1. Wetterauer Zeitung
  2. Hessen

Gravierende Fehleinschätzung

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Hedwig Rohde

Kommentare

Mordfall der kleinen Johanna Bohnacker
Mordfall der kleinen Johanna Bohnacker © Polizei

Ein folgenreicher Trugschluss hat offenbar dazu geführt, dass Rick J. erst 18 Jahre später wegen der Entführung, des Missbrauchs und der Tötung von Johanna Bohnacker verhaftet wurde.

Dies ergab am gestrigen zwölften Verhandlungstag am Landgericht Gießen die Vernehmung von Beamten der damaligen Ermittlungsgruppe. Bereits in den ersten Stunden nach Johannas Verschwinden vom Sportplatz Bobenhausen am 2. September 1999 hatte sich ein Zeuge gemeldet, dem auf seiner spätnachmittäglichen Fahrt von Ranstadt über Bellmuth nach Bobenhausen ein VW Jetta mit Homburger Kennzeichen aufgefallen war, zuerst langsam fahrend auf der Straße, später auf dem zum Sportplatz führenden Radweg.

Zunächst hatte sich, wie der damalige Leiter der Ermittlungsgruppe vor Gericht erläuterte, im Anschluss an die erfolglose Durchsuchung der waldreichen Umgebung Bobenhausens durch Hunderte Feuerwehrleute, THW-Angehörige und Freiwillige am Nachmittag des 3. September der Verdacht erhärtet, das Johanna keinen Unfall erlitten hatte, sondern entführt worden war. Daher wurde die Suche nach dem VW Jetta zu einem von acht maßgeblichen Ermittlungsabschnitten, für die jeweils ein eigener Abschnittsleiter verantwortlich zeichnete. Im Verlauf der nächsten Tage stellte sich zunächst die Zeugenbeschreibung der Farbe des VW Jetta als falsch heraus. »Braun« war in der Farbpalette des Herstellers nicht vorgesehen, wohl aber ähnlich erscheinende Farben wie »Malagarot«. Nachdem eine Befragung des Zeugen unter Hypnose keine weiteren Teile des HG-Kennzeichens zutage förderte, wurde beim Kraftfahrzeugbundesamt eine vollständige Liste der VW-Jetta-Halter im Kreis Bad Homburg angefordert. 598 Personen wurden daraufhin überprüft – unter ihnen Rick J., bei dem nicht nur die dunkle Farbe des Wagens, sondern auch die längeren Haare (der Bobenhäuser Zeuge hatte einen Fahrer mit Pferdeschwanz beobachtet) in etwa zur vorhandenen Beschreibung passten.

Auch die Ermittlungsbeamten bearbeiteten die Spur Rick J. zunächst offensichtlich prioritär. Am 20. September 1999 fanden zeitgleich zwei Ereignisse statt: Zwei Beamte führten den Zeugen in die Tiefgarage in Friedrichsdorf, um dort den VW Jetta zu begutachten. Zwei weitere Beamte in Begleitung des Ermittlungsgruppenleiters suchten Rick J. in seiner Wohnung auf und vernahmen ihn ungewöhnlicherweise bereits als Beschuldigten – warum, vermochte der Ermittlungsgruppenleiter gestern nicht zu sagen. Sie befragten ihn zu seinem Alibi – Auffahrunfall am Nachmittag, später angeblicher Anruf bei einem Freund, am späten Abend Besuch der Freundin. Anschließend durchsuchten sie das in der Tiefgarage stehende Fahrzeug, ohne darin allerdings Johanna gehörende Kleidungsstücke oder Gegenstände zu finden. Als die Beamten auf dem Rückweg nach Friedberg bei Rick J.s Freundin in Rosbach-Rodheim vorbeischauten, um sich ihren spätabendlichen Besuch bestätigen zu lassen, hatten sie inzwischen aber wohl bereits von der Aussage des Zeugen in der Tiefgarage erfahren: Dieser hatte angegeben, der Wagen könne aufgrund der Ausstattung zwar passen, sei seiner dunkelgrünen Farbe wegen aber auszuschließen. Dies allein gab anscheinend – obwohl sich keiner der Ermittlungsbeamten gestern darauf festlegen wollte – den Ausschlag, die ansonsten so vielversprechende Spur Rick J. nicht weiter zu verfolgen.   Kurze Haare irritierten   Kleine Panne am Rande: Einer Zeugin, die den VW Jetta an der Tankstelle Nidda gesehen hatte, wurden Fotos vorgelegt. Fünf davon schloss sie aus, bei einem sechsten stellte sie Ähnlichkeit mit dem Fahrer fest, aber keine richtige Übereinstimmung. Es war ein Foto, das Rick J. mit kurzen Haaren zeigte.

Auch interessant

Kommentare