1. Wetterauer Zeitung
  2. Hessen

Angehörige fordern Aufklärung

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

_1MANHB7-B_091158_4c
Angehörige der Opfer des rassistischen Anschlags von Hanau zeigen im hessischen Landtag Fotos der Opfer. Zum Auftakt der öffentlichen Sitzungen des Hanau-Untersuchungsausschusses werden Angehörige von zwei Opfern der Tat als Zeugen gehört. Im Fokus des Untersuchungsausschusses steht ein mögliches Behördenversagen vor, während und nach der Tatnacht. © DPA Deutsche Presseagentur

Seit bald zwei Jahren lastet der rassistische Anschlag von Hanau mit neun Toten schwer auf dem Leben der Hinterbliebenen. Im Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtags machen sie deutlich, dass sie sich mit ihrem Leid und ihren Fragen alleingelassen fühlen.

Als der Bruder eines der Anschlagsopfer von Hanau seinen Bericht beendet, ist es minutenlang ganz still in dem Saal, in dem der Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtags tagt. Detailliert hat Hayrettin Saraçoglu zuvor als Zeuge geschildert, wie ihm Gewebeproben seines toten Bruders Fatih nach der rassistischen Tat am 19. Februar 2020 ausgehändigt worden seien. Sie waren nach der Obduktion in der Frankfurter Rechtsmedizin zurückgeblieben. Er habe diese sterblichen Überreste persönlich in die Türkei gebracht, um sie dort zu bestatten. Er habe sich wirklich sehr einsam in dieser Situation gefühlt, sagt Saraçoglu, dessen Aussagen von einer Dolmetscherin übersetzt werden.

Ein 43-jähriger Deutscher hatte am 19. Februar 2020 in Hanau neun Menschen aus rassistischen Motiven ermordet, vermutlich erschoss er danach seine Mutter und sich selbst. Saraçoglu ist einer von drei Hinterbliebenen, die der Ausschuss zum Auftakt seiner öffentlichen Sitzungen am Freitag als Zeugen hört. Vom Tod seines Bruders habe er von dessen Vermieterin erfahren, sagte er. Unterstützung habe er von einer Anwältin bekommen und psychologische Hilfe auf eigene Faust gesucht. »Ich hätte mir gewünscht, dass irgendjemand von den Behörden die Richtung weist und uns informiert hätte«, erklärt er. »Als Folgen des Anschlags habe ich nicht nur meinen geliebten Bruder verloren, meine gesamte Existenz ist zerstört.« Es sei gut, dass die Angehörigen vor dem Ausschuss nun öffentlich reden könnten. Es gehe um ein Problem, das ganz Deutschland betreffe. »Der Ursprung des Problems ist Rassismus.«

Auch die Cousine des Anschlagsopfers Kaloyan Velkov schilderte zuvor über eine Dolmetscherin, dass sie nach der Tat weitgehend auf sich gestellt gewesen sei. Die Polizei habe ihren Cousin, der wie ein Bruder für sie gewesen sei, erst etwa 25 bis 30 Minuten nach dem Eintreffen am Tatort entdeckt, so Vaska Zladeva. Man habe die Angehörigen stundenlang vor dem Gebäude und auch später in einer Halle warten lassen, ohne ihnen Informationen zu geben und sich persönlich um sie zu kümmern. Die wartenden Angehörigen hätten »geweint und geweint«. Erst gegen 6.30 Uhr seien ihnen dann von einer Liste die Namen der Opfer verlesen worden.

Seinen Leichnam hätten sie selbst und seine Mutter erst fünf bis sechs Tage später und nach einem DNA-Abgleich sehen dürfen - obwohl er Personalausweis, Krankenkassen- und Bankkarte bei sich gehabt habe. Erst zu diesem Zeitpunkt sei ihnen auch psychologische Hilfe angeboten worden, doch nachdem sie bereits fünf oder sechs Tage durchgehalten hatten, habe sie abgelehnt. »Wir mussten da alleine durch.« Die Obduktion sei ohne ihr Einverständnis erfolgt. Sie selbst habe Schuldgefühle, dass sie ihrem Cousin einst nahegelegt hatte, nach Deutschland zu kommen, sie habe gedacht, es sei ein gutes Land, sagte Zladeva.

Die Obfrau der SPD im Untersuchungsausschuss, Heike Hofmann, spricht von bewegenden Zeugenaussagen, die aufgerüttelt und gezeigt hätten, wie tief das Vertrauen in den Staat und seine Institutionen bei jenen erschüttert sei, die bis heute um die Opfer des Anschlags trauern müssten. CDU-Obmann Jörg Michael Müller hebt hervor, es sei richtig, den Angehörigen einen Raum für deren Sicht auf diese Tat zu geben. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier, Innenminister Peter Beuth (beide CDU) und die gesamte schwarz-grüne Regierungskoalition hätten zugesagt, die Aufklärung umfassend zu betreiben. Für FDP-Obmann Jörg-Uwe Hahn zeigen die Befragungen, dass die Angehörigen nicht zielgerichtet betreut worden seien. So hätten Hinweise auf die Möglichkeit, psychologische Unterstützung in Anspruch und einen Rechtsanwalt zurate ziehen zu können, gefehlt.

Mit einer Mahnwache vor dem hessischen Landtag hatte am Morgen die »Initiative 19. Februar Hanau« auf die Anliegen der Hinterbliebenen aufmerksam gemacht. Der Sprecher der Initiative, Hagen Kopp, sagte: »Die Mahnwache steht für lückenlose Aufklärung und Konsequenzen.«

Auch interessant

Kommentare