1. Wetterauer Zeitung
  2. Hessen

Lkw-Fahrer raste 25 Sekunden auf Stauende zu

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Mücke/Grünberg (rs). 600 bis 700 Meter muss der Lastwagenfahrer auf der A 5 zurückgelegt haben, ohne die Verkehrssituation vor ihm wahrzunehmen. Das waren rund 25 Sekunden, in denen er am frühen Morgen des 21. November 2011 nicht bemerkte, dass sich der Verkehr vor ihm wegen eines Unfalls staute.

So passierte es, dass der 42-jährige Berliner Berufskraftfahrer zwischen den Anschlussstellen Homberg (Ohm) und Grünberg die Fahrzeuge erst erkannte, als es viel zu spät war: Die Vollbremsung aus Tempo 93 wirkte nur 45 Meter, dann krachte der 25-Tonner mit noch 84 Stundenkilometern ins Heck eines Ford Fiesta, begrub den Kleinwagen unter sich und schleifte den in Flammen aufgegangenen Wagen noch 150 Meter mit, wobei der Lastwagen nur durch weitere Kollisionen mit Fahrzeugen gestoppt wurde. Denn der erste Anprall hatte das Bremssystem lahm gelegt. Die beiden Männer im Fiesta waren sofort tot, drei weitere Autofahrer wurden zum Teil schwer verletzt. Wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung verhängte das Amtsgericht Alsfeld gestern 150 Tagessätze zu je 20 Euro. Die Strafe fiel so gering aus, weil sich der Kraftfahrer außer dem Augenblicksversagen nichts hatte zu schulden kommen lassen: Die Ruhezeiten hatte er eingehalten, das Fahrzeug war technisch in Ordnung.

Es war ein gebrochener Mann, der sich am Dienstag zu verantworten hatte. Seit dem Vorfall im November ist er in psychologischer Behandlung, er meidet Autobahnen, fährt nur noch Kurzstrecken und lebt vom Krankengeld im Haus seiner Mutter. Die Staatsanwaltschaft warf dem 42-Jährigen vor, gegen 6.30 Uhr an dem Morgen von Berlin kommend trotz guter Sicht und trockener Straße den sich aufstauenden Verkehr nicht rechtzeitig bemerkt zu haben.

Nachfragen des Anklagevertreters und auch der Richterin, warum der Berufskraftfahrer fast eine halbe Minute mit Tempo 90 unterwegs gewesen sein muss, ohne den sich dramatisch verändernden Verkehr wahrzunehmen, konnte der Angeklagte nicht beantworten. Nachdem er bis in den frühen Abend des Vortages geschlafen hatte, sei er gegen 22 Uhr in Berlin losgefahren. Bei Leipzig habe er eine vorgeschriebene Ruhepause eingelegt. Kurz vor der Anschlussstelle Homberg habe er noch überlegt, ob er in Mücke oder erst bei Frankfurt eine Pause einlegen soll, mehr wisse er nicht, dann habe das Unglück seinen Lauf genommen.

Feuerball im Rückspiegel

Ein erster Zeuge erinnerte sich, dass er auf dem Weg nach Wetzlar den sich offensichtlich bildenden Stau gut habe erkennen können. Voraus auf der Kuppe bei den beiden Rastplätzen hätten Blau- und Gelblicht geblinkt, er und viele andere Autofahrer hatten die Warnblinkleuchten an. Da habe er plötzlich ein Krachen gehört und im Rückspiegel etwas Großes auf sich zurasen sehen. Der Lastwagen schleuderte den Pkw des 51-Jährigen von der Überholspur nach rechts in die Leitplanke, wo der Wagen gegen die Fahrtrichtung zum Stehen kam. Sein Mitfahrer habe dann nur noch geschrieen »raus, raus hier«, und dann hätten beide hinter der Leitplanke Schutz gesucht.

Eine weitere Zeugin war mit einem Arbeitskollegen auf dem Weg nach Gießen, als sie den Stau erkannte und langsam mit Warnblinker auf das Ende zurollte. Da habe sie plötzlich einen Feuerball im Rückspiegel gesehen, es dem Kollegen sagen wollen, aber da sei ihr »Mini« bereits vom Lkw erfasst und in die Mittelleitplanke geschoben worden. Sie habe ihrem Beifahrer über ein Fenster aus dem Autowrack geholfen und sich auch hinter die Leitplanke geflüchtet.

Den Begriff Feuerball benutzte auch ein dritter Zeuge (48), der mit seinem Lastwagen gerade erst auf die A 5 gefahren war. Der von hinten mit dem brennenden Kleinwagen unter dem Führerhaus herannahende Unglücks-Lastwagen schob einen Pkw unter den Lkw des 48-Jährigen, dessen Insassen aber nur leicht verletzt wurden.

Ein Sachverständiger hatte das Unfallgeschehen aufgenommen und anhand von Fahraufzeichnungen und Luftbildern rekonstruiert. Demnach war der 25-Tonner nicht überladen, die Ladung ordnungsgemäß gesichert und das Fahrzeug bis zum ersten Aufprall technisch in Ordnung. Auch wenn Lastwagen nur Tempo 80 fahren dürften, so sei der Tempobegrenzer doch auf 85 Kilometern pro Stunde mit einer Toleranz von fünf Stundenkilometer (plus oder minus) eingestellt gewesen.

Das Unfallfahrzeug sei mit Tempo 93 unterwegs gewesen, der vor dem Unfall einzusehende Bereich von 600 bis 700 Meter sei mit dieser Geschwindigkeit in rund 25 Sekunden durchfahren worden. Um bei Tempo 90 zum Stehen zu kommen, hätte der Lkw nur knapp 90 Meter benötigt, wäre er die vorgeschriebenen 80 Stundenkilometer gefahren, seien es rund 70 Meter gewesen. Der Unfall wäre demnach auch bei vorgeschriebener Geschwindigkeit nur durch mehr Aufmerksamkeit zu vermeiden gewesen.

150 Tagessätze zu je 30 Euro beantragte der Vertreter der Staatsanwaltschaft, während der Vertreter der Nebenklage (Mutter eines Getöteten aus Alsfeld) auch eine Freiheitsstrafe auf Bewährung anregte. Denn das Augenblicksversagen habe mit rund 25 Sekunden doch sehr lange gedauert. Die Vertreterin des Angeklagten hielt 130 Tagessätze zu je zehn Euro für angemessen.

»Fahrer war nicht voll ausgeruht«

Trotz des Einhaltens der Ruhepausen sei der Fahrer wohl nicht voll ausgeruht gewesen, mutmaßte die Richterin als Unfallursache und verhängte wegen fahrlässiger Tötung in zwei Fällen und Körperverletzung in drei Fällen 150 Tagessätze zu 20 Euro. Das Strafmaß müsse sich an der Schuld orientieren, nicht an den Folgen, betonte sie.

Unfall auf A 5 bei Grünberg: Zwei Tote und vier Verletzte

Auch interessant

Kommentare