Dem Thema Genuss widmen sich mittlerweile ganze Messen: Hier die "Land & Genuss" in Frankfurt, die immer weiter wächst.
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Dem Thema Genuss widmen sich mittlerweile ganze Messen: Hier die "Land & Genuss" in Frankfurt, die immer weiter wächst.

Serie "Unser täglich Brot"

"Genuss ist ein Gefühl"

  • Sabine Glinke
    vonSabine Glinke
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Zu Weihnachten stehen sie wieder an: Festliche gedeckte Tafeln voller Leckereien. Doch warum gönnen sich viele nur an den Feiertagen einen solchen Genuss? Und warum verkneifen wir uns das so oft? Haben wir das Genießen verlernt?

Das Wörterbuch definiert den Begriff Genuss auf zweierlei Art und Weise: Erstens als "Aufnahme von Nahrung", zweitens als "Freude, Wohlbehagen bei etwas, was jemand auf sich wirken lässt". Doch wann fühlen wir uns wohl? Wann genießen wir? Und: Wie macht man das überhaupt?

Dem Thema Genuss widmen sich mittlerweile ganz Messen. Doch, was ist das überhaupt: Genuss? Genuss ist, das sagt die Online-Enzyklopädie Wikipedia, etwas sehr subjektives und individuell verschieden. Denn während dem einen ein Glas Rotwein schmeckt, trinkt der andere lieber Bier. Oliven sind für den einen Hochgenuss, für den nächsten ein Graus. Fakt ist: Den Begriff Genuss verbinden die meisten wie auch seine lexikalische Definition mit dem Essen. Die Online-Enzyklopädie definiert Genuss als "positive Sinnesempfindung, die mit körperlichem und/oder geistigem Wohlbehagen verbunden ist".

Doch es geht auch noch deutlich präziser: "Genuss kommt von genießen", erklärt Prof, Dr. Bernhard Schieffer, Direktor und Chefarzt der Kardiologie am Universitätsklinikum Gießen-Marburg. Schieffer wird genauer: Es gehe in erster Linie darum, ob etwas genießbar sei. Und genießbar, wiederum, das habe damit zu tun, ob etwas ess- und für den Körper verwertbar sei. Leuchtet ein, denn zum Beispiel Pilzsammler wissen, dass es Pilze gibt, die zwar nicht giftig, aber dennoch ungenießbar sind.

"Uh, das ist ungenießbar" ist ein Ausdruck, der dann zum Tragen kommt, wenn jemand eine ihm vorgesetzte Speise oder ein Getränk überhaupt nicht schmeckt oder er oder sie gar einen Ekel davor hat. Was für uns genießbar ist, das sei seit Jahrtausenden in unserem Genom festgelegt, sagt der Marburger Kardiologe. Verknappt dargestellt: Was schon für den Neandertaler genießbar war, kann auch heute nicht verkehrt sein. Stoffe und Produkte, die der Mensch schon damals verzehrt habe, seien heute deutlich seltener Auslöser für Allergien als "neuere" Produkte. So sei häufig nicht das Getreide an sich das Problem, sondern die modernen und gentechnisch veränderten Züchtungen.

Ist also nur mit hochwertigen Lebensmitteln Genuss zu erzielen? Nein, Genuss sei viel mehr als das, meint Roland Reuss. Folgt man dem Wikipedia-Beitrag, setzt sich Genuss tatsächlich aus verschiedenen Sinneseindrücken zusammen. Roland Reuss ist Küchenchef im Restaurant Waldschlösschen auf dem Hofgut Dagobertshausen. Er sagt: Genuss – das hänge aktuell vor allem mit dem Zeitfaktor zusammen. "Wir nehmen uns keine Zeit mehr, zu genießen", sagt Reuss. Ein gemeinsames Essen mit der Familie, Mutter, Vater, Kinder, alle zusammen zu einem festen Zeitpunkt an einem Tisch – das gebe es in den meisten Familien nicht mehr. Dabei gebe es nichts besseres, als sich einmal am Tag eine Stunde Zeit zu nehmen, sich miteinander zu unterhalten und dabei gemütlich zu essen. "Das muss gar nichts Aufwendiges sein", sagt Reuss, der den Gästen im Waldschlösschen tagaus, tagein hochwertige Gerichte kredenzt."Eine klassische Brotzeit tut es auch." Und vor allem: "Einfach mal das Smartphone weglegen, über den Tag reden und sich aufs Essen konzentrieren". Als Chefkoch eines hochwertigen Restaurants wie dem Waldschlösschen hat Reuss täglich mit dem Thema Genuss zu tun. Aber das bringt auch Anlass zur Kritik mit sich, denn vielen gehe es tatsächlich weniger ums Essen, sondern vielmehr darum, etwas darzustellen. Gerade jetzt in der Weihnachtszeit gehe es bei vielen Weihnachtsfeiern nicht darum, miteinander wertvolle Zeit zu verbringen, sondern eher darum, dass der Chef "schick eingeladen" habe. Viele hätten auf so etwas gar keine Lust. Die Hektik des Alltags und die zahlreichen Verpflichtungen, denen wir uns beugen müssten, sorgten dafür, dass viele gar nicht mehr genießen würden, sagt Reuss. Er empfiehlt: Eine gemeinsame Mahlzeit pro Tag – mit der Familie, mit Freunden, einfach mit Zeit füreinander.

Noch weiter geht Robert Ackermann, der mit seiner Frau Stephanie die Manufaktur "Mellow Monkey" betreibt. In Gießen-Allendorf stellen die beiden Premium-Marshmellows her; mit ihrem Food-Truck und ihrem Marshmellow-Eis fahren sie auf exklusive Events. Er sagt: "Die Leute haben regelrecht verlernt, zu genießen." Er bemängelt, dass der Begriff Genuss für viele gedanklich mit dem Geldbeutel verknüpft sei. "Ich höre oft: Das kann ich mir nicht leisten". Doch damit hat Genuss Ackermann zu Folge nur wenig zu tun. "Ich muss doch nicht gleich auf die Luxusschiene gehen. Genuss ist ein Gefühl." Und ein gutes Gefühl hänge von vielen Faktoren ab, aber sicher nicht alleinig am Geld. "Es geht ums Wohlfühlen, um Geborgenheit". Nur, wenn man sich wohl und geborgen fühle, könne man auch genießen. Eine weitere Voraussetzung sei Ruhe. "Nur, wenn mich nichts stresst, bin ich überhaupt in der Lage, zu genießen." "Auch ein Rückzugsort kann für mich Genuss sein, zum Beispiel das Abtauchen in der Badewanne oder ein Spaziergang ohne Telefon". Dem stimmt Professor Schieffer zu: "Genießen kann ich alles." Doch warum ist der Genuss in der modernen Welt so sehr in den Hintergrund gerückt? "Genuss und Sünde liegen dicht beisammen", weiß Schieffer. Und auch Ackermann sagt: "Oft glauben die Menschen, dass wenn man sich etwas gönnt und genießt, man den bei uns üblichen Pfad der Tugend verlässt." In vielen Kreisen sei das verpönt. Dabei müsse man sich zwischendrin etwas gönnen und genießen dürfen, um überhaupt die eigenen Akkus wieder aufzuladen und leistungsfähig zu sein. Von daher gelte die Einschätzung "das kann ich mir nicht leisten" nicht. "Doch", sagt Ackermann, "man muss es sich sogar leisten". Der Mensch müsse mehr auf sich selbst hören und wissen, was ihm gut tue. Professor Schieffers Theorie? "Der Körper sagt uns, was wir vertragen und was gut für uns ist", so der Kardiologe. Lerne man, besser in sich hineinzuhören, sinke auch das Risiko für Krankheiten.

Quelle: Gießener Allgemeine

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