Breivik in Wetzlar durch Kontrolle geschlüpft? Polizei äußert sich

Eine Doku des TV-Senders Arte schilderte am Dienstag, dass Anders Breivik von den Norwegen-Anschlägen von der Polizei bei Wetzlar kontrolliert worden war. Dabei sollen Waffenteile und Munition gefunden worden sein. Breivik konnte aber weiterfahren. Nun meldet sich die Polizei zu Wort.

Im Vorfeld seiner Taten soll Breivik in Wetzlar - wie berichtet - auf dem Rückweg aus einem südosteuropäischen Land auf der Autobahn kontrolliert worden sein. Er habe Waffenteile und Munition im Fahrzeug mitgeführt. Der spätere Massenmörder konnte jedoch seine Fahrt nach einer Befragung fortsetzen, heißt es in der Arte-Dokumentation von Journalist und Filmemacher Daniel Harrich.

Das Bundeskriminalamt sollte demnach die norwegischen Behörden benachrichtigen, doch offenbar sind die Informationen nie in Oslo angekommen. Gegenüber Daniel Harrich erklärt das BKA: "Personenbezogene Auskünfte erteilt das Bundeskriminalamt grundsätzlich nicht."

Auch gegenüber dieser Zeitung äußerte sich das BKA gestern nicht, die Fragen – wer hat damals kontrolliert, welche Informationen wurden an das BKA gegeben, wurden sie an die norwegischen Sicherheitsbehörden weitergeleitet und wenn ja, gab es von dort eine Reaktion? – blieben unbeantwortet. Der Gießener Polizeisprecher Jörg Reinemer erklärte, dass die Kontrolle wahrscheinlich nicht durch Beamte im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Mittelhessen erfolgt sei.

Wenn eine Straftat vorliege, dann werde die Kontrolle erfasst und eine Meldung an die zuständigen Dienststellen weitergeleitet. Liege keine Straftat vor, werde die Meldung nach einiger Zeit wieder gelöscht. Da der in der TV-Doku genannte Vorfall nicht aktenkundig sei, sei die Gießener Behörde wohl nicht involviert gewesen oder es habe sich um eine "Kontrolle ohne Folge" gehandelt. Möglicherweise seien dafür auch der Zoll oder die Bundespolizei zuständig gewesen.

"Trotz strenger Waffengesetze und angeblich effizienter Kontrollmechanismen kommt es immer wieder zu Anschlägen, Morden und Amokläufen mit Kriegswaffen mitten in Europa. Die tragischen Ereignisse zeigen: Illegale Waffen sind überall verfügbar", kritisiert der Autor der Doku und fragt: "Wie aber kommen Kalaschnikows, Pumpguns und andere Maschinengewehre und -pistolen illegal nach Europa?" Ein weiterer Fall, in dem europäische Ermittlungsbehörden offensichtlich versagten: Wenige Tage vor den jüngsten Anschlägen in Paris stoppten am 5. November 2015 Schleierfahnder einen Wagen auf der Autobahn Salzburg–München, in dem sie Kriegswaffen und Sprengstoff fanden.

Ziel des 51-Jährigen aus Montenegro war laut Navi Paris. Die deutschen Ermittler gaben eine Warnung an ihre französischen Kollegen weiter. Anscheinend wurde diese aber nicht ernst genommen – oder sie kam nicht an.

Harrich zeigt auf, dass die Spur der Waffen, die bei den Anschlägen der vergangenen Monate eingesetzt wurden, immer wieder nach Brüssel und von dort zurück auf den Balkan führt, eine Verbindung, die es seit den Kriegen im früheren Jugoslawien in den 90er Jahren gibt. Dort hatten zahlreiche Dschihadisten den Kampf der bosnischen Muslime gegen Serben und Kroaten unterstützt.

Und in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens gibt es immer noch eine Flut von Waffen, die gehandelt werden. In der Doku erklärt der Chief of Staff der europäischen Polizeibehörde EUROPOL, Brian Donald, dass der illegale Waffenhandel aus den Balkanstaaten völlig außer Kontrolle geraten sei. Harrich kommt zu dem Schluss: In zwei kritischen Fällen hat die Kommunikation zwischen den Behörden der EU-Mitgliedstaaten auf skandalöse Weise versagt. Rüdiger Geis und Florian Dörr

Quelle: Gießener Allgemeine

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare