Fall K.: Gericht muss Intimfoto beurteilen

Gießen (sha). Im Fall K. beschäftigt derzeit ein einzelnes Foto das Gericht. Die entscheidende Frage: Zeigt es den Intimbereich einer Erwachsenen oder eines Kindes?

Die Qualität des Fotos ist schlecht. Da sind sich alle einig. Wo es herstammt, ist ebenfalls geklärt. Es wurde auf einem USB-Stick des Angeklagten gefunden. Das Foto zeigt eine Scheide und einen Dildo. Auch das ist unter den Prozessbeteiligten unstrittig. Schwieriger wird es, wenn man genauer hinsieht: Handelt es sich bei der fotografierten Person um eine erwachsene Frau oder ein elfjähriges Mädchen? Diese Frage ist von Bedeutung, denn der Angeklagte K. muss sich wegen mehrfachen teils schweren sexuellen Missbrauchs von vier Nachbarskindern vor Gericht verantworten. Von 2008 bis 2013 soll sich der 62-Jährige (wie berichtet) an den damaligen Grundschülern – drei Mädchen und einem Jungen – vergangen haben.

K. bestreitet die Vorwürfe. Das Foto, das die Richter am Montag erneut beschäftigte, ist aus Sicht des Angeklagten harmlos. Er behauptet, lediglich eine intime Aufnahme seiner damals 45-jährigen Ehefrau gemacht zu haben. Die macht in diesem Zusammenhang von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Um der Wahrheit dennoch so nah wie möglich zu kommen, legte die Kammer das Foto zwei Gynäkologen aus Gießen und Kassel vor.

Gynäkologen einer Meinung

Der Mediziner des hiesigen Uniklinikums sagte am Montag, dass die fotografierte Scheide »sicherlich nicht die einer 45-jährigen Frau« zeige. Die Person auf dem Foto sei »zwischen zwölf und 20«. Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Peter Neidel, ob die Fotografierte auch elf Jahre alt sein könnte, erwiderte der Arzt, dies sei »sicher vorstellbar«. An einem anderen Verhandlungstag hatte bereits der Mediziner aus Kassel – Facharzt für Kinder- und Jugendgynäkologie – ausgesagt, auf dem Foto ein »kindliches Genital« zu sehen. Beide Mediziner berichteten, dass auch Kollegen, denen sie das Foto gezeigt hatten, zu dem gleichen Schluss gelangt seien.

Verteidiger Frank Richtberg verwies auf die schlechte Qualität des Fotos. Er zog aufgrund der »starken Körnung und Verzerrung« in Zweifel, dass das Bild überhaupt eine »sinnvolle Beurteilungsgrundlage« sein könne. Richtberg forderte, ein »technischer Sachverständiger« des Bundes- oder Landeskriminalamtes solle klären, »ob eine Beweisverwertung möglich ist«.

Die Richter sahen dies anders. Beide Mediziner hätten bei ihrer Beurteilung bereits die schlechte Qualität des Fotos miteinbezogen, betonte Neidel. Auch ein technischer Gutachter könnte lediglich diese Eigenschaft des Bildes bestätigen, während die Frage, wie alt die fotografierte Person war, »immer« von einem Gynäkologen beantwortet werden müsse. Richtberg blieb jedoch bei seinem Antrag, über den die Kammer bis zum nächsten Prozesstag am Mittwoch entscheiden wird.

Außerdem wurden am Montag Auszüge aus Chatverläufen verlesen, die der Angeklagte via Facebook zu den mutmaßlichen Opfern unterhielt. »Ich liebe dich« und »Du fehlst mir sehr« hatte K. einer damals 13-Jährigen geschrieben, die er mit »Schatz« ansprach.

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