Ungerechtigkeit

Die Lücke im System

Wenn die TSG Wieseck oder der VfB 1900 Gießen Jugendfußballer über Jahre ausbilden, sollen sie bei deren Wechsel zum Profiverein entschädigt werden – klingt zwar logisch, oft aber gibt’s null Euro.
05. Juli 2017, 07:00 Uhr

13 Jugendspieler hat die TSG Wieseck vor der abgelaufenen Saison an Profivereine abgegeben. Die jahrelange Ausbildung in Mittelhessen hat die Spieler zum 1. FC Köln (Sebastian Müller), zum FSV Mainz 05 (Dennis Owusu) oder zu Eintracht Frankfurt (Vincenzo Nappi) geführt. Für sieben dieser Spieler hat Wieseck keinen Cent gesehen. »Wir bilden Talente häufig über viele Jahre aus und müssen sie dann kostenlos abgeben«, sagt Deniz Solmaz, Nachwuchs-Chef der TSG Wieseck. Trotz klarer Regeln für die Ausbildungsentschädigung heißt der finanzielle Lohn für die Arbeit nicht selten: null Euro. Moralisch fragwürdig? Ja. Wirklich überraschend? Nein.

Wer sich mit dem Jugendfußball, gezielt mit den Ausbildungsentschädigungen, beschäftigt, erkennt schnell ein System, in dem zuvorderst die Interessen der Großen vertreten werden. Der Wettbewerb ist hart und setzt Profivereine unter Druck. Ihr Verhalten wirft die Frage auf, wie Ausbildungsvereine langfristig überleben sollen, wenn sie für das Abwandern ihrer besten Jugendspieler teilweise keinen Cent sehen. »Es gibt Lücken im System«, sagt Armin Kraaz, Leiter des Nachwuchsleistungszentrums von Eintracht Frankfurt. Eine Lücke im System ist die Ausbildungsentschädigung, die für Wechsel von Jugendspielern zwar fest geregelt ist, in der Praxis aber häufig gar nicht gezahlt wird.

»Je besser wir ausbilden, desto weniger Geld bekommen wir«, sagt Solmaz. Ein Satz, der nur im ersten Moment verwirrend ist, aber schnell Sinn ergibt: Wechselt ein Jugendspieler, werden Ausbildungsentschädigungen fällig (siehe Grafik unten rechts). So müsste beispielsweise Kickers Offenbach als Regionalligist für einen B-Jugend-Spieler vom VfB 1900 Gießen 1000 Euro als Grundbetrag zahlen. Spielte er drei Jahre für den VfB 1900, kommen 300 Euro dazu, 1300 Euro also. Das ist festgeschrieben, solange Offenbach dem Jugendspieler keinen Fördervertrag gibt – und darin liegt die Krux.

Gibt der aufnehmende Verein dem Spieler einen Fördervertrag, hat der alte Verein keine rechtliche Grundlage für eine Zahlungsforderung. »Das hat mit dem EU-Recht und mit der freien Wahl des Arbeitsplatzes zu tun«, erklärt der Reiskirchener Dirk Reimöller, Verbandssportlehrer des HFV. »Da denken doch immer alle: Klasse, die Wiesecker geben die Spieler an ein NLZ ab, da fließt ordentlich Geld. Aber so ist es nicht. Dass wir einen Spieler aus Marburg für 500 Euro holen, vier Jahre ausbilden und dann umsonst abgeben, ist auch Realität«, sagt Solmaz.

Warum bevorzugen Profivereine solche Kontrakte? Das hat drei einfache Gründe: Sie binden damit die Talente in der Regel für drei Jahre. »Sie haben damit die Trumpfkarte in der Hand und können im Zweifel Ablöse für den Spieler fordern. Und sie können dem Spieler einen Wechsel verweigern«, sagt Dirk Reimöller. Abgeschlossen werden darf dieser Vertrag ab der U16. In der Regel erhalten die Jugendspieler monatlich zwischen 250 und 300 Euro Aufwandsentschädigung, zudem liegen die monatlichen Kosten für die Knappschaft bei 75 Euro. »Bei den perspektivisch wirklich talentierten Spielern wird so ein Fördervertrag mittlerweile immer abgeschlossen«, meint Reimöller.

Nicht aber in der Kreisoberliga, Gruppen- oder Verbandsliga, wo die Ausbildungsentschädigung an den alten Verein gezahlt wird. »Da gibt’s eigentlich keinen Grund zum Verhandeln«, sagt Olaf Faulstich vom VfB 1900 Gießen. »Es gibt kaum einen Verein aus unserer Region, der nicht zahlt. Es ist schon seltsam: Findet ein Wechsel zum hochklassigen Verein statt, fließt plötzlich häufig kein Geld mehr. « Das also meint Deniz Solmaz mit seiner Aussage: Ein Transfer zum VfR Lich kann Wieseck mehr Geld bringen als ein Wechsel zu Borussia Dortmund.

»Wir haben zuletzt vor der Saison 50 Neuzugänge in der Jugend geholt, davon mussten 40 bezahlt werden. Wir holen von unten nach, bezahlen und geben nach oben dann kostenlos ab? Das ist nicht fair«, sagt Solmaz. Wenn die TSG beispielsweise einen D-Jugendlichen der TSF Heuchelheim oder des TSV Klein-Linden holen möchte, muss sie per Statuten 200 Euro Grundbetrag zahlen, da die 1. Mannschaft in der Gruppenliga spielt, plus 50 Euro für jedes Jahr, das der Spieler bei seinem alten Verein verbrachte. 13 Spieler hat Wieseck in der letzten Saison an andere NLZ abgegeben. Auf Einnahmen verlassen kann sich der Verein ab der U16 bei Eintracht Frankfurt. Dass die Eintracht verlässlich zahlt, liegt daran, dass beide Kooperationspartner sind. »Wir holen regelmäßig Spieler aus Wieseck – das bewährt sich jedes Jahr neu. Deshalb haben wir eine sehr faire Regelung getroffen«, sagt der Frankfurter Armin Kraaz. Er gibt aber gleichzeitig zu: »Es gibt auch Vereine, da zahlen wir nichts für die Spieler, die wir holen. Moral ist teuer.«

Bis auf den 1. FC Köln und Bayern München zahle fast kein Bundesligist freiwillig, sagt Solmaz. Für Sebastian Müller, der zwei Jahre in Wieseck spielte und in der letzten Saison als C-Jugendlicher zum 1. FC Köln wechselte, gab’s 1900 Euro – trotz Fördervertrag. Solch eine »Fairness« wünscht sich Wieseck öfter – um das Geld wofür zu nutzen? »Uns fehlen Trikots, Hosen und Stutzen für B- und C-Junioren. Auch wenn ich 30 brauche, bestelle ich erst mal nur zehn. Das nervt. Unser Beamer ist geklaut worden, also können wir gerade keine Vidoeanalyse im Team machen. Ich muss nicht im Geld schwimmen, aber ich brauche gute Bedingungen, um gute Ausbildung zu machen«, sagt Solmaz. »Es würde uns schon sehr gut gehen, wenn wir das Geld bekommen, das uns zusteht.«

Letzten Endes geht es im Fußball fast immer ums Geld. Selbst Wolfgang Schmidt, einer dieser Trainer, die ehrenamtlich Tausende Stunden in die Zukunft ihrer Jugendspieler investieren, schaut aktuell darauf. Der ganze FC Cleeberg hofft, dass die heimischen Jungs Gian-Luca und Davide Itter beim VfL Wolfsburg sowie John-Patrick Strauß (Erzgebirge Aue) bald ihren ersten Profieinsatz bekommen. Alle drei wurden in Cleeberg ausgebildet und fallen unter die Vorgaben, die erfüllt werden müssen, um die Ausbildungsentschädigung für Lizenzspieler zu erhalten. Sollte es dazu kommen, greift die Regel (siehe Grafik unten links), nach der der Heimatverein (Cleeberg) dafür belohnt wird, dass einer seiner Spieler es in die Bundesliga geschafft hat. Nach den Regularien würden Cleeberg für einen Bundesligaeinsatz 5000 Euro und für einen Zweitligaeinsatz 2500 Euro fix zustehen.

Der Betrag stammt aus einem freiwilligen Solidaritätsfonds der Profivereine mit einem Volumen von bisher rund einer Millionen Euro. Die Einlagen sollen erhöht, nach Informationen dieser Zeitung mehr als verdoppelt werden. Schmidt, der Kontakte zur DFL hat, spricht von unbestätigten 18 000 Euro pro Spieler. Die DFL wollte sich dazu trotz mehrmaliger Nachfrage nicht äußern.

Schon für die Verleihung der Fritz-Walter-Medaille und Jugend-Nationalspiele der Itter-Brüder erhielt Cleeberg rund 18 000 Euro. »Für einen Verein, dessen erste Mannschaft in der Gruppenliga spielt, ist das viel Geld.« Trotzdem betont Schmidt, dass ihm die Wertschätzung der Amateurvereine zu kurz kommt. »Wie viel Aufwand in der Arbeit mit Kindern auf dem Platz steckt, sehe ich heute noch.« Sieben Jahre waren die Itter-Brüder in Cleeberg. »Wir haben die Basis gelegt und werden dann mit zehn Prozent abgespeist? Das kann nicht sein.«

Wie wichtig die Jugendarbeit von Amateurvereinen ist, verdeutlicht Dirk Reimöller: »In der Jugend von Profivereinen herrscht eine große Fluktuation. Nur sieben Prozent der D-Jugendlichen sind in der A-Jugend noch da. Das heißt, der überwiegende Teil der restlichen 93 Prozent kommt von den Amateuren.« Ob der Anteil am großen Geld für die kleinen Vereine verhältnismäßig stimmt, dürfte also eine rhetorische Frage sein.

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