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Frauen in der Finanzwelt: Angriff auf die Männerdomäne?

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Frankfurt. Einigkeit auf dem Podium: Frauen sind in der Finanzwelt unterrepräsentiert. Expertinnen der Finanz- und Medienbranche diskutierten auf Einladungen des Deutsche Derivate Verbands (DDV) über »Frauen, Fußball und Finanzen« vergangene Woche beim Landessportbund Hessen.

(gäd). »Männer sind halt einfach Zocker«, ist sich Melanie Kösser, Moderatorin beim Deutschen Anlegerfernsehen, sicher. Und die ehemalige Stadionsprecherin des Frauen-Fußball-Bundesligisten VfL Wolfsburg bezieht das nicht nur auf das Anlageverhalten. »Komm', wir wetten« - das höre sie oft von den Sportkameraden. Diese Mentalität sei einfach eher den Männern gegeben, so Kösser, die selbst für die SG Germania Wiesbaden die Fußballschuhe schnürt.

Und das weibliche Geschlecht? Welche Rolle spielen Frauen in der Börsen- und Finanzwelt? Müssen »wir« Männer uns künftig warm anziehen, wenn es um Optionen, Futures und Zertifikate geht? Dieser Frage ging der Deutsche Derivate Verband (DDV) zu Beginn der vergangenen Woche nach und hatte für die Podiumsdiskussion in den Räumen des Landessportbundes Hessen in Frankfurt Expertinnen aus der Finanz- und Medienbranche eingeladen. »Frauen, Fußball und Finanzen - werden Männer künftig an die Wand gespielt?« lautete die Frage. Und die Antwort darauf würde jeden Trainer vor eine höchst interessante Aufgabe stellen: Das Talent ist da. Der Spielerin fehlt es aber etwas an Mut, um schnell den ganz großen Durchbruch zu schaffen.

Zudem muss man die Rahmenbedingungen schaffen, damit die Hochbegabte ihr volles Potenzial ausschöpfen kann. Wie gesagt, eine interessante Aufgabe für so manche(n) Übungsleiter(in).

Der Termin für die Gesprächsrunde kam natürlich nicht von ungefähr, sondern passend zur Frauen-Fußball-Weltmeisterschaft, bei der die DFB-Elf als Mitfavorit ins Rennen gegangen ist und das wiederholen kann, worauf die Männer seit Langem warten: Den Gewinn eines großen internationalen Titels. Als Schiedsrichter und Antreiber in einer Person fungierte DDV-Geschäftsführer Lars Brandau, der immer wieder geschickt dazwischengrätschte - immer fair wohlgemerkt - und die sehr kurzweilige Diskussion moderierte.

Um die Vormachtstellung der Männer in der Finanzwelt ins Wanken zu bringen, ist allerdings noch so manches dicke Brett zu bohren, waren sich die Expertinnen einig. »Männer haben weniger Hemmschwellen, sich an das Thema Finanzen heranzuwagen«, so die freie Journalisten Antonie Klotz. Allerdings sei hier ein Wandel erkennbar. In den 90er Jahren sei der Anteil der Teilnehmerinnen an Finanzseminaren sehr gering gewesen. Dieser Prozentsatz wachse jedoch kontinuierlich.

Es gebe ein enormes Potenzial, das aber nur in Teilen genutzt werde. Für Stefanie Burgmaier, Chefredakteurin des Anlegermagazins Börse Online ist klar: Frauen könnten die Männer durchaus in Finanzfragen an die Wand spielen, wenn sie sich entsprechend informieren und sich dann auch Entscheidungen zutrauen.

Weniger Verdienst, kleinere Rente

Juliane Bürger, Leiterin des Teams Anlage-Wertpapierlösungen bei der UniCredit Bank AG, wies auf die ganz praktische Notwendigkeit für Frauen, sich mehr mit Finanzmarktthemen zu beschäftigen: Frauen verdienten derzeit im Schnitt 23 Prozent weniger als Männer, was auch entsprechend weniger Rente bedeute. Daher bräuchten sie unbedingt höhere Renditen, um das auszugleichen. Ihrer Meinung nach müsse man früh anfangen, im Bildungsbereich Akzente in diese Richtung zu setzen, nämlich bereits in der Schule. Die aktuelle Situation ist für sie auch der klassischen Rollenverteilung geschuldet, die immer noch in vielen Köpfen vorherrsche. Das Thema Geld sei für viele Frauen lange Zeit tabu gewesen.

Doch stehen die Frauen nun aktiv oder doch eher passiv im Abseits der Finanzbranche? Für Sabine Traub, Leiterin der Primary Market Group an der Stuttgarter Börse, müssen auch die Rahmenbedingungen stimmen: Ausreichende Betreuungsmöglichkeiten für den Nachwuchs seien unerlässlich. Und Andrea Sauter, Vorsitzende des Dagoberta Frauen-Investment-Clubs, nimmt die Unternehmen in die Pflicht, die dafür sorgen müssten, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewährleistet ist. Ein Beispiel dazu aus der Runde: Die beiden Frauen, die sich für Kinder entschieden haben, sind beide selbstständig.

Eine Frauenquote, wie sie von der Politik derzeit diskutiert wird, lehnt Sauter übrigens ab: »Die Qualifikation ist entscheidend.« Doch wie bewegt man denn nun das Talent dazu, aus sich heraus zu gehen. Und vor allem, was muss die Spielerin selbst tun, um den Durchbruch zu schaffen? Für Stefanie Burgmaier liegt das Problem auf der Hand: »Frauen sind viel selbstkritischer als Männer. Damit stehen wir uns oft selbst im Weg.« Und Sabine Traub findet, dass das weibliche Geschlecht durchaus risikobereit sei, wenn es um Anlagefragen gehe. Dazu müssten sie aber zuerst ausgiebig in die Materie eintauchen.

Und: Wenn sie sich in der Gruppe über das Thema austauschen und so zu Entscheidungen kommen können, ist sich Finanzberaterin Andrea Sauter sicher. Im Gegensatz dazu, »machten Männer halt auch einfach mal«, befindet Sabine Traub.

Mehr Selbstvertrauen

Der Weg zur nationalen oder gar zur internationalen Spitze ist steinig, aber durchaus machbar, waren sich die Expertinnen einig. Bis zum breit angelegten Kräftemessen mit den Männern dauert es allerdings noch etwas. Eine Generation werde sicherlich noch benötigt, bis aus vereinzelten Vorstößen eine veritable Offensive geworden ist, hieß es unisono. Von ihren Geschlechtsgenossinnen forderten die Expertinnen im Gegenzug mehr Mut, mehr Selbstvertrauen und mehr Interesse am Thema Finanzen ein. Dann klappt's nicht nur auf dem grünen Rasen, sondern auch mit Optionen, Futures und Zertifikaten.

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