+

Kommentierte Ausgabe von Hitlers "Mein Kampf" erscheint

Rund 70 Jahre nach Hitlers Tod ist seit heute "Mein Kampf" als kritisch kommentierte Ausgabe auf dem Buchmarkt. Prof. Sascha Feuchert von der Justus-Liebig-Universität war dafür eingetreten. Warum, erklärte er uns im Vorfeld der Veröffentlichung im Interview.

Herr Professor Feuchert, die meisten Deutschen kennen keinen einzigen Satz aus "Mein Kampf". Wann haben Sie das erste Mal darin gelesen? Sascha Feuchert: Das war vor etwa zehn Jahren während der Edition der Kellner-Tagebücher (Justizinspektor Friedrich Kellner, 1885-1970, gilt als bekanntester Laubacher Neinsager gegen die NS-Diktatur – Anmerkung der Redaktion ). Kellner zitiert intensiv aus "Mein Kampf" – auch um zu zeigen, dass das Programm der Nationalsozialisten schon lange bekannt war. Haben Sie das Buch ganz gelesen? Feuchert: Ja, aber immer wieder nur in Auszügen, nicht in chronologischer Reihenfolge. Von vorne bis hinten hielte man das auch kaum aus. Wie hat es auf Sie gewirkt? Feuchert: Es ist ein Text voller Aggression, der auch klare Vorstellungen davon enthält, was Hitler vorhat und will. Seinem Antisemitismus lässt er freien Lauf. Zugleich ist es eine Schrift, die sich an die eigenen Parteigenossen wendet und eine Programmschrift für sie sein will. Gab es denn damals viele Normalbürger, die "Mein Kampf" wirklich gelesen haben? Feuchert: Das ist einer der Mythen um das Buch: Es sei nicht oft gelesen worden. Man kann sagen, dass das Quatsch ist. Nicht nur wegen der hohen Auflage von zwölf Millionen Exemplaren zwischen 1925 und 1945 –, sondern auch, weil Zeitgenossen daraus häufig zitiert haben, Auszüge des Buches auch im Alltag des Dritten Reichs präsent waren. Zeigt das Ihrer Meinung nach, dass die Menschen damals nicht so ahnungslos sein konnten, wie viele hinterher behaupteten? Feuchert: Ich befasse mich ja schon lange mit diesem Thema. Es ist eine Tatsache, dass man vieles wissen konnte, wenn man denn wollte. Hitler schreibt in "Mein Kampf" ja bereits Mitte der Zwanzigerjahre davon, dass man die Juden vernichten müsse. Und er wiederholt es immer wieder. Hat die Lektüre des Buchs Ihr Hitler-Bild verändert? Feuchert: Nein. Sie hat mein Bild verfestigt. Könnte "Mein Kampf" heute noch gefährlich werden? Feuchert: Es gibt Menschen -– darunter viele Holocaust-Überlebende -–, die befürchten, dass dieses Buch sozusagen ansteckend sein könnte. Ich respektiere selbstverständlich diese Meinung, und "Mein Kampf" ist ganz sicher eines der schlimmsten Bücher, die je in deutscher Sprache erschienen sind. Aber die Gedanken darin sind nicht anders als die in den vielen Reden Hitlers. Und die sind bereits alle veröffentlicht. Sie befürworten die kommentierte Neuausgabe, die das Institut für Zeitgeschichte in München im Januar herausbringen will.   Feuchert: Die Argumente für eine Veröffentlichung wiegen für mich stärker als die Bedenken. Von entscheidender Bedeutung ist, dass der Text in wissenschaftlich kommentierter Form erscheint; damit deutlich wird, aus welchen Quellen sich Hitlers verqueres Weltbild speist, wo er Fakten verdreht oder schlichtweg lügt. "Mein Kampf" kann jeder sowieso leicht im Internet bekommen –- aber eben nur in unkommentierten Ausgaben. Deshalb finde ich es wichtig, dass man ein Gegengewicht durch die kommentierte Ausgabe schafft, das Buch erklärt und historisch aufschlüsselt. Eine ernsthafte Konkurrenz für die unkommentierten Versionen im Internet kann die Neuedition allerdings nur dann sein, wenn sie ebenfalls online verfügbar ist. Und zwar kostenlos - ich möchte mir nicht vorstellen, dass jemand mit "Mein Kampf" Geld verdient. Ist es denkbar, dass "Mein Kampf" demnächst einfach so in der Buchhandlung steht? Feuchert: Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in einer Auslage liegt wie ein normales Buch. Aber dass es auch über die Buchhandlungen beziehbar ist, ist ja ein Sinn der Neuausgabe. Im Januar läuft das Urheberrecht aus. Kann dann jeder Verlag in Deutschland "Mein Kampf" herausbringen? Feuchert: Nein. Das bayerische Justizministerium vertritt die gemeinhin akzeptierte Meinung, dass man gegen die kommentierte Ausgabe nicht vorgehen wird, aber jede andere unter dem Tatbestand der Volksverhetzung verboten werden muss. Erwarten Sie, dass die Neuausgabe ein "Bestseller" wird? Feuchert: Nein, die Edition ist ja auch eher für wissenschaftliche oder schulische Zwecke konzipiert. Und da wird sie auch die meiste Verbreitung finden. War das Verbot des Buchs 1945 durch den Freistaat Bayern in Ihren Augen die richtige Entscheidung? Feuchert: Ich kann zumindest den Reflex verstehen, es so zunächst aus dem Verkehr zu ziehen. Allerdings glaube ich, dass es klüger gewesen wäre, früher eine kommentierte Ausgabe verfügbar zu machen. Welchen Stellenwert hat das Buch heute noch bei Neonazis? Feuchert: Es ist in dieser Szene zum Mythos geworden –- auch weil es verboten war. Es hat fast eine Art Fetischcharakter angenommen. Ich bin aber sicher, dass eine kommentierte Ausgabe das nicht unterstützen wird; diese Edition ist für solche Menschen uninteressant, weil sie ja den Mythos entzaubert. Wie bewerten Sie Satiren wie "Er ist wieder da", die bei Jüngeren das Hitler-Bild wahrscheinlich zunehmend prägen? Feuchert: Ich denke, dass auch solche Werke ein guter Anlass sind, über die Ereignisse zu sprechen und zu reflektieren. Deshalb wünsche ich mir eigentlich, dass man genau über solche Bücher auch in schulischen Kontexten diskutiert und sie kontextualisiert.

Quelle: Gießener Allgemeine

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare