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Autoren werfen Blick hinter die Kulissen des Bahnhofsviertels Viele Kreative sind dabei

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Frankfurt (aho). Nirgends treffen verschiedene Lebensentwürfe härter aufeinander als im Bahnhofsviertel. Zwischen Hochfinanz und Milieu, Luxushotels und Absteigen, Prachtstraßen und Hinterhöfen, Rotlicht und Neonröhre, Pinten, Tempeln und Drogenszene, Main und Mainzer Straße leben und arbeiten Menschen aus mehr als 180 Nationen. In einem Text- und Bildband haben sich 40 Frankfurter Autoren mit dem Bahnhofsviertel auseinandergesetzt. Der B3-Verlag stellte das Buch im Etablissement »Pik Dame« vor.

Das Buch lädt, so verspricht es schon der Titel, zu einer »Expedition in einen legendären Stadtteil« - in das Bahnhofsviertel - ein. Die Autoren und Cartoonisten beschreiben darin auf ganz unterschiedliche Weise das vermutlich internationalste Quartier der Mainmetropole. Und nicht wenige davon fanden sich in dem altmodisch wirkenden Etablissement ein, um das gemeinsame Werk gebührend mit einer Lesung zu feiern. Für die musikalische Begleitung zwischendurch sorgte das Matthias-Schubert-Trio.

Peter Zingler, Buch- und Drehbuchautor, und die Frankfurter Schriftstellerin Eva Demski trafen bei der Lesung aufeinander, begrüßten sich sogleich mit zwei Küsschen. Dabei waren beide nicht zu ihrem Vergnügen da, zumindest nicht ausschließlich, sondern als zwei der rund 40 Kreativen, die ihre Produkte dem Verlag kostenlos zur Verfügung gestellt haben.

Während diese beiden für die Lesung im Hintergrund blieben, trugen vier zurzeit noch weniger bekannte Kollegen im leicht anrüchigen Ambiente dem erwartungsvollen Publikum ihre humoristischen und engagierten Texte vor. In Oliver Maria Schmitts Text kam gleich die »Pik Dame« vor, so dass die Zuhörer sofort die Beschreibung im Text mit ihrer Umgebung vergleichen konnten. Die Ankunft am Hauptbahnhof, und damit dem Einfallstor zur Stadt, thematisierte Christian Jöricke mit »Früher war die Currywurst am Koblenzer Bahnhof besser«. Dahingegen beschrieb Thomas Gsella mit »Irgendwas Braunes« die Suche nach der Inspiration, die im Bahnhofsviertel aber nie ganz unschuldig verlaufen könne - zumindest in den Augen jener, denen der Autor versucht, seine Motive darzulegen. Und schließlich beschrieb Uve Schmidt in »Die Rache der verschmähten Braut«, wie man vom Gleiskörper des Hauptbahnhofs unter die Glücksräder des Rotlichtviertels geraten kann. Denn das Bahnhofsviertel, das zeigt dieses Buch, hat schon immer Künstler, Schriftsteller und Kreative inspiriert. Diese kommen im Buch zu Wort. Beiträge von Journalisten sind ebenso zu finden, wie Werke von Karikaturisten, Juristen, Soziologen oder Fotografen.

Sündiges Viertel hat mehr zu bieten als nur den unterstellten Schmuddelfaktor

Alle 40 Autoren haben sich im Bahnhofsviertel auf Entdeckungsreise gemacht. Sie brechen eine Lanze für das vermutlich kleinste, aber auch berühmteste Viertel Frankfurts. Damit zeichnet das Werk ein facettenreiches Bild dieses Stadtteils und zeigt, dass der mehr als nur den unterstellten Schmuddelfaktor zu bieten hat. Das Bahnhofsviertel bekam in all den Jahren nie die Anerkennung wie die Hamburger Reeperbahn. Vielleicht, weil es auch ein Brennpunkt von Kriminalität und Treffpunkt der Drogenszene ist.

Die illegalen Drogen und der Umgang damit, auch durch die Frankfurter Politik, wurden in einer kurzen, dennoch differenzierten und aufschlussreichen Gesprächsrunde mit Ulrich Gottschalk von der Drogenhilfe, Torsten Schiller, dem ehemaligen Leiter des Ordnungsamtes der Stadt, Harald Hans Körner, ehemaliger Oberstaatsanwalt, sowie Jürgen Klee von der Aids-Hilfe, angesprochen. Moderiert von Jürgen Lentes zeigte sich, dass das »Frankfurter Modell« aus den unterschiedlichen Blickwinkeln der Podiumsteilnehmer doch allgemeine Akzeptanz genießt.

Paare waren zur Lesung gekommen, um sich gemeinsam ein wenig vom Duft der großen weiten Halbwelt umwehen zu lassen und vielleicht die eine oder andere kleine Schlüpfrigkeit zu hören, möglicherweise auch ein bisschen literarischen Skandal mitzunehmen. Aber so weit kam es nicht. Es wurde ein ganz amüsanter Abend mitten in Frankfurts sündigstem Stadtteil.

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