Er leitet die Notfall-Aufnahme am Marburger Klinikum: Der aus Frankenberg stammende Dr. Andreas Jerrentrup fordert einen härteren Lockdown. (Archivfoto)
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Er leitet die Notfall-Aufnahme am Marburger Klinikum: Der aus Frankenberg stammende Dr. Andreas Jerrentrup fordert einen härteren Lockdown. (Archivfoto)

Corona-Lockdown

Corona in Marburg: Notfallmediziner will härteren Lockdown – Dritte Welle könnte „bedrohlichste“ werden

  • Lena Karber
    vonLena Karber
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Der Chefarzt der Notfallmedizin am Marburger Uni-Klinikum fordert einen härteren Lockdown. Mit dieser Forderung ist er nicht alleine: Zahlreiche Intensivmediziner schlagen Alarm.

Marburg – Der Chefarzt der Notfallmedizin am Marburger Uni-Klinikum hat einen härteren Lockdown gefordert. „Wenn man sie jetzt nicht einfängt, wird die dritte Welle die bedrohlichste“, sagte Dr. Andreas Jerrentrup im Interview mit der „Oberhessischen Presse“. Zwar sei die Situation auf der Marburger Intensivstation momentan „noch stabil“, doch die Zahl der Infizierten im Landkreis sei „bedrohlich“. Dies, so fürchtet er, werde mit zeitlicher Verzögerung zu Problemen auf den Intensivstationen führen, auf denen inzwischen zudem deutlich mehr jüngere Covid-19-Patienten zu finden seien.

Der Leiter der Notfallmedizin zeigte Verständnis für den Frust vieler Menschen angesichts der Situation und der ständig wechselnden Verordnungen. „Aber aus medizinischer Sicht wäre ein kürzerer, härterer Lockdown sinnvoll, um die Zahlen runterzukriegen und dann mit den Impfungen einen Schutz zu haben, sodass man vernünftig öffnen kann und das Gesundheitssystem dadurch nicht überlastet wird“, so Dr. Andreas Jerrentrup. Das Bundeskabinett einigte sich am Dienstag (13.04.2021) immerhin auf eine bundesweit einheitliche sogenannte „Notbremse“, mit der ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 100 scharfe Regeln gelten. Für Marburg bedeutet sie etwa eine nächtliche Ausgangssperre.

Corona-Pandemie: Zahlreiche Intensivmediziner fordern harten Lockdown

Dr. Andreas Jerrentrup ist einer der sieben Koordinatoren, die für die stationäre Covid-Versorgung in Hessen zuständig sind – und war mit seiner Forderung nach einem harten Lockdown bei weitem nicht alleine. Zahlreiche Notfallmediziner schlagen aktuell Alarm. Auch die Deutsche Inter­disziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) hat am vergangenen Freitag in einer Meldung mit dem Titel „Mehr Patienten und weniger Betten. Die Zeit drängt“ auf die kritische Lage hingewiesen. Laut DIVI ist die Zahl der Intensiv-Patienten mit Covid-19 seit dem Start der dritten Welle einen Monat zuvor von 2721 auf 4515 gestiegen. Bereits jetzt würden planbare Operationen zum Teil verschoben – etwa bei Tumoren.

In zwei Wochen, so die Prognose der DIVI, werde die Situation auf den Intensivstationen deutlich kritischer sein. Professor Christian Karagiannidis, med.-wiss. Leiter des DIVI-Intensivregisters und Leiter des ECMO-Zentrums der Lungenklinik Köln-Merheim, rechnet damit, dass sich die Zahl der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen dann auf die 6000 zubewegen wird. Das wären mehr als auf der Spitze der zweiten Welle. „Ein harter Lockdown, wie wir ihn seit Ende Februar fordern, für einen Zeitraum von etwa drei Wochen, kann die hohen Inzidenzen deutlich sinken lassen und damit auch die Zahl der Intensivpatienten deutlich verringern“, fasst DIVI-Präsident Professor Gernot Marx die Situation aus Sicht der Vereinigung zusammen.

Uni-Klinikum Marburg: Chef der Intensivmedizin glaubt an rasche Verbesserung der Lage

Der Marburger Notfallmediziner Dr. Andreas Jerrentrup rechnet zwar damit, dass Corona die Menschen noch viele Jahre oder gar dauerhaft beschäftigen wird, geht jedoch von einer Normalisierung der Situation ab Herbst aus. Zudem glaubt er, dass sich das Impftempo ab dieser Woche deutlich beschleunigen wird – wobei das Biontech-Werk in Marburg eine große Rolle spiele. „Ich glaube, in einigen Wochen stehen wir schon ganz gut da“, so der Mediziner.

Über die angespannte Lage am Uniklinikum Gießen-Marburg hat sich kürzlich auch der Ärztliche Geschäftsführer Professor Werner Seeger im Interview geäußert. Die Gießener Infektiologin Dr. Susanne Herold warnt sogar bereits vor der Möglichkeit einer vierten Corona-Welle. 

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