Beziehungen nicht nach Aufwand und Ertrag beurteilen

Limburg (dpa). Ehen und Familien müssen nach Ansicht des Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst (53) von Politik und Wirtschaft besser unterstützt werden.

»Sie verlangen nach gesicherten, verlässlichen Arbeitsverhältnissen, um eine materielle Grundlage für das Zusammenleben zu schaffen. Zeitarbeit, Zeitverträge und Lohndumping helfen kaum weiter«, sagte der katholische Oberhirte als deutscher Familienbischof. Er betonte: »Ich bin der festen Überzeugung, dass Ehe und Familie als Lebensmodelle nicht auf den geistigen Schrottplatz der geschichtlichen Ideologien gehören, sondern ihnen mehr Würdigung zukommen sollte.« Tebartz-van Elst ist seit 2011 Vorsitzender der Kommission Ehe und Familie der Deutschen Bischofskonferenz. »Wir brauchen in unserer Gesellschaft und in unserer Kirche Rahmenbedingungen, die Ehe und Familie unterstützen und die Mut machen.« Der christliche Entwurf von Ehe und Familie sei »nach wie vor attraktiv und lebenswert«.

Zur Familienpolitik sagte Tebartz-van Elst, dass Eheleute eine wirkliche Wahlfreiheit bekommen müssten, um sich für Kinder zu entscheiden. Aktuelle Zahlen belegten, dass viele Frauen Angst davor hätten, dass nach der Geburt eines Kindes die berufliche Karriere beendet sei. Er wolle Initiativen stärken, die den Erziehungsauftrag der Eltern unterstützen. »Wo Eltern in der Lage sind, ihren Kindern in den ersten drei Lebensjahren all das zu geben, was der seelischen und leiblichen Entwicklung dient, sollte dies der Staat fördern.«

Die Gründe für die Scheidungsquote von mehr als 40 Prozent in Deutschland seien vielschichtig, sagte Tebartz-van Elst. Als einer der Auslöser sieht er eine »Individualisierung«, die deutliche Auswirkungen im Alltagsleben habe. Der Bischof mahnte: »Ohne ein Stück von sich selbst herzugeben, ohne zurückzustehen, Rücksichtnahme und ohne die Bereitschaft zur Aufgabe des einen oder anderen individuellen Lebenstraumes werden Ehe und Familie nicht gelingen.«

»Veränderungen im Blick haben«

Ein Grund für Trennungen von Paaren sei auch »das stark ausgeprägte ökonomische Denken«. »Auch als Privatperson ist man mittlerweile gewohnt, vieles in den Kategorien von Aufwand und Ertrag, Preis und Leistung, Angebot und Nachfrage, Haben und Sollen zu denken und zu bewerten. Dieses Vorgehen mag bei Investitionen und Finanzfragen durchaus sinnvoll sein. In Fragen von Ehe und Familie kommt dieses Modell allerdings an seine Grenzen.« Ehe und Familie sind Lebensbereiche, die sich letztlich einer Ökonomisierung entziehen, wie Tebartz-van Elst erläuterte.

Der Familienbischof erklärte mit Blick auf die christliche Prägung der Gesellschaft, dass diese jedoch »in der Gegenwart an Selbstverständlichkeit und Plausibilität verloren« habe und immer weiter verliere. »Es geht mir hier nicht darum, diese Veränderungen als Zerfallserscheinungen oder gesellschaftliche Krankheitssymptome zu betrachten«, betonte der Bischof. Es gehe auch nicht um eine zivilisationspessimistische Generalkritik an der modernen Gesellschaft, »aber wir müssen diese Veränderungen im Blick haben, wenn wir über die Bedeutung von Ehe und Familie sprechen«.

Unter den deutschen Bischöfen ist Tebartz-van Elst mit 53 Jahren einer der jüngsten. Geboren wurde er als zweites von fünf Kindern einer Bauernfamilie in Kevelaer-Twisteden in Nordrhein-Westfalen. In die Kritik war Tebartz-van Elst zuletzt wegen eines Erster-Klasse-Fluges zu einem Besuch der Slums in Indien geraten. Eine Kontroverse entbrannte auch wegen der Kosten für den Neubau seiner Bischofsresidenz, die teurer wird als geplant.

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