Projektion der Hoffnung: Das Gebäude der Firma Biontech in Marburg. Hier soll ab Februar der Corona-Impfstoff produziert werden. Das Mainzer Unternehmen will so auf die weltweit starke Nachfrage des Vakzins reagieren. FOTO: DPA
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Projektion der Hoffnung: Das Gebäude der Firma Biontech in Marburg. Hier soll ab Februar der Corona-Impfstoff produziert werden. Das Mainzer Unternehmen will so auf die weltweit starke Nachfrage des Vakzins reagieren. FOTO: DPA

Von Behring zu Biontech

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Impfstoff-Hoffnung auf historischem Grund: Das Unternehmen Biontech will mit seinem neuen Werk in Marburg die Corona-Impfstoffproduktion bald massiv erhöhen - und die lange Geschichte der hessischen Stadt als Pharma-Standort fortschreiben.

Der Ort, auf dem in der Corona-Pandemie große Hoffnungen ruhen, liegt in einem engen Tal am Rand von Marburg. Abermillionen Impfstoffdosen will das Mainzer Unternehmen Biontech dort künftig herstellen. Noch läuft der dafür nötige Umbau in dem vor wenigen Wochen übernommenen Pharma-Werk. Doch nächsten Monat soll die Produktion anlaufen. Angesichts der generell noch knappen Impfstoffmengen und der riesigen Nachfrage baut nicht zuletzt die Politik darauf, dass mit dem Start der Produktionsstätte in Marburg auch Deutschlands Impfkampagne vorankommt.

Die Mainzer müssen hier nicht bei null anfangen. Sie nutzen in ihrem neuen Werk, das sie vom Schweizer Pharmariesen Novartis übernommen haben, vorhandene Infrastruktur und Expertise. Beides gibt es in Marburg nicht von ungefähr: Die Universitätsstadt besitzt eine über 100-jährige Geschichte als Pharmazie- und Impfstoffstandort. Diese begann mit dem Medizin-Nobelpreisträger Emil von Behring (1854-1917) und rückt nun wieder in den Fokus.

"Es ist durchaus logisch, dass Biontech Marburg ausgesucht hat", meint Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD). "Sie brauchen die Leute, die das nötige Know-how haben, die die praktische Fertigung beherrschen. Und da ist Marburg einer der ganz wenigen Standorte, wo die Impfstoffproduktion bereits Tagesgeschäft ist."

Biontech peilt die Freigabe des ersten in Marburg produzierten Impfstoffs nach eigenen Angaben für Ende März an. Zwischen der Herstellung und Freigabe des kontrollierten Vakzins vergehen üblicherweise etwa vier Wochen. Im ersten Halbjahr sollen an dem Standort mit seinen 300 Mitarbeitern 250 Millionen Impfdosen hergestellt werden. Als Gesamtmenge einer Jahresproduktion streben die Mainzer hier 750 Millionen Dosen an. Es handele sich um einen Rekord beim Aufbau einer solchen Produktionsstätte, befand vor Kurzem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Normalerweise dauere das ein bis zwei Jahre. "In diesem Fall wären es dann wenige Monate." Noch steht das endgültige grüne Licht aus. Das Genehmigungsverfahren werde entsprechend der Vorgaben "so schnell wie möglich fortgeführt", heißt es beim zuständigen Regierungspräsidium Gießen (RP).

Abgefüllt wird woanders

Die Mainzer und ihr US-Partner Pfizer wollen in diesem Jahr unter bestimmten Voraussetzungen insgesamt zwei Milliarden Dosen ihres Corona-Impfstoffs herstellen. Als Produktionsstätten dienen nach jüngsten Angaben Mainz und bald eben Marburg für Biontech sowie Puurs in Belgien und drei Standorte in den USA für Pfizer. In der Regel finde in den Werken nicht der komplette Herstellungsprozess statt. Das ist auch in Marburg so: Nach Angaben des Unternehmens erfolgen hier drei der vier nötigen Schritte, abgefüllt wird woanders.

Die Hürden bei der Impfstoffproduktion seien groß, betont der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa). "Die Impfstoffherstellung gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben in der Arzneimittelproduktion überhaupt", erklärt Präsident Han Steutel. "Sie braucht immer einen intensiven technischen Vorlauf." Hinzu kommt, dass die Produktion der gegen Covid-19 eingesetzten Impfstoffe auf Basis des Botenstoffes mRNA völlig neu ist. Diesen Ansatz nutzt auch Biontech/Pfizer.

Die mRNA in den Impfstoffen enthält den Bauplan für ein spezielles Corona-Protein, das nach der Impfung die Immunabwehr im menschlichen Körper auslöst. mRNA muss nicht nur in großem Stil produziert, sondern auch aufbereitet und gereinigt und am Ende steril verpackt werden für den stark gekühlten Transport. Dass die Umstellung in Marburg relativ schnell erfolgen kann, liegt auch an der Struktur und Spezialisierung des Pharma-Parks namens "Behringwerke", in dem das Biontech-Werk steht, wie Andreas Wilhelm Neuhaus erläutert, der Leiter des Kundenmanagements des Standortbetreibers Pharmaserv. "Die gesamte Infrastruktur, so wie sie der Impfstoffhersteller braucht, ist bei uns in genau der Qualität vorhanden." Die verfahrenstechnische Anlage müsse - in Anführungszeichen - nur noch an den neuen Zweck angepasst werden. Das sei nicht trivial, aber die Technik und das Know-how vorhanden.

Kleine Pharmafirma schon 1904

Der Standort liegt auf historischem Grund, auf dem Gelände der ehemaligen Behringwerke. Aktuell beschäftigen hier rund zehn Firmen insgesamt etwa 6500 Mitarbeiter, darunter sind CSL Behring, GSK Vaccines und Siemens Healthineers. Hergestellt werden unter anderem Mittel gegen Blutgerinnungsstörungen und verschiedene Impfstoffe wie gegen Diphtherie oder Tetanus. 1904 wurde zunächst eine kleine pharmazeutische Firma gegründet, bei der Behring - damals Professor an der Uni Marburg - Miteigentümer war und ihr seinen Namen gab. Auch aus Marketinggründen, wie die Medizinhistorikerin Ulrike Enke erklärt. Denn Behring sei zu diesem Zeitpunkt insbesondere wegen der Entwicklung seines Diphtherie-Heilserums bereits weltberühmt gewesen. Mit der Firmengründung habe auch die Geschichte Marburgs als Standort der Impfmittelproduktion begonnen, sagt Enke, die an der Arbeitsstelle für Geschichte der Medizin der Uni Marburg forscht. Im frühen Behringwerk wurde unter anderem ein Tetanus-Heilserum hergestellt - auch daran hatte Behring geforscht - und ein Mittel gegen Rinder-Tb. Später wandelte sich die Firma zu den Behringwerken, produziert wurde nun auch das Diphtherie-Heilserum.

Quelle: Gießener Allgemeine

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