Dr. Marita Anwander
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Dr. Marita Anwander

Hörnsheimer Gynäkologin half auch in Haiti

Hüttenberg (sha). »Es ist erstaunlich, wie man mit ganz geringen Mitteln so viel erreichen kann«, stellt Dr. Marita Anwander jeweils fest, wenn sie in Sierra Leone oder Haiti mit anderen Medizinern, Krankenschwestern und Psychologen für »Ärzte ohne Grenzen« tätig ist.

Bereits während ihres Studiums in Tübingen hatte Anwander »die Idee, humanitäre Hilfe zu leisten«. 2005 nahm die seit zehn Jahren als Oberärztin im Klinikum Wetzlar tätige Gynäkologin Kontakt mit der privaten, unabhängigen Hilfsorganisation auf, hatte 2006 ihren ersten Einsatz – auf Haiti. Seitdem war die Medizinerin in Sierra Leone, an der Elfenbeinküste und 2010 – nach dem schweren Erdbeben – wieder auf der Karibikinsel tätig.

Sie sei »sehr froh«, mit ihrem Arbeitgeber eine Vereinbarung getroffen zu haben, die es ihr gestatte, »in jedem Jahr zwei Monate lang« für »Ärzte ohne Grenzen« tätig sein zu können, sagte Anwander dieser Tage im Gespräch mit der »Allgemeinen Zeitung«.

Als Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe unterstützte die Hörnsheimerin von Januar bis August 2006 ein Projekt zur Notfallgeburtshilfe auf Haiti. In einem Krankenhaus, das direkt an die küstennahen Slumgebiete der Hauptstadt Prot-au-Prince angrenzte, entband Anwander unter anderem Frauen per Kaiserschnitt. »Die Kosten für so eine Form der Entbindung erreichen beinahe die Höhe des Jahreseinkommens einer Familie aus dem Slum«, erläuterte Anwander. »Ärzte ohne Grenzen« behandelten die betroffenen Frauen kostenlos.

Dieses Projekt der Hilfsorganisation auf Haiti lief bis zu dem schweren Erdbeben im Januar 2010. Nachdem das Krankenhaus stark beschädigt wurde, suche »Ärzte ohne Grenzen« nach einem Ersatz; angedacht sei ein Container-Krankenhaus, berichtete die Medizinerin.

Bevor die Gynäkologin zu Beginn dieses Jahres nach Haiti zurückkehrte, um mitzuhelfen, eine Notfall- und Basisversorgung für die Erdbebenopfer aufzubauen, war sie in Westafrika tätig.

Von Januar bis April 2007 arbeitete sie in einem Projekt an der Elfenbeinküste, das sich um Frauen mit »geburtshilflichen Fisteln« kümmerte und HIV-Patienten betreute. Eine »Fistel« ist ein Loch, zum Beispiel in der Blase oder im Darm, das entsteht, wenn ein Kind quer in der Gebärmutter liegt und die Wehen den Kopf des Kindes gegen die Beckenknochen der Frau drücken. Das zwischen dem Kindskopf und dem Beckenknochen liegende Gewebe – Blase und Darm – wird nicht mehr ausreichend durchblutet und stirbt ab. Löcher in Blase und Darm sind die Folge.

In Sierra Leone, Januar bis März 2008, war Anwander in ein Schulungsprojekt der Hilfsorganisation eingebunden. Sie bildete lokale Ärzte und Hebammen im Umgang mit unterschiedlichen Verhütungsmitteln und Schwangerschaftskomplikationen aus. Die Sterblichkeitsrate von Frauen bei der Geburt lag im Jahr 2006 in Sierra Leone bei 1200 zu 100 000, erläuterte die Gynäkologin. In Deutschland liege sie bei 1 bis 2 zu 100 000.

Ihr jüngster Einsatz für »Ärzte ohne Grenzen« führte Anwander dann erneut nach Haiti. Am sechsten Tag nach dem Erdbeben kam sie im Karibikstaat an und blieb acht Wochen. In Carrefour, einem Vorort von Port-au-Prince, versorgte sie zusammen mit fünf Chirurgen, zwei Anästhesisten und zwei Krankenschwestern die Erdbebenopfer in einem Provisorium aus Planen und Matratzen auf der Straße vor dem zerstörten Krankenhaus.

In dieser Zeit kümmerte sich die Medizinerin neben der Gebursthilfe auch um die Wundversorgung der Patienten, die mit Knochenbrüchen und zerschmetterten Gliedmaßen zu dem internationalen Ärzteteam gebracht wurden. Unterstützt von fünf Ärzten und 15 Krankenschwestern aus Haiti wurden so während der ersten vier Tage ihres Einsatzes täglich 400 bis 500 Patienten versorgt.

»Das Fehlen moderner Apparate, wie sie in Deutschland jeden Tag zum Einsatz kommen, schult das Gefühl für den Patienten und verbessert das eigene Vermögen, Diagnosen zu stellen«, betonte Anwander. »Von dieser Erfahrung profitieren auch meine Patienten in Deutschland«, meint die in Wetzlar praktizierende Oberärztin.

Und die Zukunft der Hörnsheimerin bei »Ärzte ohne Grenzen«, was wird sie bringen? »Ich möchte HIV-Therapien für Schwangere unterstützen«, skizziert Anwander ihr Vorhaben bei der internationalen Hilfsorganisation. 2011 werde sie in Vorbereitung für einen solchen Einsatz Fortbildungen besuchen, die »Ärzte ohne Grenzen« für seine Mitarbeiter anbietet. Im übernächsten Jahr geht es dann wieder ins Ausland. Wo ihr Einsatzort liegen wird, weiß die Medizinerin allerdings noch nicht.

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