Das Gespräch

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Alle paar Monate treffe ich mich mit einem alten Freund zu einem gemeinsamen Austausch, bei dem wir gerne mal die gesamte politische, gesellschaftliche, berufliche und private Lage in Grund und Boden diskutieren. So auch kürzlich, selbstverständlich in "gebührendem Abstand", wie man ja pflichtbewusst in aller Korrektheit in dieser Zeit hinzufügen muss. Ich freute mich auf dieses Treffen.

Bei der Anfahrt nahm ich mir fest vor, ihm später vorzuschlagen, das Thema Corona weitergehend auszuklammern, da es mir schlicht zum Halse raushing. Gerade erst ärgerte ich mich wieder darüber, wie viel Dummheit durch die sozialen Netzwerke waberte und welch fanatischer Irrsinn auf diesen sogenannten Hygiene-Demos zu beobachten war. Ich hatte also den innigen Wunsch, über andere Themen mit ihm zu sprechen.

Doch schon kurz nach unserer Begrüßung, in gebührendem Abstand selbstverständlich, stellte mir jener Freund die Frage, wie ich das denn alles so mit den staatlichen Verordnungen, Einschränkungen und Lockerungen sähe. Ich bemühte mich um eine kurze Antwort und merkte dabei allerdings sehr rasch, dass er all das, was ich da sagte, ganz anders sah. Oh je, er war also einer von der Gegenseite … Er machte ein, zwei Bemerkungen über Impfungen und Politiker, da sackte ich innerlich in mich zusammen und dachte nur: Och nee, bitte nicht er auch noch. Ich mag ihn doch so, und er ist doch so ein intelligenter Mensch, da kann er doch jetzt nicht auch diesem Verschwörungsmüll verfallen sein. Und die Aussicht darauf, mir in den nächstem zwei Stunden irgendwelche abseitigen Theorien anhören zu müssen, fühlte sich ähnlich prickelnd an wie die Vorstellung, auch noch im nächsten Jahr entweder vor Autos oder alternativ vor 20 Gesichtsmasken auftreten zu müssen.

Ich wollte weg, nach Hause, Netflix gucken oder den Rasen mähen. Doch ich war ja gerade erst gekommen, und das Thema wechseln wollte ich auch nicht, denn meinen Widerspruch musste ich schon noch loswerden. Also widersprach ich ihm. Und er dann wieder mir. Und ich dann wieder ihm. Und so weiter und so fort. So ging das eine ganze Weile, doch je länger das alles dauerte, desto ruhiger und entspannter wurde ich. Wir unterbrachen uns nie und hörten uns gegenseitig aufmerksam zu. Ich begann seine Haltung, seine Sicht, seine Standpunkte zu verstehen, auch wenn ich bis zum Schluss nur wenig davon teilte. Und ich spürte, dass es ihm umgedreht ähnlich ging. Es gab keine Lösung, vielleicht noch nicht einmal einen Konsens, es gab weder Sieger noch Verlierer, und doch, es gab am Ende den gemeinsamen Wunsch, dieses Gespräch bald fortzuführen. So fuhr ich bereichert nach Hause und dachte mir, wie unwichtig diese krakeelenden Schreihälse auf diesen Demos doch sind. Und wie wichtig es dagegen ist, miteinander im Gespräch zu bleiben und sich gegenseitig zuzuhören.

Dietrich Faber ist Kabarettist, Musiker und Autor; mehr im Internet: www.dietrichfaber.de

Quelle: Gießener Allgemeine

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