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»Kinder haben einen zehnstündigen Bürojob«

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Hüttenberg/Gießen (ür). Kinder sind zuweilen lebhaft und brauchen viel Bewegung. Oft wird dies fehlinterpretiert als krankhaftes Verhalten. Und schnell sind Ärzte dabei, das Kind als hyperaktiv einzustufen. Diese Ansicht vertrat der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Klaus-Dieter Grothe aus Gießen (mit Praxis in Wetzlar), bei einem Vortrag in der Chrischona-Gemeinde in Hörnsheim

Hüttenberg/Gießen (ür). Kinder sind zuweilen lebhaft und brauchen viel Bewegung. Oft wird dies fehlinterpretiert als krankhaftes Verhalten. Und schnell sind Ärzte dabei, das Kind als hyperaktiv einzustufen. Diese Ansicht vertrat der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Klaus-Dieter Grothe aus Gießen (mit Praxis in Wetzlar), bei einem Vortrag in der Chrischona-Gemeinde in Hörnsheim. Eingeladen hatte ihn die Beratungsstelle »Weißes Kreuz«, die in dort Menschen in Fragen von Sexualität, Ehe und Familie berät.

Grothe führte aus, dass bei Kindern schnell das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) oder eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diagnostiziert werde. Diese Krankheiten würden als moderne Zeiterscheinung gelten. Doch schon Gemälde aus dem Mittelalter zeigten Mädchen und Jungen mit dieser Erkrankung. Der Arzt Heinrich Hoffmann hielt 1844 im Kinderbuch »Der Struwwelpeter« die Geschichte des Zappelphilipps in Bildern und Worten fest - eines hyperaktiven Kindes.

Um bei einem Kind ADHS festzustellen, müssten die drei Faktoren Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität auftreten. Dies müsse sich in der Schule, in der Freizeit und in der Familie nachweisen lassen. Ein unruhiger Teenager könne kein ADHS haben, wenn dies nicht schon früher aufgetreten sei. Die Symptome müssten vor dem sechsten Lebensjahr erkennbar gewesen sein, so Grothe.

Oftmals seien die Beobachtungen bei Kindern auf andere Faktoren zurückzuführen. Dabei sei festzustellen, dass andere psychiatrische Störungen wie etwa Ängst viel häufiger auftreten. Untersuchungsergebnis von Kindern, die angeblich ADHS hatten: Fünf bis 15 Prozent hatten eine Störung im Sozialverhalten, zehn Prozent litten an Angststörungen, drei bis fünf Prozent an depressiven Störungen - und nur ein bis drei Prozent hatten tatsächlich ADHS.

Folgen seien Entwicklungsrückstände und Lernstörungen, eine Begleiterscheinung die sogenannten Tics. Ursachen für die Hyperaktivität könnten das Temperament sein, während Jungen nach Aussage von Grothe häufiger betroffen sind als Mädchen. Als weitere Ursache gilt mangelnde Stimulierung in früher Kindheit. Dazu zählten auch Bindungsstörungen und Verwahrlosung.

ADHS-Kinder seien vor allem in der Schule auffällig. Sie litten an Lernstörungen, könnten sich nicht konzentrieren. Kinder zwischen sechs und 16 Jahren, die für ihre Entwicklung Bewegung brauchten, hätten in der Schule einen »Bürojob«, kritisierte Grothe. Durch Schule und Hausaufgaben seien sie bis zu zehn Stunden täglich zum Sitzen angehalten. Die schulischen Probleme führten zu einem negativen Selbstbild bis hin zu Minderwertigkeitsgefühlen. Zudem hätten sie eine geringe Konfliktfähigkeit. Eine Folge seien psychosoziale Probleme.

Um Defizite auszugleichen, würden die ADHS-Betroffenen im Jugendalter oft kriminell oder alkoholabhängig. Die Familie sollte ADHS-Kinder besonders unterstützen, indem sie diese über die Schulzeit bringen und ihnen helfen, ein positives Selbstbild zu gewinnen.

Grothe räumte ein, dass ein ADHS-Kind erhöhte Anforderungen an Eltern mit sich bringe. Vater und Mutter müsse klar sein, dass Charakter und Temperament des Nachwuchses nicht verändert werden könnten. Dennoch könnten sie durch erzieherische Maßnahmen den Kindern helfen. »Sie brauchen eine klare Ordnung und klare Regeln, die den Alltag überschaubar machen.«

Hilfreich seien verhaltentherapeutische Trainingseinheiten zur Selbstorganisation und Selbstinstruktion. Auch an der Impulsivität sollte gearbeitet werden. Die Kinder würden oft handeln, ohne zu überlegen. »Sie wechseln häufig die Beschäftigung und haben Mühe, ihre Arbeit zu planen. Sie rufen im Unterricht dazwischen, haben Schwierigkeiten beim Spielen.«

Heute sei das Medikament Ritalin Standard in der ADHS-Therapie. Allerdings, so Grothe, hätten 50 Prozent aller Kinder, die das Medikament verordnet bekommen, gar keine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung.

Grothe erschütterte mit weiteren Zahlen. Eine Untersuchung habe gezeigt, dass nur zehn Prozent der Kinder, die in eine Klinik aufgenommen wurden, tatsächlich ADHS hatten. »90 Prozent der Mädchen und Jungen wurden auf ADHS behandelt, obwohl sie lediglich eine Verhaltenstherapie brauchten«, so der Referent.

Die Leiterin der Beratungsstelle in Hörnsheim, Margita Tischer, dankte Grothe für seine Informationen. Sie kündigte einen weiteren Fachvortrag für Dienstag, 15. März, um 19.30 Uhr an. Kinder- und Jugendpsychiaterin Dr. Christa Steinberg fragt dann: »Wie lernen Kinder, was gut und böse ist?« (Foto: Archiv)

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