Explosionsartige Nachfrage nach Kurzarbeit

  • Rüdiger Geis
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Nürnberg/Gießen - Die Corona-Krise nimmt jetzt auch den Arbeitsmarkt erkennbar in den Griff. Bis Mitte März haben die Arbeitsagenturen zunächst noch eine positive Entwicklung feststellen können. Zum Stichtag 12. März war bundesweit ein Rückgang der Erwerbslosenzahlen um rund 60 000 auf 2,335 Millionen erkennbar; die Quote wäre um 0,2 Prozentpunkte auf 5,1 Prozent gesunken.

Doch die Einschrän- kungen durch die Virus-Krise lassen diese Zahlen zunehmend in den Hintergrund treten, denn in den vergangenen Tagen registrieren die Arbeitsagenturen eine sprunghaft angestiegenen Nachfrage nach Kurzarbeit. Bundesweit sind es aktuell 470 000 Anträge. In Hessen sind rund 32 000 registriert, im Bereich des Arbeitsamtsbezirks Gießen, zuständig für Stadt und Landkreis Gießen, den Wetterau- und den Vogelsbergkreis, wurden bisher 1700 Anträge gezählt.

Auch die Zahl der Arbeitslosen wird nach Angaben der Bundesagentur (BA) in Nürnberg steigen. BA-Vorstandschef Detlef Scheele rechnet im April mit einem kurzfristigen Anstieg um 150 000 bis 200 000 Betroffene.

Bis zum Beginn der einschränkenden Maßnahmen vor zwei Wochen zeigte sich auch in Hessen der Arbeitsmarkt noch robust. Doch die Corona-Krise hat auch in der Region einen beispiellosen Ansturm auf das Kurzarbeitergeld ausgelöst. Die Welle mit bisher gut 32 000 Anträgen übertrifft diejenige aus der Wirtschaftskrise 2008/2009 bei Weitem. Damals waren in Hessen lediglich bis zu 1470 Anzeigen pro Monat eingegangen.

Deutlicher Anstieg im BA-Bezirk Gießen

Das bestätigte auch Björn Krienke, der als Geschäftsführer im operativen Bereich der Arbeitsagentur Gießen für die Kreise Gießen, Vogelsberg und Wetterau zuständig ist: »Das geht in Richtung des zehnfachen Anstiegs.« 1700 Anträge seien bisher im Bezirk Gießen erfasst. Das seien aber lange noch nicht alle, da neue Anträge »fast stündlich« reinkämen. »Wir erleben derzeit eine Mischung aus Virus, Strukturwandel und Krise mit einem explosionsartigen Anstieg der Anträge auf Kurzarbeit«, machte Krienke den Ernst der Lage gestern im Pressegespräch deutlich.

Um des Ansturms Herr zu werden und Bearbeitungszeiten für Kurzarbeitergeld möglichst kurz zu halten, hat die Behörde intern massiv umstrukturiert und Mitarbeiter aus den Bereichen Berufsberatung und Arbeitsvermittlung speziell für diese Aufgabe geschult. Damit wolle man auch präventiv reagieren, um die Arbeitslosigkeit möglichst in Grenzen zu halten, erklärte Krienke. Aber Kurzarbeit könne letztlich nicht alles abfedern.

Beim jetzigen Stand der Dinge sei es noch nicht möglich, nähere Zahlen darzulegen, was die Kurzarbeit betreffe. Eine belastbare Aussage könne man frühestens im Laufe des April machen.

Erkennbar sei aber, dass der Landkreis Gießen wohl weniger betroffen sei als beispielsweise der Wetteraukreis oder der Vogelsbergkreis, da im Gießener Raum zahlreiche Behörden und vor allem ein ausgeprägter Gesundheits- und Pflegebereich etabliert sei. Personalbedarf der Unternehmen gebe es weiterhin, vor allem im Einzelhandel und in Pflegeberufen, wobei Letztere nach wie vor als »Engpassberufe« zu bezeichnen seien.

In Hessen haben auch große Unternehmen wie die Lufthansa, Fraport, Condor und Opel Kurzarbeit für jeweils Tausende Mitarbeiter angemeldet. Eine Gesamtzahl möglicher Betroffener wurde nicht genannt, weil sie erst sehr viel später feststeht. Die Volkswirte der Großbank UBS erwarten, dass in den nächsten Wochen jeder vierte Beschäftigte in Deutschland in Kurzarbeit sein könnte. 2009 war es nur jeder 25. rüg/dpa/pm

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