Dass das Unwahrscheinliche geschieht

Lich (mlu). Der 15-jährige Maurice Luh aus Lich gilt als unheilbar krank, doch die Familie gibt den Kampf gegen den Tumor nicht auf. Nachdem der Junge seitens der Kinderkrebsstation der Gießener Uniklinik als »austherapiert« gilt, richtet sich die Hoffnung nun auf eine Hyperthermiebehandlung, die jedoch von der Kasse nicht bezahlt wird.

Gut vier Monate ist es her, dass wir auf der ersten Seite des Kreisteils über das Schicksal des krebserkrankten Maurice Luh aus Lich berichteten. Anlass war damals ein Rundflug im Helikopter, den ihm der Kölner Verein »wünschdirwas« ermöglicht hatte. Seinerzeit hatte sich der Zustand des Jungen, in dessen Kopf seit etwas mehr als einem Jahr ein bösartiger Tumor (Glioblastom) wuchert, wieder etwas stabilisiert. Doch die Besserung war nur von kurzer Dauer. Immer öfter sitzt der 15-Jährige infolge von Lähmungserscheinungen im Rollstuhl. Seitens der Kinderkrebsstation der Uniklinik Gießen gilt Maurice als »austherapiert«. Doch seine Mutter hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Obschon der Gießener Oberarzt Dr. Holger Hauch dem Jungen kaum mehr eine Heilungschance einräumt, kann er verstehen, dass Michaela Luh ihren Sohn nun in einer Frankfurter Privatpraxis mit dem Hyperthermieverfahren behandeln lässt. Dies ist jedoch sehr teuer und die Kosten werden von der Krankenkasse nicht übernommen.

Das Glioblastom ist der häufigste hirneigene Tumor bei Erwachsenen. Besonders gefährdet sind Personen über 60 Jahre. Bei Kindern kommt die Erkrankung vergleichsweise selten vor, liegt die Neuerkrankungszahl pro Jahr bei 90 bis 120 Fällen. Schwer zu behandeln ist der Tumor wegen seiner feingeweblichen Struktur beziehungsweise wegen seines diffusen Wachstums, was eine maximale Entfernung praktisch unmöglich macht. Daher gilt diese Form einer Krebserkrankung als unheilbar.

Zwei Faktoren kommen bei Maurice erschwerend hinzu. Der Tumor war zum Zeitpunkt der Diagnose bereits sehr groß, und bei Kindern ist das Zellwachstum ohnehin schneller als bei Erwachsenen. Zudem kam der Junge mit einem genetischen Defekt zur Welt, der seine körperliche und kognitive Entwicklung beeinträchtigt. Selbstverständlich bemühten sich die Ärzte auf der Kinderkrebsstation des Uniklinikums, Maurice zu helfen. Mehrere Therapien kamen zur Anwendung. Eine Teilentfernung des Tumors samt Bestrahlung und Chemotherapie brachte keinen Erfolg. Rasch erlitt der Junge einen Rückfall.

Schulmedizin mit Latein am Ende

Nach einer weiteren Operation in Leipzig kam er in ein spezielles Medikationsprogramm des UKGM. Auch in Würzburg wurde Maurice vorgestellt, um die Heilungschancen einer sogenannten »Tumorimpfung« zu eruieren. Sie kam nicht zur Anwendung, weil der Tumor auch nicht annähernd entfernt werden konnte, was eine Voraussetzung für den Erfolg dieser Behandlungsmethode gewesen wäre. Blieben als Alternativen erneute Medikationen, die den Teenager jedoch so stark belastet hätten, dass die qualvollen Nebenwirkungen in keinem angemessenen Verhältnis zu den Heilungschancen gestanden hätten. So schildert Dr. Hauch die Krankengeschichte von Maurice.

Jetzt in Rede stehendes Hyperthermieverfahren ist ihm bekannt, auch in Gießen wird es angewendet, allerdings bei anderen Krebsformen. Hauch räumt ein, dass bezüglich des Glioblastoms keine Forschungsergebnisse publiziert sind; auch deshalb kann er den Schritt von Michaela Luh nachvollziehen. Immerhin werde die Hyperthermietherapie Maurice nicht schaden, ihn nicht weiter belasten. Dergestalt könne sie mindestens dazu beitragen, das subjektive Empfinden von Maurice zu verbessern.

Schließlich habe er in seiner medizinischen Laufbahn auch schon einige »Wunder« erlebt, weshalb er sich nicht berechtigt sieht, Maurice und seiner Mutter mit schulmedizinischen Einlassungen ihrer letzten Hoffnung zu berauben. Obschon das Verfahren sehr teuer ist und die Erfahrung gezeigt habe, dass die Heilungsaussicht gering ist.

Methoden der additiven Medizin

Zwei- bis dreimal pro Woche fahren die Luhs nun in das Praxiszentrum von Dr. Gerhard Siebenhüner, der ihnen gleichwohl nicht das Blaue vom Himmel verspricht. Michaela Luh sei aufgeklärt worden und wisse, worauf sie sich einlasse. »Maurice hat eine Erkrankung, wo man sagt, dass eine Heilung unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen ist. Das Ergebnis ist offen«, sagt Siebenhüner. Das Verfahren an sich, betont der Mediziner, sei seriös. Irrtümlicherweise suggeriere der Begriff »Hyperthermie« eine Überwärmung, was jedoch nicht der springende Punkt sei. »Tumorzellen haben mehr Kerne als normale Zellen, sie sind auch dicker, daher nehmen sie Energie auf, die bei dem Hyperthermieverfahren in Form von Radiowellen (13,56 Megaherz) zugeführt werden.

Die Kerne absorbieren die Energie, geraten in Resonanz, was bestenfalls ihre Zerstörung bewirkt«, erklärt der Frankfurter Arzt. Maurice liegt während der Anwendung seitlich auf einem Wasserbett, das gleichsam als eine Elektrode fungiert, über ihm befindet sich der Apparat, der die Radiowellen aussendet. Schmerzhaft ist das nicht, doch komme es vor, dass Patienten ein undefinierbares Unbehagen verspürten, so Siebenhüner. Kombiniert wird das Verfahren mit der Infusion von Vitamin C, das hochdosiert toxisch wirkt und die Tumorzellen schwächen soll.

Kasse übernimmt Behandlung nicht

Siebenhüner unterstreicht, dass in seiner Praxisklinik keine Alternativen zur Schulmedizin angewendet werden, sondern »additive«, also erweiterte Verfahren. In diesem Zusammenhang verweist er auf Hyperthermiestudien der Münchener Uniklinik. Dass es insgesamt kaum Forschungen zu dem Verfahren gebe, liege an deren Finanzierung. Promotionsarbeiten belegten indes die Effektivität der Therapie. Schließlich habe er auch erfolgreiche Behandlungen durchgeführt. So sei es ihm 2007/2008 gelungen, den faustgroßen Tumor eines 30-Jährigen zu deaktivieren.

»Einst war der Mann körperlich gelähmt und sprachunfähig, hatten ihm seine Ärzte noch drei Monate gegeben.« Heute führe er wieder ein normales Leben.

Auf solche Fälle richtet sich die Hoffnung der Familie Luh. Es kann sein, dass sie über Monate Geld für eine Behandlungsmethode ausgibt, die letztlich keine Heilung herbeiführt – eine einmalige Anwendung kostet 145 Euro.

Es kann aber auch sein, was Hauch wie Siebenhühner mehrfach erlebt haben: dass das Unwahrscheinliche geschieht.

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Wer die Hyperthermie-Behandlung von Maurice unterstützen möchte, kann auf folgendes Spendenkonto überweisen: Stichwor: Maurice Luh, Volksbank Mittelhessen, Konto 14 26 87 15, BLZ 51 39 00 00

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