"Hair" in Hersfeld

Der ewig junge Traum

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Hippies sind muskulös, schlank und sexy. Ihr Herz schlägt für die Freiheit. Bei jedem ihrer Songs lacht die Sonne. Das und vieles mehr lernt der Zuschauer im Musical "Hair" in Bad Hersfeld.

Regisseur Gil Mehmert gibt alles. 25 Sänger, 35 Songs – seine bunte Hippie-Revue aus der Flower-Power-Zeit rauscht in zwei Stunden als schnelle Nummernfolge vorüber. Das ausverkaufte Haus spendet am Ende Standing Ovations. Zugaben werden herbeigeklatscht. Die Sänger holen das Publikum zum Mittanzen auf die Bühne – das ewig junge Musical "Hair" feierte am Freitagabend bejubelte Premiere bei den Bad Hersfelder Festspielen.

Wobei das ehrwürdige Gemäuer der Stiftsruine diesmal nur als Staffage dient, als Fels gewordener Bühnenrahmen. Vorn ist Raum für eine schwarze Tanzfläche, die auch mal Wohnzimmer oder Marihuana-Plantage sein darf (Bühne: Jens Kilian), weiter hinten macht sich ein Woodstock-Podium für die Band breit – als Sinnbild einer Generation der freien Liebe und ihrer Suche nach Frieden und Freiheit.

Hanf heißt das neue Glück

Die Handlung des Musicals aus dem Jahr 1968 bleibt rudimentär. Eine Gruppe Langhaariger rebelliert in New York gegen das Establishment, die Politik und den Vietnamkrieg. Hanf heißt das neue Glück. Der Provinzler Claude stößt zu den Hippies und verliebt sich in Sheila, die mit Berger zusammenwohnt. Alle surfen auf der Freie-Liebe-Welle. Mehmert ergänzt seinen berauschenden Trip um ein paar Anleihen aus dem gleichnamigen Kinofilm (1979) von Milo? Forman, etwa wenn Sheila auf einem Pferd reitet, das hier als Attrappe über die Bühne rollt.

Der Zuschauer in Hersfeld lernt: Hippies sind schlank, muskulös und sexy. Das lässt sich im Detail überprüfen, wenn im zweiten Akt alle aus Protest ihre bunten Klamotten ausziehen (Kostüme: Dagmar Morell), als sie von der Polizei bedroht werden. Am Ende wird die ausgelassene, manchmal ernste Story rührend. Claude zieht in Uniform und mit kurz rasierten Haaren in den Krieg und stirbt den Soldatentod. Seine Eltern, die ihn in die Schlacht trieben, stehen bestürzt am Grab. Die Blumenkinder setzen für ihren Freund jeder ein letztes Pflänzchen der Erinnerung, ehe die treibende Musik wieder das Zepter übernimmt.

Band strotzt vor Saft und Kraft

Den eingängigen Rocktiteln von Galt MacDermot scheint die ewige Jugend gegönnt. "Aquarius" mit seiner Hoffnung auf ein neues Zeitalter und das pulsierende "Let the sunshine in" klingen selbst nach 50 Jahren unerhört. Auch "Manchester, England" und "Hare Krishna" gehen einem so schnell nicht mehr aus dem Kopf. Ein Grund dafür ist die exzellente zehnköpfige Band, die der langjährige Musikchef der Festspiele, Christoph Wohlleben, auf der Woodstock-Bühne vereint. Sie strotzt vor Saft und Kraft. Gern dürften die erstklassigen Soli auf der E-Gitarre etwas lauter in den Zuschauerraum drängen.

Die Darsteller können sich sehen und hören lassen. Bettina Mönch stand schon vor zwei Jahren bei "Cabaret" im Mittelpunkt und schlüpft nun in die Rolle des eigensinnigen Hippie-Mädchens Sheila. Als ihr Verehrer Claude sammelt Christof Messner Sympathien, mit Perücke und Blauglassonnenbrille sieht er aus wie der junge Ozzy Osbourne. Riccardo Greco in der Rolle des Berger versprüht Vitalität. Und Nils Klitsch verleiht Drogennarr Woof Suchtpotenzial. Die übrigen Darsteller sind als Ensemble eine Wucht.

Gutes Tempo, präzises Timing

Die Lesart von Regisseur Mehmert, der in Hersfeld bereits "Sunset Boulevard" (2011) und "Cabaret" (2016) inszenierte, lebt vom guten Tempo und präzisen Timing (die Choreografien gehen aufs Konto von Melissa Kling) sowie den kleinen, feinen Einfällen, wenn eine junge Scarlett aus "Vom Winde verweht" plötzlich Berger als Ashley bezirzt, Jimi Hendrix ein Solo jaulen lässt, Präsident Lincoln als Stelzenmann umherstakst, der Ku-Klux-Klan veralbert wird oder Liz Taylor im Jeep vorfährt. "Hair" in Hersfeld ist nicht nur für die alten 68er ein Muss, sondern auch für die jungen.

Eingängig

Die Mischung macht's

(mm). Galt MacDermot will 20 der gut 30 Songs von "Hair" in nur drei Wochen komponiert haben. Der gelernte Organist setzt dabei oft auf Kirchentonarten, das macht die Stücke eingängig. Der Kanadier schuf noch weitere Titel für das Musical, die er auf einem Extra-Album veröffentlichte. In Hersfeld werden die Songs auf Englisch gesungen (Buch und Liedtexte stammen von Gerome Ragni und James Rado), der gesprochene Text erklingt auf Deutsch. Die Mischung macht’s, sie funktioniert ohne Abstriche.

Quelle: Gießener Allgemeine

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