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Gerd Ludwig: Der Alsfelder in Tschernobyl

Gerd Ludwig aus Alsfeld gilt als einer der besten Fotografen der Welt. Auch mit dem Lucie Award, dem Oscar der Branche, wurde er ausgezeichnet. Unter anderem machte er Bilder aus dem Reaktor Tschernobyl.

Der Weg zum Starfotografen begann für Gerd Ludwig am Autobahndreieck Kirchheim. Mit 500 Euro in der Tasche. Gerade hatte er sein Lehramts-Studium abgebrochen: "Jeden Morgen den gleichen Weg zur gleichen Schule laufen - das konnte ich mir nicht mehr vorstellen." Stattdessen wollte Ludwig die Welt sehen. Als Anhalter reiste er ein Jahr lang durch Nordeuropa und die USA, schlug sich durch als Maurer, Matrose und Tellerwäscher. Weil ihm das Geld für Souvenirs fehlte, machte er Fotos. "Als ich zurückkam, wollte ich das machen, was mir am meisten Spaß bereitete - und das war plötzlich die Fotografie."

Mit dem Streifzug sprach Gerd Ludwig 2010 über seine Foto-Arbeit in Tschernobyl:

Sie haben dramatische Fotos im Reaktor von Tschernobyl gemacht ...

GL: "Ja, für 'National Geographic' war ich tiefer in dem zerstörten Reaktor als je ein anderer westlicher Fotograf. Ich konnte zwischen 1991 und 2005 dreimal einen Arbeitertrupp begleiten. Trotz Gasmaske und Schutzbekleidung durften sich diese Arbeiter pro Tag nur für eine Schicht von 15 Minuten in dem gefährdeten Bereich aufhalten."

Mit welchen Gefühlen geht man an diesen Ort des Schreckens?

GL: "Es ist ein irrsinniges Gefühl und schwer, diese Gefahr zu vermitteln, die man nicht sieht, nicht schmeckt, nicht riecht und nicht spürt. Aber sie ist da - im Bewusstsein. Wir sind dunkle Gänge entlanggestolpert, über provisorische Treppen und Stege, über Geröll. Wir mussten uns sehr schnell bewegen, denn wir hatten ja nur 15 Minuten. Nach der Hälfte der Zeit hat der Geigerzähler schon wieder gepiept. Das war die Warnung, uns schnellstens auf den Rückweg zu begeben. Für einen Fotografen ist das eine Gratwanderung. Mann würde die Zeit gerne verlängern, man weiß aber auch, wie gefährlich die Situation ist. Es war gespenstisch."

Warum setzen Sie sich diesen Gefahren aus?

GL: "Ich sehe mich als Instrument derer, die durch den Unfall so sehr gelitten haben. Ich will mein Bestes tun, ihr Leid und ihre Verzweiflung zu zeigen. Ich setze mich dieser Gefahr stellvertretend für die Opfer aus. Das sind die Helden meiner Geschichten. Ich habe viele Menschen fotografiert, die durch Tschernobyl gelitten haben. Viele waren bereit, ihr Leid mit der Welt zu teilen - selbst im Wissen, dass sich für sie nichts mehr ändert, aber in der Hoffnung, dass sie dazu beitragen können, dass so etwas nicht noch einmal passiert. Engagierte Fotografen nehmen diese Strapazen und Risiken auf sich, um ihren Teil dazubeizutragen."

Wie wirkt sich die Katastrophe von 1986 heute auf das Leben der Menschen aus?

GL: "Nach dem Reaktorunfall sind viele Menschen erst 48 Stunden später informiert worden, was da passiert war. Mehr als 300.000 wurden evakuiert. Sie hat man in Großstädte verfrachtet, wo sie ohne Verwandte und Bekannte leben sollten. Viele - besonders ältere - haben sich nach ihrer Heimat gesehnt und sind illegal in die Zone zurückgekehrt. Anfangs wollte die Polizei sie wieder entfernen. Mittlerweile haben die Behörden aber eingesehen, dass man die älteren Menschen lieber an Krebs auf ihrer eigenen Scholle sterben lässt, als an gebrochenem Herzen in einer anonymen Großstadt. Vor zehn Jahren haben dort 800 Menschen gelebt, jetzt sind es etwa 400 Personen, die dort in der verseuchten Zone leben - natürlich unter finsteren Umständen.

Erzählen sie uns davon ...

GL: "Es gibt keine öffentlichen Verkehrsmittel, einmal im Jahr - an Ostern - werden die Menschen eingesammelt, um in eine Kirche zu fahren. Alle vier Wochen kommt ein Ärzte-Team vorbei, einmal in der Woche verkauft ein Privatunternehmen aus Kiew aus einem Lkw Seife und Waschmittel. Die Menschen bauen selbst auf den kontaminierten Böden an, halten Hühner. Es wird wahnsinnig viel getrunken, anfangs hat man ihnen sogar Wodka als Heilmittel gegen Radioaktivität gegeben. Viele sind dem Alkohol verfallen. Mittlerweile gibt es in Tschernobyl, das weiter von dem Reaktor entfernt ist als die Geisterstadt Prypjat, wieder ein Hotel. Die neueste Entwicklung ist der Katastrophentourismus. Man kann tatsächlich mit einer Reisegruppe einige Stellen des zerstörten Reaktors und die Geisterstadt besuchen."{newPage}

Ein außergewöhnliches Buch: "Der lange Schatten von Tschernobyl" von Gerd Ludwig

Wenn man einmal von Schul- und Lehrbüchern absieht, dann ist Literatur meist unterhaltend, informativ und manchmal, wenn es um Bildbände geht, auch brillant und effektvoll. Solche Bücher werben schon auf dem Cover mit einem der imposantesten Bilder für den Inhalt. Das Werk, das wir hier vorstellen, ist auch ein Bildband, ein Fotobuch. Auf dem Titel findet man aber keine Fotografie. Auf der Rückseite auch nicht. Der Einband ist deshalb außergewöhnlich - und der Inhalt auch. Dieses Buch trägt den Titel "Der lange Schatten von Tschernobyl". Lange her, könnte man sagen. Fast schon vergessen. Mag sein –- aber Tschernobyl darf man nicht vergessen. Der Name steht für die größte nukleare Katastrophe der Welt. Ja, immer noch, auch nach Fukushima, kann das ukrainische Kernkraftwerk diesen traurigen Superlativ nicht abgeben.

Bei einer Simulation eines vollständigen Stromausfalls kam es 1986 im Block 4 des AKW Tschernobyl aufgrund schwerwiegender Verstöße gegen die geltenden Sicherheitsvorschriften sowie der bauartbedingten Eigenschaften des mit Grafit moderierten Kernreaktors vom Typ RBMK-1000 zu einem unkontrollierten Leistungsanstieg, der zur Explosion des Reaktors führte. Innerhalb der ersten zehn Tage nach dem Unfall wurde eine Aktivität von mehreren Trillionen Becquerel freigesetzt. Die so in die Erdatmosphäre gelangten radioaktiven Stoffe kontaminierten infolge radioaktiven Niederschlags hauptsächlich die Region nordöstlich von Tschernobyl sowie viele Länder in Europa (Wikipedia).

"Dunkel und beklemmend"

Über die Katastrophe wurde viel geschrieben. Sie veränderte in einigen Ländern den Blick auf die Nutzung der Kernenergie, in Deutschland stärkte sie die Anti-Atomkraft-Bewegung. Heute ist der Atomausstieg in der Bundesrepublik längst beschlossene Sache, gleichwohl bleibt die Energiewende umstritten. Die Erinnerung an Tschernobyl ist auch hierzulande verblasst. Zu früh – denn die Folgen des Katastrophe sind noch spürbar, in der Region um das Kraftwerk erst recht. Noch immer ist eine riesige Fläche rund um die Stadt Prypjat Sperrgebiet.

Das im Mai in die Läden gekommene Buch rüttelt auf. Es mahnt uns. Nein, es macht uns nicht betroffen, weil wir ja mittlerweile von allerlei betroffen sind: Von einem durchschnittlichen Sommer wie von einem schlechten Fernsehprogramm. Tschernobyl hat mit diesem alltäglichen Nichts wenig gemein. Jede Doppelseite des Buches schockiert, erschüttert, macht fassungslos. Wut, Trauer und Anteilnahme wechseln sich beim Blick auf die Bilder ab. Diese zutiefst berührenden Fotografien stammen von Gerd Ludwig. Wenn wir sein Werk hier vorstellen, hat das weniger damit zu tun, dass der renommierte Fotograf in unserem Verbreitungsgebiet aufgewachsen ist -– aber eben auch. Dieses Buch macht uns aber vor allem klar, dass Tschernobyl nicht vorbei, kein Ereignis von gestern ist. Und das betrifft nicht nur die Menschen in den kontaminierten Gebieten.

Daten und Zahlen
Die Katastrophe von Tschernobyl war der bisher schwerste Unfall in einem Atomkraftwerk. Insgesamt halfen rund 600 000 sogenannte Liquidatoren, die Folgen der Katastrophe zu mindern. 134 der Arbeiter wurden so stark verstrahlt, dass sie an akuter Strahlenkrankheit litten. 28 von ihnen starben innerhalb von Tagen und Wochen. Etwa 116 000 Menschen wurden im Laufe des Jahres 1986 aus den umliegenden Gebieten in Sicherheit gebracht.

Neunmal hat der in Alsfeld geborene Ludwig Tschernobyl besucht. Und er hat sich so weit wie kaum ein anderer Fotograf ins Innere des Unglücksreaktors 4 vorgewagt. Ludwig selbst beschreibt das so: "Es war die größte fotografische Herausforderung, die ich jemals erlebt habe. Die Umgebung war dunkel, laut und beklemmend. Der Adrenalinschub war unglaublich. Ich hatte maximal 15 Minuten Zeit, um eindringliche Bilder von einem Ort zu machen, den nur wenige jemals gesehen haben."

Auf den Seiten 170 bis 181 sind Ludwigs Fotos vom "Bauch des Ungeheuers" zu sehen. "Zuerst erreiche ich mit meinem Begleiter den Kontrollraum, wo die todbringenden Fehler unterliefen. Schemenhaft wie ein Gespenst begegnet uns ein Arbeiter zum Auftakt unserer Wanderung durch eine Geisterwelt, in der ich Angst und Grausen erlebe. ... Im Innern des Sarkophags führen uns notdürftig beleuchtete Tunnel zu Räumen voll lebensgefährlich verstrahltem Schrott. Nur ganz kurz bekomme ich Zutritt zum teilweise eingestürzten Drillbereich 207/5, von dem aus Bohrungen direkt unter den Kern des Reaktors gemacht wurden. Im Block 4 ist die Strahlung immer noch so hoch, dass mir nur wenige Sekunden bleiben, um eine Uhr zu fotografieren. Am 26. April 1986 ist die Zeit für immer stehen geblieben, genau um 1.23.58 Uhr früh."

Es sind aber nicht nur diese Fotos, die Seltenheitswert haben, die dieses Buch so besonders machen. Ludwig hat die Opfer fotografiert, die Liquidatoren, die Arbeiter, die Erkrankten, die Trauernden, die Betroffenen. Und die Gebäude in der Region, so zum Beispiel Stühle, Spielzeug und Gasmasken als "surrealistisch anmutendes Stillleben im Zimmer eines Kindergartens". Bezeichnend für die Lage der Menschen ist das Foto auf Seite 90: "Jahrelanger Kummer, Verlust Depression und Angst prägen die Gesichter von Invaliden auf dem Gang einer Behörde", beschreibt Ludwig das Bild. Die Menschen warten dort auf die Klassifizierung als Opfer der Katastrophe, von der die Höhe ihrer Entschädigung abhängt. Nicht nur dieses Foto ist ein Meisterwerk.

Dieses Buch hätte ein Vorwort von Michail Gorbatschow nicht gebraucht, um sozusagen Renommee und Marktwert zu steigern. Aber dass der letzte Präsident der Sowjetunion, der zum Zeitpunkt des Unfalls gerade 13 Monate im Amt war, den Fotos mahnende Worte voranstellt, zeigt, wie sehr die Arbeit von Ludwig auch in der ehemaligen Sowjetunion geschätzt wird. Das Buch hat für Aufsehen gesorgt.

Wichtiger Fotopreis

Im Naturhistorischen Museum in Wien ist noch bis zum 1. September eine Ausstellung mit den Bildern Ludwigs zu sehen. Am 20. September wird der Ausnahmefotograf mit dem Erich-Salomon-Preis 2014 der Deutschen Gesellschaft für Photographie ausgezeichnet, einem der wichtigsten Fotopreise weltweit. Die Preisverleihung findet im Rahmen der photokina in Köln statt. Ludwig, der schon mehrfach geehrt wurde und in Los Angeles lebt, arbeitete für "Spiegel", "Stern", "Geo", "Zeit-Magazin", "Merian" und "Art". Seit vielen Jahren ist er vornehmlich für "National Geographic" tätig.

Bleibt noch die Frage, wie der Einband des Buches gestaltet wurde, in dem alle Texte in englischer, deutscher und französischer Sprache abgedruckt wurden. Genannt werden Ludwig als Fotograf und Autor, Michail Gorbatschow als Verfasser eines Essays, der Titel und der Verlag (Edition Lammerhuber). Und man kann eine Telex-Mitteilung der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS vom 28. April lesen, in der leidenschaftslos über den Unfall im Kernkraftwerk berichtet wird. Zu dem Zeitpunkt war aber schon klar, dass es eine nukleare Katastrophe von nicht gekannter Dimension war. Ludwig schreibt dazu: "Von Anfang an spielten die nationalen und auch die internationalen Behörden die Folgen des Desasters von Tschernobyl herunter ..." So ist es, leider. Aber auch nicht nur. So ist es bis heute geblieben. Beide Seiten stehen sich unversöhnlich gegenüber. Dabei gibt es durchaus gute Gründe für die Atomkraft, aber es gibt auch schlagende Argumente dagegen. Man kann die Energiewende in unserem Land begrüßen, man darf sie aber auch kritisieren, weil sie eben auch kritikwürdig ist. Nichts ist perfekt. Aber wo auch immer man steht: An Ludwigs Fotografien kann man nicht vorbei.

Das Buch hat 252 Seiten und kostet 75 Euro. Burkhard Bräuning

Quelle: Gießener Allgemeine

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