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Frankfurt ist dicht bebaut, laut und teuer. Das treibt vor allem Familien ins Umland.

Landleben hat seine eigenen Reize

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In Zeiten von Pandemie und Homeoffice wird das Häuschen im Grünen für viele attraktiver. Jenseits des Ballungsraums freut man sich über Zuzug. Dass Frankfurt deshalb nun schrumpft, ist aber kaum zu erwarten.

Das mit den 830 000 Menschen, die laut Prognose im Jahr 2030 in Frankfurt wohnen sollen - das wird wohl erst einmal nichts. Corona hat den immensen Zuzug in die Stadt gebremst. Gewinner, wenn auch in kleinerem Maßstab, gibt es andernorts. Es sind vor allem die Gemeinden etwas abseits der Metropole, die plötzlich attraktiv erscheinen. Na klar, Abstand lässt sich dort leichter halten. Es gibt mehr Grün. Und noch ein paar andere Vorteile.

»Schauen Sie sich einmal die Tabelle an, vor allem die letzte Spalte«, sagt Thomas Horn (CDU), Direktor des Planungsverbands Frankfurt-Rhein-Main. Horn hat qua Amt die gesamte Region vom Odenwald bis in den Vogelsberg, vom Rhein bis an die Lahn im Blick. Die letzte Spalte der Tabelle auf dem DIN-A3-Blatt, auf das er zeigt, gibt die durchschnittliche Wohnfläche pro Kopf in Quadratmetern an, wie sie den Menschen in den Städten und Gemeinden des Rhein-Main-Gebiets zur Verfügung steht. Während es in Frankfurt rund 38 und in Offenbach 36 sind, residieren die Einwohner von Glauburg auf 55, die von Ronneburg auf knapp 56 und die von Glashütten auf 60 Quadratmetern.

»Sie bekommen da draußen das Arbeitszimmer in der Wohnung quasi automatisch dazu«, sagt Horn. Und das zu einem weitaus niedrigeren Preis als in Frankfurt und den unmittelbar umliegenden Kommunen. Gerade das häusliche Arbeitszimmer ist in Zeiten von Corona, Homeoffice und Homeschooling zu einem bedeutsamen Mehrwert geworden. Horn geht davon aus, dass auch mit wieder sinkenden Inzidenzzahlen ein hybrides Arbeiten - einige Tage im Betrieb, einige zu Hause - Bestand haben wird. Und damit bleibt auch die bereits gestiegene Nachfrage nach Wohnungen, Häusern oder Baugrundstücken im weiteren Umland bestehen. Horn sieht deshalb vor allem zwei Gewinner: die Polyzentrik als solche, also die Vielzahl der Kommunen in der Region anstatt einer auf Zentralität ausgerichteten Struktur. Und die Städte und Gemeinden im zweiten Ring um Frankfurt, die bisher als Siedlungsschwerpunkte eher weniger im Blick waren.

»Corona ist für viele Kommunen eine Riesenchance«, sagt Verbandsdirektor Horn. Grundstücke gingen teils »weg wie geschnitten Brot«. Gerade für die mittelgroßen Städte mit 30 000 bis 50 000 Menschen sieht er »eine Renaissance«. Sie seien nicht mehr nur dörflich, dennoch überschaubar, böten eine ausreichende Infrastruktur etwa mit Ärzten, Gastronomie, Wochenmärkten, Schulen und Einkaufsmöglichkeiten.

Dennoch geht auch Horn davon aus, dass Frankfurt nach einer Zeit der Stagnation weiter wachsen wird, wenn vielleicht auch etwas langsamer als zuletzt erwartet. Viele Jahre war die Einwohnerzahl rasant gestiegen, teilweise um 15 000 Menschen im Jahr. Die Frankfurter Wirtschaft boomte, die Zahl der Arbeitsplätze kletterte auf immer neue Rekordwerte. Besonders das ließ trotz der hohen Preise und Mieten stets Zigtausende Menschen im Jahr neu in die Stadt ziehen. Dass Frankfurt bald die Marke von 800 000 Einwohner durchbricht, schien ausgemacht, war Grundlage für die Stadtplanung, begründete das Ziel, neue Baugebiete auch auf Wiesen und Äckern auszuweisen. Nun ist die Bevölkerung erstmals seit 20 Jahren gesunken. Nicht einmal mehr 750 000 Menschen waren zum 30. Juni in Frankfurt gemeldet. Das hat mit Korrekturen am Melderegister zu tun, aber ganz klar auch mit der Corona-Pandemie, die Frankfurt heftiger traf als viele andere Städte.

Gerade Zuzüge aus dem Ausland haben Frankfurt in den vergangenen Jahren wachsen lassen. Doch die waren zuletzt kaum möglich. Und der Wunsch, in ein anderes Land zu ziehen, war wohl selten geringer als in der Pandemie. Dass Frankfurt nun schrumpfen wird, glauben dennoch die wenigsten. Er sei überzeugt, dass sich das Wachstum nach dem Ende der Pandemie wieder fortsetzen werde, sagt der auch für Statistik zuständige Baudezernent Jan Schneider (CDU). Und verweist auf die Attraktivität der Stadt.

Auch Planungsdezernent Mike Josef (SPD) geht davon aus, dass die Stadt in zwei oder drei Jahren wieder wächst. Dabei will er die jüngste Entwicklung nicht nur mit der Pandemie erklärt wissen. Inzwischen seien die Preise so hoch, dass sich eine Familie mit zwei Kindern kaum noch eine Wohnung in der Stadt leisten könne, sagte er jüngst. Neue Mietwohnungen sind so teuer, dass selbst Doppelverdiener mit guten Gehältern Schwierigkeiten bekommen. Und daran hat die Pandemie nichts geändert.

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