Im Einsatz mit "Christoph Gießen" über Hessen

(pad). Der Alarm des Piepsers ertönt. Nun geht alles ganz schnell, nur wenige Augenblicke später sitzt die Crew im Rettungshubschrauber. Pilot Peter Schmitt startet die Triebwerke. Mit Höchstgeschwindigkeit geht es in Richtung Vogelsberg. Alltag für das Team von "Christoph Gießen". Wir begleiteten es einen Tag bei seiner Arbeit.

Graue Nebel wallen an diesem Morgen über der Lahnstraße. Während man sonst eine schöne Aussicht über den Bahnhof hat, lässt sich derzeit nicht einmal der gegenüberliegende Recyclinghof ordentlich erkennen. Bei solchen Bedingungen muss der Rettungshubschrauber am Boden bleiben. Die Piloten fliegen auf Sicht. Und dabei müssen sie rechtzeitig Hochspannungsleitungen oder Windräder erkennen können.

So bleibt zunächst einmal Zeit für ein gemeinsames Frühstück. Florian Martens ist heute als Notarzt an Bord. So wie viele andere seiner Kollegen ist dies sein zweiter Arbeitsplatz, als Abwechslung zur Arbeit in Klinik oder Praxis. Die Arbeit auf dem Rettungshubschrauber ist anspruchsvoll. Von der Ausstattung her ist es eine kleine fliegende Intensivstation. Beatmungsgerät, Defibrilator – sämtliche Ausrüstung ist doppelt vorhanden. Nur der Arzt ist ein Einzelstück. "Während des Flugs ist man auf sich selbst gestellt", sagt er. Denn hinten in der Kabine befinden sich nur er und der Patient. Sollte sich dessen Zustand verschlechtern, muss er ihn alleine versorgen können. Im Notfall wird auf einer Wiese zwischengelandet. Im Rettungswagen hingegen kann ihm der Rettungsassistent unter die Arme greifen.

Sicherheit geht vor

Dieser sitzt im Rettungshubschrauber aber vorne links und trägt den Titel HEMS. Die Abkürzung steht für "Helicopter emergency and medical service". Neben der abgeschlossenen Ausbildung zum Rettungsassistenten wird man speziell für die Arbeit am Helikopter fortgebildet. Denn der HEMS assistiert beim Einsatz nicht nur dem Notarzt, sondern auch dem Piloten, sichert etwa den Hubschrauber bei der Landung ab. An diesem Tag ist Markus Hein damit beauftragt.

Der Nebel lichtet sich nur langsam. Also genug Zeit für Pilot Peter Schmitt, den Hubschrauber im Hangar genau zu checken. Denn bei einem Problem in der Luft mal schnell rechts ranfliegen geht nicht. Für den 27-jährigen Bad Nauheimer ist es sein Traumjob: "Ich wollte schon immer Pilot werden." Bevor er im November nach Gießen kam, ist er schon zwei Jahre in Rostock geflogen. "Der fliegerische Aspekt ist im Vergleich zum Flugzeug etwas Besonderes. Man kann den Flug nicht planen. Du musst vor Ort den Landeplatz suchen.

" Um auf einen Einsatz vorbereitet zu sein, kontrolliert er regelmäßig die Wetterdaten am Computer. "In Frankfurt scheint schon die Sonne", schmunzelt er, während er Öl nachfüllt. Alle 50 Betriebsstunden wird dieses gewechselt, die Maschine regelmäßig komplett von Technikern gewartet.

Sicherheit geht in der Luftfahrt vor – auch beim Einsatz. Daher kennt der Pilot zwar das Flugziel, weiß jedoch nicht immer, welcher Patient dort vor Ort auf Hilfe wartet. Denn auch bei einem kleinen Kind darf er nicht mehr riskieren als bei einer betagten Seniorin. "Es nützt keinem was, wenn wir unser Wohl und das der Passagiere gefährden", sagt er. "Wir müssen zum Patienten sicher hinkommen und der Transport muss gesichert sein." Denn wenn der Helikopter bei der Landung Schaden nimmt, kann er später niemanden mehr ins Krankenhaus bringen. Nachts wird daher auch die Feuerwehr mit alarmiert, um den Landeplatz auszuleuchten. Ideal ist meist ein Sportplatz, da es hier keine Hindernisse gibt, sagt Schmitt. Oder die Dachlandeplätze der Kliniken.

Eine Stunde später hat sich der Nebel gelichtet. Und der erste Einsatz lässt nicht lange auf sich warten. Zwischen Wache und Helikopterplattform liegen zwei Stockwerke. Zügig geht es die Treppen hinauf und hinein in den Hubschrauber, als der Alarm des Piepsers ertönt. Gerannt wird jedoch nicht – einer der Unterschiede zu dem, was man im Fernsehen sieht. Keine zwei Minuten später hebt "Christoph Gießen" ab. Quer über die Stadt geht es mit maximal 260 km/h in Richtung Vogelsberg. In einem kleinen Dorf ist es in einer Werkstatt zu einer Verpuffung gekommen, ein älterer Mann wurde dabei verletzt.

"Auf elf Uhr Windkraftanlagen, zehn Uhr Powerline." HEMS Hein ist das zweite Augenpaar des Piloten, weißt ihn auf mögliche Gefahrenquellen hin. Unter den Fliegerhelmen ist vom Geräusch der beiden Triebwerke nichts zu hören, nur der Funk der Leitstelle läuft über die Kopfhörer. Mehrere Feuerwehren sind im Einsatz. Obwohl über 60 Kilometer zwischen Startplatz und dem Einsatzort liegen, ist "Christoph Gießen" kurz nach den ersten beiden Feuerwehrfahrzeugen vor Ort.

Suche nach einem Landeplatz

Pilot Schmitt dreht eine Runde über den Ort. Aus einem der Fenster der Werkstatt steigt eine Rauchsäule in den Himmel, doch das interessiert ihn zunächst nicht. Er sucht nach einem Landeplatz. Mitten im Dorf gibt es eine genügend große Wiese. Hein und er suchen die Fläche nach Gefahrenquellen ab. Sind Bäume, Masten oder Stromleitungen weit genug weg? Und liegen auch keine losen Gegenstände herum, die der Abwind der Rotorblätter aufwirbeln könnte? Denn Plastikstühle oder Sonnenschirme würden sonst durch die Luft gewirbelt werden und könnten jemanden verletzen.

Dann setzt Schmitt zur Landung an. Sanfter als man es von jedem Linienflugzeug kennt setzt er den Hubschrauber auf dem Grün auf. Als Erstes steigt Hein aus, sichert die Maschine ab. Dabei geht es nicht nur um die Triebwerke, sondern auch um Schaulustige. Denn wer sich jetzt dem Hubschrauber nähert und von den sich noch drehenden Rotorblättern am Kopf getroffen würde, wäre tot. Zweite Gefahrenquelle ist der Heckrotor. Er dient der Stabilisierung, da sich sonst der Hubschrauber im Kreis drehen würde.

Sein Sog ist jedoch so kräftig, dass er jeden Menschen, der ihm zu nahe kommt, einsaugen würde – einen solchen Unfall hat es erst vor einem Jahr in Süddeutschland gegeben.

Notarzt Martens macht sich nun auf den Weg zum Verletzten, begleitet von Hein mit einem der Notfallrucksäcke. Die Einsatzstelle liegt nur rund 100 Meter entfernt. Die Arbeit der Feuerwehr ist in vollem Gange. Durch ein zerborstenes Fenster spritzen zwei Männer Wasser ins Gebäudeinnere, während sich weitere Feuerwehrleute für den Löscheinsatz unter Atemschutz vorbereiten. Ein Rettungswagen ist bereits vor Ort, in ihm betreut eine Notärztin den Verletzten. Martens kommt dazu, man tauscht sich über die bereits erfolgte Behandlung aus. 85 Prozent der Körperoberfläche des Mannes sind verbrannt, er schwebt in Lebensgefahr. Die nächste Spezialklinik für Brandverletzungen ist in Offenbach.

Der Transport mit dem Rettungswagen würde über eine Stunde dauern. Ein großer Vorteil des Rettungshubschraubers ist der Zeitgewinn. Denn er kann Luftlinie fliegen. Zudem bleiben den Patienten Schlaglöcher und kurvige Straßen erspart – gerade bei Rückenverletzungen ist ein schonender Transport sehr wichtig. Notarzt Martens bereitet den Patienten für den Flug vor. Mit dem Rettungswagen wird er zum Hubschrauber gebracht, dort auf die Trage von "Christoph Gießen" umgebettet. Erst als der Rettungswagen aus dem Gefahrenbereich heraus ist, kann Schmitt die Triebwerke starten. Einen Augenblick später ist "Christoph Gießen" wieder in der Luft. In geringer Flughöhe geht es über den Vogelsberg Richtung Offenbach. Aus gutem Grund: Da der Verletzte Rauchgas eingeatmet hat, kann sein Blut nicht mehr viel Sauerstoff aufnehmen. Von Natur aus kann das Blut jedoch, je höher man kommt, immer weniger Sauerstoff speichern. Also muss man bodennah fliegen, um dem Patienten nicht die Luft zu nehmen.

Keine 20 Minuten später setzt "Christoph Gießen" am Klinikum Offenbach zur Landung an. Auf dem Dachlandeplatz herrschen ideale Bedingungen. Erst als die Triebwerke abgeschaltet sind, nähert sich ein Mitarbeiter des Klinikums mit einem Rollwagen. Dieser ist so gebaut, dass man die Trage des Hubschraubers darauf verankern kann.

Während Schmitt die Maschine kontrolliert, wird der Verletzte auf die Intensivstation gebracht. Sofort schart sich ein Team von Ärzten und Krankenpflegern um den Mann. Sein Zustand ist äußerst kritisch. Martens berichtet dem leitenden Arzt von der bisher erfolgten Behandlung. Inzwischen wird die Trage desinfiziert – hygienischer Standard nach jedem Einsatz. Wie es mit dem Verletzten weitergeht und ob er die schweren Verletzungen überleben wird, erfährt die Crew nicht. "Manchmal lesen wir es dann später in der Zeitung", sagt Martens.

Nun geht es zurück nach Gießen, vorbei an der Skyline von Frankfurt. Ein Rettungshubschrauber hat einige Vorrechte in der Luft. So darf er etwa – natürlich nach Rücksprache mit der Flugsicherung – auch über den Flughafen Frankfurt fliegen. Dann müssen Linienflugzeuge warten. Wenn es jedoch wegen des Zustands des Patienten nicht zwingend erforderlich ist, versucht man dies zu vermeiden. Genauso wie Flüge nachts über bebautes Gebiet. "Im Ernstfall haben wir keine Wahl, da muss man die direkte Linie gehen", sagt Schmitt. "Aber ansonsten versuchen wir, Rücksicht zu nehmen."

Am Hangar wird der Hubschrauber getankt. Der nächste Flug ist geplant, eine sogenannte Sekundärverlegung: Von Marburg wird ein Intensivpatient nach Heidelberg gebracht. Da die Krankenhäuser sich im medizinischen Wettbewerb immer stärker spezialisieren müssen, nehmen diese Flüge zu. Gerade kleine Krankenhäuser auf dem Land sind eher für Standardfälle – etwa Brüche und Herzinfarkte – sowie die Erstversorgung ausgestattet. Bei komplizierteren Fällen müssen die Patienten dann in eine Fachklinik gebracht werden.

Unter 70 Kilometern erledigt dies bei Intensivpatienten in Hessen ein speziell ausgestatteter Rettungswagen, der Intensivtransporter. Alles darüber wird geflogen – da es schonender ist.

Gefühlvolle Landung

Diesen Flug kann Pilot Schmitt genau planen. Rund 350 Kilogramm Kerosin wird man verbrauchen, gut 42 Minuten für die Strecke benötigen. Das Wetter entlang der Flugroute ist wechselhaft. Gefühlvoll landet er in Marburg den Hubschrauber auf dem Dach des Klinikums. Während Notarzt und HEMS den Mann auf den Transport vorbereiten, kann er kurz Pause machen. Erst nach rund 20 Minuten ist der Intensivpatient so vorbereitet, dass er in den Hubschrauber gebracht werden kann. Gegen den Lärm der Rotoren bekommt er Kopfhörer aufgesetzt. Über einen Schlauch wird er mit Sauerstoff versorgt.

Kurz darauf hebt "Christoph Gießen" ab. Während es bis an den Main trocken bleibt, kreuzen danach immer wieder Regenschauer den Weg. Wolken werden umflogen, da man in diesen keine Sicht hätte. Über den Gipfeln des Odenwaldes hängt schwer der Hochnebel. Keine Dreiviertelstunde später ist man in Heidelberg. Am Landeplatz wartet ein Krankenwagen. Denn noch stehen Patient und Crew 15 Minuten Fahrt bevor, an der Klinik selbst könnte der Heli nicht landen. "Nicht jedes Krankenhaus hat einen eigenen Landeplatz", sagt Schmitt. "Und wenn es nicht unbedingt notwendig ist, landet man dann auch nicht mitten in der Stadt."

Zwar haben sich Notarzt und Rettungsassistenten vor Ort noch nie getroffen. Dennoch ist der Umgang kollegial und freundschaftlich. Rettungsdienst ist überall eine große Familie. Auch diesmal wird der Patient bis in die Intensivstation gebracht. Martens informiert die leitende Ärztin über ihn, den Transport und die Behandlung. Danach geht es zurück zum Hubschrauber. Über 1200 Kilometer wird "Christoph Gießen" an diesem Tag zurücklegen, noch mehrere Einsätze erledigen. Ein normaler Tag.

Quelle: Gießener Allgemeine

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