Eindrücke aus der Erstaufnahmeeinrichtung: Vor Fernsehkameras singen Kinder mit Betreuern. 		(Foto: kw)
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Eindrücke aus der Erstaufnahmeeinrichtung: Vor Fernsehkameras singen Kinder mit Betreuern. (Foto: kw)

Flüchtlingseinrichtung in Gießen: 2400 Schicksale, 30 Journalisten

Sie haben gestern in den Fernsehnachrichten Bilder einer Flüchtlingsunterkunft gesehen? Gut möglich, dass sie aus Gießen stammten. Rund 30 Journalisten haben die Erstaufnahmeeinrichtung erkundet. Die meisten zeigten sich beeindruckt von den Bemühungen der Mitarbeiter, den Andrang zu bewältigen

»You are journalists?« Am Anfang haben die Männer die Gäste mit Blöcken, Film- und Fotokameras noch mit etwas Abstand beäugt. Jetzt bilden sich Trauben um die Reporter aus ganz Hessen. Die Ankömmlinge aus Asien, Afrika und Südosteuropa wollen ihre Geschichten erzählen, manche auch die beengte Unterbringung schildern. Ein Familienvater klagt über nächtlichen Lärm, Streits und Polizeieinsätze. Auf Nachfragen stellt er klar: Den Organisatoren mache er keine Vorwürfe. Aber es seien eben sehr viele Menschen versammelt. »Und alle haben Probleme. Sonst wären sie nicht hier.«

2401: Das war am frühen Morgen die Belegungszahl der beiden Standorte der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge (HEAE) in Gießen. Sie ist zu hoch, finden auch die Verantwortlichen vom Regierungspräsidium. Im Laufe der nächsten Monate sollen weitere Außenstellen in Süd- und Nordhessen eröffnen, erklärt Regierungspräsident Lars Witteck (mehr auf Seite 1) den Gästen der Landespressekonferenz.

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Einige Mitglieder dieses Journalisten-Zusammenschlusses hatten beim Plaudern im Landtags-Hof die Idee zu einem gemeinsamen Besuch in der HEAE, verrät Sprecher Christopher Plass vom Hessischen Rundfunk. Viele Kollegen – darunter drei Fernsehteams von ARD, ZDF und RTL – haben die Gelegenheit ergriffen, endlich einmal eine solche Einrichtung von innen zu sehen. Die meisten Medienanfragen nach Besuchen habe man in den letzten Wochen ablehnen müssen, erklärt HEAE-Leiterin Elke Weppler. Zu beschäftigt seien sie und ihre Mitarbeiter mit den alltäglichen Aufgaben.

Hilfsbereitschaft und Willkommen

Verzwanzigfacht hätten sich die Zahlen der Asylantragsteller in Hessen seit 2007, macht Witteck deutlich. Zugleich steige die Ausstattung mit Geld und Stellen. Und Anfang der neunziger Jahre seien es noch mehr gewesen. Im Vergleich zu damals »empfinde ich die Atmosphäre als ganz anders«, betont der CDU-Politiker. »Wir können uns kaum retten vor Anrufen von Leuten, die Kleider oder Spielzeug spenden wollen oder fragen, wo sie ehrenamtlich helfen können.« Das sei sinnvoller in den Kommunen, denen die Flüchtlinge nach den ersten Wochen in der HEAE zugewiesen werden. Dort gebe es Willkommensfeste, Vereine öffneten sich, Freiwillige böten Deutschkurse an, freut sich Witteck. »Unser Ziel ist es, die Menschen möglichst schnell in die Gesellschaft zu integrieren.« Viele von ihnen – etwa gut qualifizierte Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien, dem derzeit am stärksten vertretenen Herkunftsland – seien eine »Bereicherung«.

»Anständig«, »menschenwürdig«, »offen«: Diese Worte benutzen die Verantwortlichen immer wieder. Passt das zur Unterbringung in Zelten? Leider seien sie derzeit nötig, erklären Witteck, Weppler und deren Stellvertreter Reiner Trinks. »Wir gehen aber davon aus, dass wir ohne Zelte über diesen Winter kommen.« Im November soll das brandgeschädigte Gebäude Rödgener Straße 140 mit 744 Betten wieder nutzbar, ab Februar zudem das Haus Nummer 12 mit 676 Plätzen verfügbar sein. Derzeit schlafen etwa 300 Menschen in den – selbstverständlich beheizten und beleuchteten – Zelten, aber immer nur für kurze Zeit.

Und passen diese Ansprüche dazu, dass das in die Schlagzeilen geratene Unternehmen European Homecare die Außenstelle an der Rödgener Straße betreibt? Ja, meinen die RP-Vertreter. Ausführlich legen sie dar, dass die Firma weder für »hoheitliche Aufgaben« zuständig ist noch für den Sicherheitsdienst. Die hohen Qualitätsanforderungen würden ständig kontrolliert. Im Übrigen habe man mit der Vergabe des Betriebs nicht Geld, sondern Zeit gespart.

Die Gebäude im US-Depot wurden kurzfristig frei; es hätte lange gedauert, bis die öffentliche Hand alle Tätigkeiten dort ausgeschrieben und ins Laufen gebracht hätte.

Im Großen und Ganzen scheint die Erstaufnahme in Hessen gut zu funktionieren. Diesen Eindruck gewinnen bei ihren Rundgängen die Journalisten. Und auch bei den Schleusern scheint er angekommen zu sein. Anders kann sich Witteck kaum erklären, warum sich gerade in Hessen – abseits aller Außengrenzen – überdurchschnittlich viele Flüchtlinge asylsuchend melden. Am Flughafen Frankfurt kämen nur wenige an.

Es »hat sich herumgesprochen«, vermutet der RP, dass hier – anders als etwa in Bayern – jeder Hilfesuchende Tag und Nacht aufgenommen wird, wie es das Gesetz vorsieht. Rund 18 500 Neuankömmlinge hat die HEAE in diesem Jahr bisher gezählt. Fast die Hälfte wurde umgehend in andere Bundesländer gebracht, weil die Flüchtlinge entsprechend den Bevölkerungszahlen verteilt werden. Hessen nahm knapp 10 400 Menschen auf.

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