Die Jugendherberge auf dem Hoherodskopf. wird auch von Wochenendausflüglern und Wandertouristen gerne genutzt. FOTO:DPA
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Die Jugendherberge auf dem Hoherodskopf. wird auch von Wochenendausflüglern und Wandertouristen gerne genutzt. FOTO:DPA

Hessens Jugendherbergen in Not

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Fast leere Speisesäle und ungewöhnliche Ruhe auf den Fluren - den hessischen Jugendherbergen macht die Corona-Pandemie schwer zu schaffen. Kommt das Geschäft mit Klassenfahrten und Seminaren im kommenden Jahr wieder in Schwung?

Die Corona-Pandemie hat Hessens Jugendherbergen in die Existenzkrise gestürzt. Wo sonst Dutzende Schüler fröhlich das Zusammensein auf Klassenfahrt genießen oder große Azubi-Gruppen sich zu Seminaren treffen, wird jetzt teils nur eine Handvoll Gäste betreut. "Manche Häuser stehen unter der Woche sogar ganz leer", sagte Knut Stolle, Sprecher des Landesverbandes Hessen des Deutschen Jugendherbergswerkes. Bis mindestens Februar kommenden Jahres könnte die Durststrecke weitergehen, denn bis dahin hat das Kultusministerium Klassenfahrten für die hessischen Schüler verboten. Ihre Hoffnungen setzen die Häuser deshalb aufs zweite Schulhalbjahr von Februar 2021 an, aber auch auf touristische Übernachtungen von Familien und wieder anziehende Buchungen im Seminargeschäft.

Rund 620 000 Übernachtungen wurden im vergangenen Jahr in den zuletzt noch 29 zum hessischen Jugend- herbergsverband zählenden Häusern gebucht, davon 37 Prozent für Schüler-Klassenfahrten. Weitere 30 Prozent machten die Teilnehmer von Bildungsseminaren aus, darunter Auszubildende großer Unternehmen und Freiwilligendienste.

Weil solche Gruppen nur noch vereinzelt anreisen - etwa aus Nordrhein-Westfalen, wo es kein Klassenfahrten-Verbot gilt - erwartet Verbandssprecher Stolle drastische Umsatzeinbrüche - von 24 Millionen Euro im vergangenen auf nur noch rund fünf Millionen Euro in diesem Jahr. "Wir werden einen herben Verlust unter dem Strich haben", sagte Stolle.

Das trifft auch die 450 bis 500 Mitarbeiter der Häuser in Hessen: Geringfügig Beschäftigte wurden bereits in unbezahlten Urlaub geschickt oder freigestellt, für die übrigen gilt Kurzarbeit bis ins kommende Jahr hinein, wie Stolle sagte. Mit besonderer Flexibilität reagieren die Leitungen der einzelnen Häuser auf die Krise. Wo es entsprechende Nachfragen gebe, öffnen die Häuser. "Wir müssen gucken, dass wir gerade im Gruppengeschäft mitnehmen, was wir kriegen können."

Deshalb hätten die Jugendherbergen in Hessen auch die Fristen für kostenlose Stornierungen für Schulklassen verkürzt auf 28 und für andere Gruppen auf 14 Tage - und falls Gesundheitsämter oder das Kultusministerium Klassenfahrten wegen Corona-Infektionsfällen untersagen sollten, seien Stornierungen generell kostenfrei.

Auch Zukunftsinvestitionen sollen den Häusern in diesen unsicheren Zeiten helfen, mehr Gäste anzulocken. In diesem Monat sollen die beiden Jugendherbergen Starkenburg in Heppenheim und Burg Breuberg im Odenwald nach einem Umbau wiedereröffnet werden. In der Starkenburg wurden unter anderem neue Zimmer geschaffen, teils auch mit eigenem Bad.

Noch mehr als solche qualitativen Aufwertungen mache aber die Lage der Häuser bei den Buchungen aus, sagte Stolle. So seien die beiden Jugendherbergen am Edersee sowie Hessens höchstgelegene Einrichtung auf dem Hoherodskopf im Vogelsberg die beliebtesten Häuser, die auch von Wochenendausflüglern und Wandertouristen gerne genutzt würden.

Erst Ende August hatte der Landesverband bekannt gegeben, dass drei hessische Jugendherbergen wegen des finanziellen Drucks, der aufgrund der Corona-Krise entstanden ist, schließen müssen. Dabei handelt es sich um die Häuser in Gießen und Weilburg in Mittelhessen sowie im südhessischen Zwingenberg.

Um die Folgen der Pandemie abzumildern, hoffen die hessischen Jugendherbergen auch auf Soforthilfemittel für Jugendherbergen und soziale Einrichtungen. Derzeit würden die entsprechenden Anträge vorbereitet, sagte Stolle. Sollten weitere Jugendherbergen in Hessen schließen müssen, wäre das aus seiner Sicht auch in pädagogischer Hinsicht ein herber Verlust für das Bundesland. "Wir sind felsenfest der Meinung, dass den Schulen etwas verloren ginge. Einige Aspekte des sozialen Lernens sind so kaum zu ersetzen."

Dass Klassen- und Kursfahrten pädagogisch sinnvoll sind, wird auch beim hessischen Kultusministerium gesehen. Es gehe nicht darum, diese dauerhaft auszusetzen, sondern das Verbot sei dem Pandemiegeschehen geschuldet, sagte ein Ministeriumssprecher. Zunächst aber müssten sich die Schulen auf den Unterricht als ihre Kernaufgabe konzentrieren, nachdem es monatelang keinen oder kaum Präsenzunterricht gegeben habe. "Ob im zweiten Halbjahr Klassen- und Kursfahrten wieder stattfinden können, wird unter dem Eindruck des Pandemiegeschehens zu entscheiden sein", so der Sprecher.

Quelle: Gießener Allgemeine

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