Der 13-jährige Samir ist alleine aus Afghanistan geflohen. Er wartet auf der Wache der Bundespolizei. Was mit ihm als nächstes geschieht, weiß er nicht.	(Foto: dpa)
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Der 13-jährige Samir ist alleine aus Afghanistan geflohen. Er wartet auf der Wache der Bundespolizei. Was mit ihm als nächstes geschieht, weiß er nicht. (Foto: dpa)

Begrüßung in der Wache am Frankfurt Hauptbahnhof

»I’m illegal«, sagt Samir. Er steht vor der Wache der Bundespolizei. Hinter ihm liegen über 1000 Kilometer. Vor ihm eine lange Nacht auf der Wache, ein Glas Wasser und viel Ungewissheit. Der 13-Jährige ist einer von Dutzenden Flüchtlingen, die täglich am Frankfurter Hauptbahnhof ankommen.

Mit gesenktem Kopf sitzt der dunkelhaarige Junge in Jeans und schwarzem T-Shirt auf der Holzbank. Er hat sich in die Ecke gekauert. In der stundenlangen Wartezeit bewegt er sich kaum, tippt rhythmisch jeden Finger an. Ab und zu zieht er ein Foto aus einer schwarzen Tasche. Schaut er auf, sind seine Augen feucht.

»I’m illegal«, mit diesen Worten hat sich Samir, der nach eigenen Angaben 13 Jahre alt ist, an der Tür der Wache der Bundespolizei bei Gleis 24 am Frankfurter Hauptbahnhof gemeldet – allein. Außer einer blauen Jacke und seiner DIN-A4-großen Tasche hat er nichts aus Afghanistan mitgebracht.

Samir ist einer von Dutzenden Menschen aus Krisengebieten, die derzeit täglich am Hauptbahnhof ankommen. Im Vergleich zum Vorjahr sei die Zahl der Hilfesuchenden enorm gestiegen, sagt Polizeisprecher Ralf Stroeher: Bis Ende September sind schon mehr als 1350 Menschen dort gestrandet. Im Vorjahr waren es bis Ende August rund 700, 2012 im ganzen Jahr nur 500. Nach Angaben von Stroeher kommen sie mit bestimmten Zügen, etwa aus Paris, andere werden direkt aus Transportern abgeladen. Viele klingeln selbst bei der Bundespolizei, aber Beamte sprechen auch Menschen direkt im Bahnhof oder in den Zügen an.

»Syrien, Afghanistan, Eritrea oder Somalia – das sind die Hauptländer. Der Rest ist querbeet«, sagt der Sprecher. Sehen sie dann einen Beamten, wüssten die meisten schon, was zu tun ist: Mit Wörtern wie »Asyl«, »Help« oder »No Passport« geben sich die Menschen als Flüchtlinge zu erkennen. Die Wörter haben Schleuser ihnen auf ihrer Flucht eingeschärft.

»Sie wollen ja wirklich Hilfe«

»Vor allem den Kindern sieht man an, wie strapaziös das alles ist«, sagt Polizeiobermeister Philipp Sondergeld, der gerade eine Zwölf-Stunden-Schicht hat. Statt mit den üblichen Delikten am Bahnhof wie Drogen, Handtaschenraub oder Schlägereien beschäftigen sich der junge Beamte und seine Kollegen derzeit hauptsächlich mit den Flüchtlingen. Verstärkung hat das Team trotz der neuen Aufgabe nicht bekommen. Fast alle der Ankommenden seien ruhig und warteten das Prozedere ab, schildert Sondergeld: »Sie wollen ja wirklich Hilfe.« Manche weinten auch. »Ich habe schon Familienväter gehabt, die bei mir in der Vernehmung zusammengebrochen sind, weil sie ihre Kinder ermordet im Straßengraben gefunden haben.«

Nachdem er einen Becher Wasser bekommen hat, wird auch Samir wie alle anderen als Erstes »erkennungsdienstlich erfasst«: Foto, Fingerabdrücke, Durchsuchung. In einem Kellerraum muss er sich ausziehen. Dann folgt die Vernehmung, zu der bei Samir telefonisch ein Dolmetscher zugeschaltet ist. Routinemäßig wird jeder Flüchtling – bis auf Minderjährige wie Samir – direkt wegen illegaler Einreise angezeigt. Im Asylverfahren wird diese dann aber auf Grundlage der Genfer Flüchtlingskonvention eingestellt. Nach dem Prozedere bei der Polizei fahren die Flüchtlinge, die neu in Deutschland ankommen, selbstständig mit dem Zug zur Erstaufnahmeeinrichtung nach Gießen, wo sie ihren Asylantrag stellen können. Haben sie kein Geld für das Ticket, hilft nach Angaben der Beamten die Bahnhofsmission. In einem Aufenthaltsraum der Polizei können sie auch auf Feldbetten übernachten.

Bei der Vernehmung haben die Polizisten nach eigenen Angaben Interesse an Informationen zu den Menschen, die bei der Flucht geholfen haben – den Schleusern. Nach Erfahrung der Beamten schafft es kaum jemand ohne deren Hilfe nach Deutschland. Fluchten können auch mal mehrere 10 000 Euro kosten. »Hinweise zu den Schleusern geben sie aber so gut wie nie«, sagt der Sprecher. Meist wüssten die Flüchtenden nicht, wer dahinterstecke.

Dabei steht die Bekämpfung der Schleuserkriminalität ganz oben auf den Agenden von Bundesregierung wie EU. Spätestens seit den Dramen um die untergegangenen Boote vor der italienischen Insel Lampedusa gelten Schleuser in der öffentlichen Debatte als die Hauptverantwortlichen für das Leid von Hilfesuchenden auf ihrer Reise Richtung Westen. Doch Menschenrechtler zeichnen ein anderes Bild: Nicht immer seien Schleuser profitgierige Kriminelle ohne Gewissen. Zudem lasse die EU-Abschottungspolitik Flüchtlingen keine andere Chance mehr, als sich in die Hände von Fluchthelfern zu begeben.

Im Falle der derzeitigen »Flüchtlingswelle« gebe es alles – »von fast gemeinnütziger Fluchthilfe über relativ preisgünstige Fluchten bis hin zu dem, was die Bundespolizei Garantieschleusungen nennt«, sagt Pro-Asyl-Sprecher Bernd Mesovic. In letzterem Fall müssten die Betroffenen sehr viel Geld bezahlen, bekämen aber zugesichert, im Wunschland anzukommen. Je nach sozialem Status und finanziellen Mitteln unterschieden sich Reisewege stark. Für Arme bleibe nur der gefährlichste Weg: »Was heute oft Bootsflucht über das Mittelmeer heißt.«

»Fluchthilfe ist prinzipiell eine legitime Einrichtung«, sagt der Politikwissenschaftler und Migrationsexperte Fabian Georgi von der Universität Marburg. Die Regierungen nutzten ganz bewusst die Schleuser als Sündenbock, um sich angesichts der öffentlichen Entrüstung über untergegangene Flüchtlingsboote aus der Verantwortung zu stehlen.

Grundsätzlich wäre aus Georgis Sicht eine liberalere Flüchtlingspolitik möglich, doch die EU versuche mit zahlreichen Mitteln zu verhindern, dass Menschen in die Lage kommen, ihr Recht auf Asyl in Anspruch zu nehmen. »Jedem Flüchtling, der in Frankfurt ankommt, stehen zahlreiche gegenüber, die es nicht geschafft haben«, sagt Georgi.

Afghanistan, Paris, Frankfurt

An Gleis 1 beobachten Sondergeld und seine Kollegen die Ankommenden des TGV-Zuges aus Paris. Viele Menschen hätten in ihrer Heimat schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht und bekämen beim Anblick von Uniformierten Panik, sagt Sondergeld. Zum Beispiel mit Zeichensprache versuchten er und seine Kollegen zu zeigen, dass sie ihnen nichts Böses wollten.

Zunächst scheint es, als seien mit dem Paris-Zug keine Flüchtlinge angekommen. Doch dann spricht die Beamten ein junges Paar in schlechtem Englisch an. Auf Nachfrage zeigen sie vorläufige Schweizer Pässe. Sicherheitshalber sollen sie mit auf die Wache. Händchen haltend und stumm trotten sie hinter den Beamten her. Auf der Wache stellt sich heraus, dass sie aus Afghanistan geflohen sind, die Pässe sind gefälscht.

Neben der Anzeige wegen illegaler Einreise erwartet sie ein Verfahren wegen Urkundenfälschung. Anders als die Einreiseanzeige wird dieses wohl nicht eingestellt – ein Umstand, der von Flüchtlingsanwälten kritisiert wird.

Samir sitzt nach seiner Vernehmung wieder stumm auf der Holzbank und wartet, was geschieht. Sein Vater sei ein hoher Regierungsbeamter in Afghanistan und von den Taliban unter Druck gesetzt worden, mit ihnen zusammenzuarbeiten, erzählt er der Polizei per Dolmetscher. Weil sich der Vater weigerte, sei der Familie gedroht worden. Daraufhin sollte Samir als ältester Sohn alleine fliehen. Schleuser brachten ihn – nach Vermutung der Polizei wohl per Transporter und über die Türkei – nach Deutschland. Wie lange er unterwegs war, weiß Samir nicht mehr. Das passiere bei Minderjährigen häufig, sagt Sondergeld: »Die sehen die Sonne nicht mehr und verlieren jegliches Zeitgefühl.« Bei seiner Ankunft auf der Wache habe Samir nicht gewusst, dass er in Deutschland sei. Nach Stunden bei der Polizei kommen Mitarbeiter des Jugendamtes zur »Inobhutnahme«. Samirs Reise endet vorerst in der Aufnahmeeinrichtung im Gallusviertel. (dpa)

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