck

Auf vier Etagen laden rund 150 Stationen zum Mitmachen und Experimentieren ein. Die Idee zu dem Zentrum stammt von mehreren Pädagogen, die in ihrem Berufsalltag den Eindruck gewonnen hatten, dass die Naturwissenschaften im Bildungskanon mittlerweile viel zu kurz kommen. »Wir haben heute einen eklatanten Mangel an Nachwuchs-Ingenieuren zu beklagen«, nennt Michael Kip, kaufmännischer Leiter von »Experiminta«, eine der volkswirtschaftlichen Folgen dieses Defizits. Statistiker haben außerdem schon seit längerem vorgerechnet, dass es in den nächsten Jahrzehnten viel zu wenige Mathematiker und Physiker auf dem Arbeitsmarkt geben wird, während sich dort die Juristen und Betriebswirte gegenseitig auf die Füße treten. Wie spannend und unterhaltsam Physik und Technik sein können - diese Erfahrung versucht »Experiminta« zu vermitteln, jenseits von Notendruck.

So ist in einem Raum ein begehbares Auge aufgebaut, neben einem überdimensionierten Suppenlöffel, in dem man sich in allen möglichen Verzerrungen und auf den Kopf gestellt spiegeln kann. Riesige Scheiben, die mit durchsichtiger Plastikfolie in Rot, Blau und Gelb bespannt wurden und sich übereinander schieben lassen, veranschaulichen, was passiert, wenn man Farben miteinander mischt. An einem Tisch, auf dem man seine schreibende Hand nur im Spiegel, nicht aber real sehen kann, auch nur den eigenen Namenszug halbwegs hinzubekommen, ist eine Herausforderung, an der auch Erwachsene in schöner Regelmäßigkeit scheitern.

Ohnehin kann man hier einiges darüber erfahren, welchen kognitiven Irrtümern wir auch im Alltag unterliegen. Was wiegt schwerer: Eine volle kleine Flasche oder ein nur zum Teil gefüllter großer Kanister? Welcher Golfball kommt als Erster an? Der auf dem geraden und kürzesten Weg ins Ziel rollt oder der auf der geschwungenen Bahn mit größerem Gefälle? Da hilft nur eins: ausprobieren! Und wer durfte schon einmal einen echten Taifun anfassen oder in einer gigantischen Seifenblase stehen? Alles das ist hier möglich.

Aber auch die schönsten physikalischen Phänomene gehorchen der Mechanik des Geldes. Fast alle Apparate, Geräte und Maschinen mussten in Handarbeit eigens für diese Ausstellung hergestellt werden, die Stückkosten lagen bei rund 4000 Euro. Umso dankbarer sind Kip und die Mitglieder des Fördervereins »Experiminta«, dass die Mainova AG und die Stiftung des Polytechnischen Gesellschaft jeweils 200 000 Euro für die Ausstattung gespendet haben; auch andere Stiftungen haben sich an den Kosten beteiligt. Künftig hofft man, sich vor allem durch die Eintrittsgelder finanzieren zu können. Und wie es sich für Naturwissenschaftler gehört, haben die Museumsgründer ihr Vorhaben in einem Experiment zuvor erprobt. So gab es bereits im November 2007 eine Probeausstellung im Gebäude des Physikalischen Vereins. »Wir haben dafür kaum geworben, trotzdem sind rund 100 Besucher in nur einem Monat gekommen«, so Kip.

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