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Mathias Richling knackt den politischen Code

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Letztes Abendmahl am Kabinettstisch: Der schwäbische Kabarettist treibt in der ausverkauften Kongresshalle seine Parodien auf die Spitze.

»Der Richling Code« nennt Kabarettist Mathias Richling seinen scharfzüngigen Streifzug durch die deutsche Politik und Geschichte, mit dem er nun in Gießen zu Gast war. Das rote birnenförmige Jackett, das hinter einem schwarz-rot-goldenen Kabinetttisch auf der Bühne thront, erntet in der mit 400 Besuchern ausverkauften Kongresshalle schon die ersten Schmunzler, noch bevor der schwäbische Schnellsprecher die Bühne betritt. Doch wo sich andere damit begnügen in fremde Jacketts zu schlüpfen, fängt Richling erst an. Um Altbundeskanzler Helmut Schmidt auf die Bühne zu holen, reicht ihm eine Luftzigarette. Natürlich stimmen Gestik, Blicke, Stimme und Sprachduktus, dazu braucht der Altmeister des politischen Kabaretts keine Maske. Aber Kabarett ist eben mehr und das beherrscht Richling wie kaum ein anderer. Seine Parodien treibt er auf die Spitze, indem er ausspricht, was sich hinter dem politischen Code verbirgt.

Bei Helmut Schmidt genügt es, all jenen, die dem zu Regierungszeiten umstrittenen Politiker heute einen Heiligenschein verpassen, den Spiegel der Geschichte vorzuhalten, um ihn ins rechte Licht zu rücken – und als blauen Dunst in die Luft zu blasen. Messerscharf führt er Gerhard Schröders »Politikerkarriere« vor Augen. So schwadroniert Richling gewohnt zynisch durch die »Bürgerverdrossenheit der Politiker«. Zwölf Namensschilder stehen an der langen Tafel, mancher hat die politische Bühne freilich schon verlassen. Günther Oettinger versteht sich in seinem gepflegten Schwäbisch selbst nicht mehr und Christian Wulffs Kleben am Amt vergleicht Richling mit der Argumentation eines Autodiebs, der am Diebesgut hängt.

Bei »Stuttgart 21« oder einem chinesischen Interview mit Heiner Brüderle merkt man dem Programm an, dass es schon zwei Jahre auf dem Buckel hat, manche Parodie verkommt da zum Klamauk.

Doch der quirlige Tausendsassa fesselt mühelos knapp zwei Stunden lang sein Publikum mit scharfzüngigen und tiefsinnigen, klugen und zynischen Kommentaren und entlarvt deutsche Politik und Geschichte ihrer Lügen – spricht aus, was zwischen den Zeilen nicht gesagt wird. Natürlich kommt auch der neue Bundespräsident zu Wort: »Mit ihm haben wir die Trennung von Kirche und Staat überwunden«, stellt Richling fest. Und nach und nach entfaltet sich auf der Bühne da Vincis letztes Abendmahl.

Die »frohe Botschaft« verbreitet Angela Merkel. Sie hat die Krise sicher durch das Land geführt. Neben ihr ereifern sich geifernd die Bosbachs oder Pofallas, der vor allem durch seine »kräftige Konturlosigkeit« glänzt, oder Lauterbachs – der sich alleine dadurch auszeichnet, dass er auch schon mal gesund war. Steinmeier trifft auf Andrea Banales und auch Gysi darf, wenn auch beleidigt, mitreden. Schäuble erklärt das Sparpaket, bei dem er leider vergessen hat, um was es geht, und vorrechnet, wie man an den Armen am besten sparen kann. Am rechten Rand lässt er Charles Darwin über »die Zurückentwicklung des Menschen zum Politiker« sinnieren.

Und als nach der zweiten Zugabe Richling Günther Grass’ krude Gedanken auf den Punkt bringt, da fallen die Bundesländer aus dem goldenen Rahmen und der dahinter verborgenen Mona Lisa, die irgendwie Angela Merkel ähnelt, ist das Lächeln vergangen. Einen »gemütlichen Abend« hatte Riesling versprochen, das wurde es – Gott, oder wem auch immer, sei Dank – nicht! Doris Wirkner

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