Ein Mitarbeiter arbeitet in einem Labor an Organismen im Hochsicherheitsbereich des Instituts für Virologie der Philipps-Universität Marburg.
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Marburg ist eines der wichtigsten Forschungscluster im Kampf gegen das Coronavirus.

Studie macht Hoffnung

Marburger Antikörper-Medikament in der Testphase: Diese Vorteile bringt das Präparat

  • vonSebastian Richter
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Neben der Impfung sollen Antikörper-Medikamente dabei helfen, Corona in den Griff zu kriegen. Ein Präparat aus Marburg befindet sich in der Testphase. Das Mittel bringt einige Vorteile gegenüber anderen Präparaten.

  • Im Kampf gegen Corona sollen Antikörper-Medikamente schwere Covid-19-Verläufe verhindern.
  • Ein vielversprechendes Präparat aus Marburg befindet sich in der Testphase.
  • Der Ansatz: das Immunsystem und die Immunabwehr sollen noch gezielter unterstützt werden.

Marburg – Antikörper helfen unserem Immunsystem, sich gegen Bakterien oder Viren zu wehren. Der Organismus produziert sie normalerweise eigenständig, um sich gegen Krankheitserreger zu schützen. Wenn die Antikörper mit einem zu bekämpfenden Fremdkörper in Kontakt kommen, verbinden sie sich mit ihm – und machen den „Eindringling“ dadurch unschädlich. Nach einer Corona-Infektion produziert der Körper für gewöhnlich eine ganze Reihe unterschiedlicher Antikörper. Auch eine Impfung ruft diese Reaktion des Immunsystems hervor.

Künstliche Antikörper können gegen Corona helfen

Die Antikörper können aber auch künstlich erzeugt und einem schon infizierten Patienten verabreicht werden, wodurch ein besonders schwerer Verlauf der Krankheit verhindert werden kann. Schon der ehemalige US-Präsident Donald Trump erhielt während seiner Infektion einen solchen „Antikörpercocktail“. Das Medikament kam vom amerikanischen Hersteller Regeneron und als Trump es bekam, war es noch gar nicht zugelassen. In den USA ist es inzwischen zertifiziert, innerhalb der EU noch nicht. Trotzdem hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bereits Dosen für 400 Millionen Euro bestellt.

Studien stellten jüngst fest, dass der Zeitpunkt der Verabreichung für die Wirksamkeit des Medikaments entscheidend ist. Je früher die künstlichen Antikörper das Immunsystem unterstützen, desto besser gelingt es ihnen, das Virus zu bekämpfen, und im besten Fall unschädlich zu machen. Ist die Krankheit allerdings schon weit fortgeschritten und der Patient schwer erkrankt, bringen die Mittel nur noch wenig. Der Körper hat schon selbst eine große Anzahl an Antikörpern produziert. Noch mehr wäre dann zu viel des Guten: Eher könnte eine zusätzliche Zufuhr von künstlichen Corona-Antikörpern zum „Überschießen“ des Immunsystems führen, dass sich dann schlimmstenfalls gegen den eigenen Organismus wendet – ein bekanntes Problem im Kampf gegen Covid, auch ohne Antikörpermittel.

Grundsätzlich zeigt die Studie aber gute Ergebnisse für das Medikament. Patienten, die mit Antikörpern therapiert wurden, müssen deutlich seltener im Krankenhaus oder auf Intensivstationen behandelt werden. Zudem sank die Viruslast im Rachenraum, das Ansteckungsrisiko wurde um 80 Prozent gesenkt.

Corona-Antikörpermittel-Medikament aus Marburg: Qualität vor Quantität

In der Forschung arbeitet man noch an weiteren Mitteln, die vielversprechend gegen Corona sind, so auch an der Marburger Philipps-Universität. Das dort entwickelte Antikörper-Medikament bringt einige Vorteile gegenüber den schon bekannten Präparaten. Statt eines ganzen Cocktails aus Antikörpern setzt man dort auf Qualität vor Quantität: Aus der Unmenge an Antikörpern im Blut eines Corona-Infizierten haben die Forschenden diejenigen isoliert, die besonders geeignet für ein Medikament scheinen. Im Labor und bei Tierexperimenten war das so entstandene Mittel schon sehr erfolgreich. Jetzt wird es an der Uniklinik Köln in ersten klinischen Studien getestet, zunächst auf seine Verträglichkeit.

Stephan Becker, Leiter des Instituts für Virologie in Marburg, erklärt im Gespräch mit dem Deutschlandfunk (DLF) die Wirkweise seines Medikaments so: „Man nimmt sozusagen dem Immunsystem eines Patienten die Arbeit ab, indem man die Antikörper, die normalerweise ein Infizierter dann selbst macht, schon vorher gibt. Und das sind nun in dem Fall nicht ein Cocktail von verschiedenen Antikörpern, sondern das sind einzelne ganz spezifische und gut charakterisierte Antikörper, die in der Lage sind, die Infektion des SARS-Coronavirus komplett zu neutralisieren.“

Einsatz der Antikörpermittel für kürzlich Infizierte

Zugelassen sind Antikörpermittel in der EU noch nicht. Bisher müssten die Medikamente zudem in einer Klinik über eine Infusion verabreicht werden müssen. Stephan Beckers Team aus Marburg hat sich dafür eine Lösung ausgedacht: „Was wir uns jetzt als Besonderheit überlegt haben: Dass wir diesen Antikörper über eine inhalative Applikation geben, sodass man diese Injektion quasi nicht braucht und der Antikörper dann auch genau da ist, wo er gebraucht wird, nämlich in der Lunge.“

Das Antikörper-Medikament kann natürlich nicht als Ersatz zu den schon bestehenden Maßnahmen gesehen werden. Allerdings sind sie eine wirksame Ergänzung zu Impfstoffen und Schutzmaßnahmen wie Masken und Abstandsregeln. „Menschliche monoklonale Antikörper sind eine vielversprechende Komponente in der Bekämpfung von neuen Viren, wie dem SARS-Coronavirus-2“, so Becker in einer Pressemitteilung der Uni Marburg. Die Entwicklung des Präparats könnte die Forschung ein gutes Stück voranbringen. „Wenn diese Antikörper sich als effektiv gegen COVID-19 herausstellen sollten, könnte diese Erkenntnis in der jetzigen sowie bei zukünftigen Epidemien und Pandemien hilfreich sein.“

Das Präparat aus Marburg verspricht also vieles. Wann sollten die neuen Mittel dann eingesetzt werden? „Je früher, desto besser!“, sagt Infektiologe Florian Klein ebenfalls im DOM-Radiointerview mit Blick auf die bisherigen Daten. Er leitet an der Uniklinik Köln die Studien zu dem Medikament aus Marburg. Am besten seien Personen für Antikörpermedikamente geeignet, die erst vor Kurzem infiziert wurden, aber ein hohes Risiko für einen schweren Verlauf haben und eventuell auch daran versterben könnten. „Was wir schon sehen ist, dass der Patient noch nicht hospitalisiert oder schwer erkrankt sein sollte“, so Klein.

Prophylaktischer Einsatz des Corona-Medikaments denkbar

Auch ein prophylaktischer Einsatz bei Kontaktpersonen von Infizierten ist für Klein denkbar, besonders von Corona gefährdete Personen könnte man durch die Antikörpertherapie schützen. Manche Personen mit Vorerkrankungen können wegen eines geschwächten Immunssytems auch nach einer Impfung keine körpereigenen Antikörper produzieren. Diese Therapieform wäre also eine Alternative zur Impfung. Allerdings eine ziemlich teure: Derzeit kostet eine Dosis etwa 2000 Euro.

Durch die neuen Mittel könnten lokale Ausbrüche in beispielsweise Pflegeheimen schneller unter Kontrolle gebracht werden, da man nicht erst auf die Schutzwirkung einer Impfung warten muss. Trotzdem sollte der Einsatz der Corona-Antikörpermittel gut überlegt sein. Denn nach einer Therapie bleiben die Antikörper einige Wochen im Blut der Patienten, eine Impfung mit den Mitteln von Biontech, Pfizer und Moderna ist dann erstmal nicht möglich. In einer weiteren Studie haben Forscher aus Marburg, Frankfurt und Großbritannien inzwischen einen wichtigen Grund ermittelt, aus dem die Forschung nach Covid-19-Medikamenten so schleppend verläuft, obwohl Coronaviren schon seit Jahrzehnten erforscht werden. (Sebastian Richter)

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