Folgen der Corona-Einschränkungen sind auch Straßenstrich und verschärfte Drogen-Szene. Nadine Maletzki, Betreiberin des derzeit geschlossenen Bordells »Sex Inn« im Frankfurter Bahnhofsviertel, weist seit Monaten auf die prekäre Lage für Prostituerte hin und fordert eine Erlaubnis zur Wiedereröffnung. FOTO: DPA

Corona lähmt den Rotlichtbezirk

Trendige Bars und Restaurants hatten das Frankfurter Bahnhofsviertel in den vergangenen Jahren zu einem beliebten Ausgehort gemacht. Dann kam das Coronavirus. Die Stadt reagiert mit Polizeikontrollen und einem Notfall- programm für Drogenabhängige.

Verrammelte Restaurants, illegale Straßenprostitution, Trauben von Drogenabhängigen auf dem Bürgersteig: Die Folgen der Corona-Pandemie prägen das Bild im Frankfurter Bahnhofsviertel zum Jahresende. Frauen in eng anliegender Bekleidung stehen allein oder in Grüppchen an Hausecken und warten auf Freier. Da Bars, Strip-Lokale und Bordelle im Rotlichtbezirk wegen Ansteckungsgefahr schließen mussten, suchen sich Prostituierte andere Wege, um Geld zu verdienen.

So auch Ana. »Ich gehe zu Stammkunden, die ich schon lange kenne«, erzählt die Prostituierte. So komme sie finanziell über die Runden. Neue Kunden auf der Straße anwerben wolle sie nicht - zu unsicher. »Wenn es Probleme gibt, gibt es niemanden, der mir hilft.« Dass Bordelle zurzeit geschlossen sind, kann sie angesichts hoher Infektionszahlen nachvollziehen. Zwischendurch aber seien sie in anderen Bundesländern wieder offen gewesen, kritisiert Ana, die seit zwölf Jahren als Prostituierte in Deutschland arbeitet.

Bordellbetreiberin kämpft für Öffnung

Die Polin darf kostenlos in dem Laufhaus in der Taunusstraße wohnen, in dem sie normalerweise arbeitet, das Sex Inn. Betreiberin Nadine Maletzki setzt sich seit Monaten für eine Wiedereröffnung ein, bisher vergebens: Sie ging juristisch gegen die Schließung von Prostitutionsstätten vor, hat demonstriert, an die Landesregierung geschrieben und veröffentlichte zuletzt gemeinsam mit anderen einen Aufruf, in dem gewarnt wird, Prostituierte würden an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Die Frauen arbeiteten weiter, »unter katastrophalen hygienischen Bedingungen, in Wohnungen und Hotels«, sagt Maletzki. Prostitutionsstätten wie Bordelle müssten dagegen wegen Ansteckungsgefahr geschlossen bleiben, das sei nicht nachvollziehbar.

»Die Situation ist angespannt«, sagt der Frankfurter Sicherheitsdezernent Markus Frank (CDU). Landes- und Stadtpolizei sei im Einsatz, es gebe regelmäßige Kontrollen auch gegen Straßenprostitution, betont das Frankfurter Polizeipräsidium. »Die Frauen bezahlen das Bußgeld und machen weiter«, sagt Maletzki dazu. Die Folgen der Pandemie treffen auch die Drogenabhängigen und die Stellen, an denen sie Hilfe finden. Die Konsumräume, in denen sie sich unter hygienischen Bedingungen Spritzen setzen können, mussten ihr Angebot reduzieren, um Abstände zu gewährleisten.

Da das Hilfsangebot Abhängige anzieht, auch aus dem Umland, ruft es immer wieder Kritiker auf den Plan. In einer Studie des Instituts für Suchtforschung der Frankfurt University of Applied Sciences wurden die Konsumräume zuletzt als »besonders wirksames Instrument« der Frankfurter Drogenpolitik gelobt, auch, weil sie den öffentlichen Raum entlasteten. Auf diesem Weg müsse man weitergehen, forderten die Wissenschaftler.

In fast 200 Interviews mit Drogenkonsumenten, Anwohnern und Experten zum Thema Sicherheit stellte sich heraus, dass die meisten Befragten alkoholisierte Männer als ein wesentlich höheres Risiko empfanden als Drogenkonsumierende. Oft bezog sich das Unsicherheitsgefühl auf Probleme, die mit Drogen nichts direkt zu tun haben, etwa Obdachlosigkeit oder Vermüllung. Aber auch das sichtbare Elend der Abhängigen wurde als ein wichtiger Faktor für das subjektive Unwohlsein beschrieben.

Humanitäre Sprechstunde

Experten, Anwohner und Passanten seien sich jedoch einig gewesen, »dass von den Konsumierenden selbst oft keine Gefahr ausgeht«, bilanzierten die Forscher. Frankfurt beziehungsweise Hessen sollten sich für die Regulierung der illegalisierten Substanzen für den Eigenbedarf einsetzen, fordern sie.

Im Frankfurter Römer hat die CDU einen Vorschlag für eine »pragmatische Drogenpolitik« in die Koalition eingebracht. Erfolge der Vergangenheit seien wegen Corona zurückgegangen, es müsse ein neuer Weg eingeschlagen werden. Das Vorbild stammt aus der Schweiz: Ziel der Zürcher Drogenpolitik ist die »Stadtverträglichkeit«, nicht die Abstinenz. Konsum und »Kleinsthandel« sind in geschützten Räumen erlaubt, auf der Straße herrscht null Toleranz. Uniformierte Streetworker sind als »Hüter des öffentlichen Raums« unterwegs.

Um zunächst die Folgen der Pandemie zu lindern, hat Frankfurt nachgesteuert und einen Notfallplan auf den Weg gebracht, der zu Beginn des neuen Jahres greifen soll. Dazu zählen eine bessere medizinische und psychiatrische Versorgung, mehr Notschlafplätze und offene Konsumräume rund um die Uhr. Nach Angaben der Stadt leben derzeit zwischen 100 und 200 obdachlose Drogenabhängige im Bahnhofsviertel.

Für sie ist eine zusätzliche humanitäre Sprechstunde geplant, sie könnten dort auch eine Substitutionsbehandlung beginnen. Zusätzliche Schlafplätze sollen aus einem Notfallfonds finanziert werden. »Gleichzeitig hoffen wir, dass sich auch für die Anwohner die Situation verbessert«, erklärte Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU).

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