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Europas Bildgedächtnis sitzt in Mittelhessen

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Marburg (dpa). Am wohlsten fühlt sich das kulturelle Erbe Europas bei 40 Prozent Luftfeuchtigkeit und einer Temperatur von 18 Grad Celsius. Für diese Bedingungen sorgt eine Klimaanlage im Keller des Bildarchivs »Foto Marburg«, einem der weltweit größten Archive für Aufnahmen von europäischer Kunst und Architektur.

Marburg (dpa). Am wohlsten fühlt sich das kulturelle Erbe Europas bei 40 Prozent Luftfeuchtigkeit und einer Temperatur von 18 Grad Celsius. Für diese Bedingungen sorgt eine Klimaanlage im Keller des Bildarchivs »Foto Marburg«, einem der weltweit größten Archive für Aufnahmen von europäischer Kunst und Architektur. Hier lagern Regal neben Regal Fotografien von Baudenkmälern und Kunstwerken - das Bildgedächtnis Europas. Schlösser können in Flammen aufgehen und Gemälde gestohlen werden, doch ihre Abbildungen sind in Marburg sicher verwahrt. Fast zwei Millionen Fotos zählt die Sammlung des zur Marburger Universität gehörenden Archivs derzeit, Tendenz steigend. Denn als Deutsches Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte hat das Archiv den Auftrag, die wichtigsten Kulturgüter Europas im Bild festzuhalten.

Der Eiffelturm in Paris, der Kölner Dom und die Gemälde Leonardo da Vincis finden sich gleich dutzendfach im Bildarchiv. Aber auch armenische Kirchen und kaum bekannte Fachwerkhäuser aus der deutschen Provinz sind auf Fotos festgehalten. »Das Marburger Bildarchiv ist eine Einrichtung, auf die man als deutscher Wissenschaftler ganz entschieden stolz sein kann«, sagt Prof. Christian Freigang, Kunsthistoriker an der Universität Frankfurt.

Der Architekturexperte gehört zu den vielen Forschern, die auf die weltweit oft einzigen Fotos von einem Kunst- oder Bauwerk aus dem Marburger Archiv angewiesen sind. Bald soll der Bilderschatz auch über die Fachwelt hinaus bekanntwerden: Noch in diesem Sommer will »Foto Marburg« seine Internet-Datenbank nach Angaben von Bildarchiv-Direktor Christian Bracht erstmals für Suchmaschinen öffnen. Wer sich für Baudenkmäler oder Gemälde interessiert, soll dann die Aufnahmen aus dem Dokumentationszentrum einfach finden können. Bracht selbst sieht die Sammlung als doppeltes Archiv: »Zum einen dokumentieren wir Kunstgeschichte. Zum anderen hüten wir Fotos, die als Medium inzwischen selbst historisch geworden sind.« Die ältesten Aufnahmen des 1913 gegründeten Archivs sind mehr als 125 Jahre alt. In der Frühzeit der Fotografie wurden Glasplatten in die Kameras eingespannt und belichtet; später kamen Filme aus Kunststoff zum Einsatz.

Die wenigsten Sorgen bereiten dem Archivdirektor die Glasplatten. »Erstaunlicherweise ist das älteste Medium am wenigsten vom Zerfall bedroht«, sagt Bracht. Für Probleme sorgen hingegen die frühen Kunststoff-Filme. »Negative aus Nitrozellulose zerfallen einem buchstäblich unter den Händen. Uns bleiben noch ungefähr 20 Jahre, um einzugreifen.«

Ein Wettlauf gegen die Zeit. Die Originale aus dem Problemmaterial haben die Archivare schon aufgegeben: »Das Medium selbst ist nicht mehr zu retten. Wir versuchen deshalb, die Bilder auf haltbares Material zu kopieren und möglichst gut zu digitalisieren.«

Der Computer ist heute das wichtigste Arbeitswerkzeug des Bildarchivs Foto Marburg. Fast alle Aufnahmen aus dem Archiv sind inzwischen in einer riesigen Datenbank gespeichert. »Der Raum mit den Festplatten für die Datenbank ist unser Allerheiligstes«, betont Bracht. Das haben die rund 35 Mitarbeiter des Archivs wörtlich genommen und den Raum mit einem riesigen Foto der Marburger Elisabethkirche verziert. Bislang sind die meisten der Aufnahmen nur in niedriger Qualität am Computer erfasst. Deshalb soll jedes Foto neu eingelesen werden - in hoher Auflösung und mit genauer Farbwiedergabe. »Wir fangen noch einmal von vorne an«, sagt Bracht.

Rund 130 000 Fotos seien neu erfasst - also nicht einmal jedes zehnte Bild des Archivs. »Wann dieses Projekt beendet ist, kann man noch nicht seriös abschätzen.«

Ein- oder zweimal im Jahr schickt das Bildarchiv Fotografen für neue Aufnahmen los. Am liebsten in der kalten Jahreszeit, wenn keine Blätter an den Bäumen die Sicht verstellen. Zuletzt kamen romanische Kirchen in Nordhessen vor die Linse. Solche Fotokampagnen sind allerdings aufwendig. »Wir haben zu wenig Personal, um es permanent durch die Gegend zu schicken«, sagt Bracht. »Es ist sehr viel ökonomischer, wenn wir ganze Bestände erwerben.«

Oft übernimmt das Bildarchiv die Nachlässe von Fotografen oder kauft die Sammlung von Kunstverlagen. Wie der sprichwörtliche Augapfel gehütet werden im Bildarchiv »Foto Marburg« die Aufnahmen, die sich niemals mehr wiederholen lassen - weil die abgebildeten Kunstschätze zerstört worden sind.

Bekannte Beispiele sind die Frankfurter Altstadt und der Originalbau der Frauenkirche in Dresden. »Wir sind oftmals die einzigen, die eine bestimmte Abbildung besitzen«, sagt Bracht.

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