Filmhits als Gregorianik-Pop

Wetzlar (chl). Man stelle sich vor, des Singens mächtige mittelalterliche Mönche gehen heutzutage ins Kino, sind von den gehörten Filmmelodien ergriffen und stülpen in ihrer nächsten Chorprobe diesen einfach ihren gregorianischen Gesangsstil über. Was dabei herauskommen würde, haben in der Rittal-Arena rund 1400 Zuhörer erlebt.

Die britische-deutsche Formation »Gregorian« hat sich mit »The Epic Chants« gut zwei Stunden lang vornehmlich Filmhits und in Kinostreifen als Soundtrack verwendete Lieder vorgenommen.

Doch der von den acht klassisch ausgebildeten, britischen Sängern in Mönchskutten, einer rockenden Band, einem Streichquartett, einem Pianisten und zwei weiblichen Sängerinnen dargebotene Gregorianik-Pop hatte nicht viel mit der ernsthaften, sakralen Musik gregorianischer Chorals zu tun – außer dem weitgehend einstimmigen Chorgesang und der von der Bühne ausgehenden geheimnisvoll-mystischen Aura. Das ist aber längst bekannt, vor allem bei den Fans dieser vom Hamburger Musikproduzenten Frank Peterson Ende der Neunziger initiierten »Mönchs-Boygroup«, die mit ihrer ersten Platte »Masters of Chants« bereits 1999 einen Erfolg hinlegte. Übrigens hatte Peterson auch schon 1990 mit Michael Cretu das im gleichen Metier angesiedelte Projekt »Enigma« ins Leben gerufen.

Stehende Ovationen

Entsprechend pathos-schwanger, ehrfürchtig und erhaben präsentierte sich »Gregorian«. Der Gesang war schön und wohlklingend, die instrumentalen Arrangements durchdacht und mitreißend, und mit vielerlei Effekten – Licht- und Lasershow, Nebelschwaden, Videoleinwand, oftmals dunkle Atmosphäre, wuchtige Trommeleinlagen, handgemachte Spiegelreflexionen bei »Against All Odds« – erhielt das Gesamtpaket eine magische und berührende Anziehungskraft. Stimmig wirkten die gefälligen und weichgespülten Arrangements noch in Balladen wie »Conquest of Paradise«, »The Sound of Silence« (verwendet in »Die Reifeprüfung) oder »World without End« (»Tore der Welt«). Bei anderen Songs wirkte allein schon der Vortrag durch Kuttenträger irritierend: Queens Highlander-Hymne »Who wants to live forever« – samt in die Höhe gestrecktem, brennendem Schwert – oder das Titelthema »He’s a Pirate« aus »Der Fluch der Karibik«, welches mit Trommelklängen und Schwertkampf auf der Bühne ummalt wurde, erklangen kraftvoll und mit gewollt epischem Gehalt.

Auch wenn an der professionellen Musikalität und Qualität kein Grund zum Zweifeln bestand, wünschte man sich, »Gregorian« hätten sich nicht an manchem Original vergriffen. Mitunter wurde der ursprüngliche Charakter in ein zu braves und wohliges Klangkorsett gezwängt. »Engel« der Brachialrocker Rammstein oder »Bring me to Life« der amerikanischen Alternative-Rockband Evanescence waren so ein Fall. Doch hier und bei weiteren Titeln machte die brillante Stimme Amelia Brightmans – mal als schwarzer Engel (mit Flügeln) oder mal als Gladiatorin in »Now we are free« – auf sich aufmerksam und brachte nötige Abwechslung in den Männerchorgesang. Als zweite reizende Sängerin mit strahlendem Glanz beeindruckte Pianistin Eva Mali – etwa beim Song »Nella Fantasia«, einer vokalen Version von »Gabriel’s Oboe« aus dem Film »The Mission«.

Was ebenfalls bei den Herren nicht fehlen durfte, war der typisch britische Humor. In den Ansagen und zur Belustigung vor allem in den Videoeinspielern gab es so für das Publikum auch Momente zum Lachen: Wer schmunzelte da nicht, als beim Vortrag von »My Heart will go on« auf der Leinwand zwei der »Mönche« an der Reling der Titanic erschienen. Mit stehenden Ovationen forderte das Publikum eine lange Zugaberunde ein. Und wer wollte war eingeladen, praktische Fanartikel zu erwerben: Regenschirm, Opernglas und Fußmatte!

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare