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Auftakt des Dschungelcamps: Fremdschämen im Kino

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Katarzyna und Christian Suchomski sind leidenschaftliche Kinogänger. Deshalb erlebtensie auch den Dschungelcamp-Start auf der Leinwand. 	(Foto: alb)
Katarzyna und Christian Suchomski sind leidenschaftliche Kinogänger. Deshalb erlebtensie auch den Dschungelcamp-Start auf der Leinwand. (Foto: alb) © Alexander Bock

Gießen (alb). Wenn das Gelächter schon während des pathetischen Vorspanns einsetzt, verspricht das ein lustiger Abend zu werden. Wurde es dann auch. Am Freitagabend schauten sich etwa 100 Gießener die erste Folge der diesjährigen Ausgabe von »Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!« im Kinopolis an..

Mit dabei sind auch Iris Reuter und ihre Tochter Mia. Sie kennen diesmal zwar keinen der Teilnehmer, aber »man muss auch mal für Trash offen sein«. Das sieht Christian Suchomski genauso. Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Physikalisch-Chemischen Institut der Universität geht mit seiner Frau Katarzyna mindestens einmal pro Woche ins Kino und genießt nun das gemeinschaftliche Fremdschämen.

Eines fällt Moderatoren und Zuschauern gleich auf. Und es ist etwas Positives. Nach acht Staffeln haben offenbar die meisten der Kandidaten verstanden, dass es keinen mehr Sinn hat, vorzugeben, man setze sich den RTL-Kameras und Bundesbürger-Blicken im Streben nach persönlicher Herausforderung, Selbstfindung oder Abenteuerlust aus. Erfreulich offen nennen sie Geldnot, Aufmerksamkeitsbedürfnis oder Hoffnung auf einen Karriereschub – in manchen Fällen passt »Karrierestart« wohl besser – als Gründe für den Einzug, à la »Ja, ich bin hier, weil sonst gerade bei mir nicht viel läuft.«

Das Autorenduo Micky Beisenherz und Jens Oliver Haas, das die launigen Moderationsdialoge textet, lief anlässlich der ersten Folge zur Höchstform auf. Mit bissigem Humor und messerscharfen Pointen, mal unter der Gürtellinie, mal auf dem Niveau einer sprachwissenschaftlichen Fachtagung, lieferten sie Sonja Zietlow und Daniel Hartwich perfekte Vorlagen.

21.50 Uhr: Die ersten Tränen der neuen Staffel. Endlich. Hat ja lange genug gedauert. Sara Kulka vermisst ihre einjährige Tochter. Aha. Generell Kulka: Das Model dominierte mit ihren aufgespritzten Lippen und verblüffender Unkenntnis der englischen Sprache die erste Hälfte der Sendung. Eklatant trat gerade letzterer Umstand beim Einkleiden in »Dschungel-Montur« unter den strengen Augen zweier Australier zutage. Nun hat deren Akzent zugegebenermaßen seine Tücken, doch Kulka schaffte es tatsächlich, nach jedem Halbsatz nachfragen zu müssen – in einer kruden Mischung aus Grundschulenglisch und Straßenslang. Iris Reuter beugt sich zum fleißig mitschreibenden Reporter vor ihr herunter. »Ergänzen Sie doch bitte bei unseren Motiven für diesen Abend: Um Mia zu zeigen, wie nützlich gute Englischkenntnisse sind.«

Endlich an den Schlafplätzen angekommen, darf natürlich eines nicht fehlen: Die obligatorischen Bedenken über vorzeitiges Aufgeben wegen – nun ja, sagen wir mal emotional-physiologischer Auflösungserscheinungen. Den Job übernimmt in diesem Jahr Alterspräsident Walter Freiwald, dessen Preis längst abgekühlt ist und den man sich auch nur noch schwerlich als mitreißenden Teleshopper vorstellen kann. Freiwald ist demotiviert, hat sich den Kopf am Helikopter gestoßen, sein Arm berührte eine Qualle und der Ermattete erhält nicht einmal Zigaretten. Menschliche Dramen.

Zwischendurch liefern die Insassen philosophische Weisheiten erster Güte. Beispiel gefällig? Um Sara Kulka in dunkler Sommernacht Mut zuzusprechen, sinniert Schauspieler Jörn Schlönvoigt: »Wenn es dunkel ist, ist es genauso wie tagsüber. Man sieht nur nichts.« 22.30 Uhr: Der zweite Weinkrampf. Guter Rhythmus jetzt. Rebecca Siemoneit-Barum – Lindenstraßen-Langzeitbewohnerin und nach eigener Aussage matschresistentes Zirkuskind – fällt ein, dass sie eine Familie zu Hause hat. Aha.

Die Dschungelprüfung am Ende der Sendung ist dann nur noch eine Formalität. Kakerlaken, Schleim, Mehlwürmer, Maden, Hoden – kennt man alles. Hauptsache, Muskelprotz und Model werden ordentlich dreckig. Den Satz des Abends liefert am Ende erneut Schlönvoigt: »Darf man bei RTL eigentlich denken oder nur agieren?« Grandiose Frage. Doch darüber denken wir jetzt nicht nach. Unterhaltsame 165 Minuten gehen zu Ende und das Publikum erhebt sich grinsend aus den Sitzen.

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