Abitur längst nicht mehr Pflicht für Uni-Studium

Gießen (si). Wer studieren will, braucht Abitur: Diese Regel galt in Deutschland jahrhundertelang, und daran änderten auch die Reformen in den 1960/70er Jahren nichts Wesentliches; zumindest, soweit es die Universitäten betrifft.

Erst vor fünf Jahren erweiterte die Kultusministerkonferenz den Hochschulzugang für Menschen ohne Reifezeugnis grundlegend. Seither können sich Handwerksmeister und auch andere, die sich beruflich qualifiziert haben, sehr viel leichter immatrikulieren – und zwar nicht nur in dem Fachgebiet, in dem sie selbst ausgebildet worden sind.

Lange habe sich vor allem Universitäten gegen die Reform gewehrt, wohl auch weil sie an der Studierfähigkeit der »Seiteneinsteiger« zweifelten. Inzwischen steigen die Zahlen bundesweit an. Das gilt auch für die Justus-Liebig-Universität. Waren hier 2006 erst 25 Menschen ohne Abitur eingeschrieben, sind es im laufenden Wintersemester schon fast viermal so viele (94). Das zeigen Zahlen, die die JLU der Gießener Allgemeinen Zeitung zur Verfügung gestellt hat.

Sprach-/Kulturwissenschaften gefragt

Nach dieser Statistik wählen die Studierwilligen besonders gerne ein sprach- bzw. kulturwissenschaftliches Fach: Von den 429 Erstsemestern ohne Abitur, die die Universität Gießen in den vergangenen sieben Jahren aufnahm, immatrikulierten sich hier knapp 40 Prozent. Überdurchschnittlich stark vertreten waren pädagogische Studiengänge (Außerschulische Bildung, Bildung und Förderung in der Kindheit, Pädagogik für praktisch Bildbare mit allein jeweils rund 20 Anmeldungen), aber auch Psychologie und das Fach Deutsch. Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften brachten es zusammen auf knapp 70 Anmeldungen. Knapp dahinter lagen Agrar- und Ernährungswissenschaften. Jeder Zehnte (45) kam in Human- bzw. Zahnmedizin unter. Unter den weiteren Fächern ragten am ehesten Mathematik (28) und Biologie (19) heraus.

Aus welchen Berufen die Anfänger kommen und welche Vorbildung genau sie haben, sagt die Datenbank nicht. Und klar ist auch, dass sich die Zahl der Studenten ohne Abitur an der Justus-Liebig-Universität immer noch im Promillebereich bewegt – insgesamt sind derzeit 26 000 Studierende eingeschrieben.

In Hessen und damit auch an der Justus-Liebig-Universität haben zunächst Handwerksmeister einen allgemeine Hochschulzugangsberechtigung. Sie entspricht dem Abitur und ermöglicht den Zugang zu allen Studiengängen, die zu einem ersten Studienabschluss führen: Bachelor, Staatsexamen und – falls es sie noch gibt – Magister und Diplom. Der Master ist ein weiterführender Studiengang und damit zunächst augeschlossen.

Den Meistern gleichgestellt sind Personen, die eine abgeschlossene Berufsausbildung und darüber hinaus eine der Meisterausbildung vergleichbare Aufstiegsfortbildung absolviert haben. Details nennt die Justus-Liebig-Universität auf ihrer Homepage (www.uni-giessen.de/cms/studium/bewerbung/zulassungsvoraussetzungen/beruflich-qualifizierte). Dort erfährt man auch, welche weiteren Möglichkeiten es zum Studium ohne Abitur gibt: Etwa über die Hochschulzugangsprüfung für beruflich Qualifizierte, die noch keine Aufstiegsfortbildung nachweisen können.

Ein bundesweites Informationsangebot über rund 4000 Studiengänge, die ohne Abitur zugänglich sind, bietet ein neuer Online-Studienführer, den das Centrum für Hochschulentwicklung CHE und der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft entwickelt haben. Die Adresse lautet: www.studieren-ohne-abitur.de.

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