Handball-EM

Kader für Handball-EM: Kritiker erkennen Idee des Bundestrainers nicht

Die Streichliste des Handball-Bundestrainers für den EM-Kader hat für Diskussionen gesorgt. Experten aber sind nicht wirklich überrascht, betont Ralf Waldschmidt, Sportchef der Gießener Allgemeinen.
10. Januar 2018, 17:05 Uhr
Der Ex-Wetzlarer Rückraumspieler Steffen Fäth gehört zum deutschen Aufgebot für die Handball-Europameisterschaft in Kroatien, die am Freitag beginnt. (Foto: dpa)

Mal ganz ehrlich! Die Streichliste von Christian Prokop überrascht die wahren Experten nicht wirklich. Der neue Handball-Bundestrainer hat klare Vorstellungen und Visionen – vor allem aber ein Luxusproblem. Bei der Auswahl von 16 aus zunächst 28 und dann 20 Hochqualifizierten seit vergangenen Sommer im Hinblick auf die Europameisterschaft in Kroatien kann man über die Nichtberücksichtigung eines zweiten Linksaußen hinter dem gesetzten Uwe Gensheimer diskutieren oder an Abwehrstratege Finn Lemke erinnern, der vor zwei Jahren an der Seite von Hendrik Pekeler noch einer der Garanten des deutschen EM-Triumphes gewesen ist. Im Mittelpunkt der Diskussionen stehen selbstredend die Leipziger Matthias Janke und Bastian Roschek, die ja erst in letzter Sekunde auf den EM-Zug aufgesprungen sind.

Finn Lemke hat sich wenig weiterentwickelt

Dass es bei der finalen Auswahl einen der vielen Europameister im aktuellen Kader treffen würde, war unausweichlich. Auf der Spielmacherposition lagen nach den Verletzungen von Simon Ernst und Niclas Pieczkowski die Fakten auf der Hand. Auf Halbrechts ist der gestrichene Fabian Wiede sicher einer der Härtefälle. Nicht aber Finn Lemke, der sich auch bei der MT Melsungen unter Trainer Michael Roth bei seinen Möglichkeiten und Hebelverhältnissen im Angriff wenig weiterentwickelt und deshalb seinen Platz im EM-Kader verloren hat. Vier Kreisläufer klingen auf Anhieb ungewöhnlich, aber gerade Wetzlars Jannik Kohlbacher und Leipzigs Bastian Roschek haben sich durch ihre Verbesserung in der Abwehrarbeit den entscheidenden spezialistentaktischen Vorteil gegenüber 2,12-m-Hüne Lemke verschafft. Und für Matthias Janke gilt das Gleiche wie für die vielen ehemaligen Wetzlarer im Nationalteam – in Leipzig kann man sich als talentierter deutscher Akteur eher ins Schaufenster stellen als eben in Kiel, Mannheim oder Flensburg, wo die zentralen Positionen von internationalen Topstars besetzt werden. Wer aus Klubsicht populistisch diese Personalien kritisiert, argumentiert entweder wider besseres Wissen oder erkennt inhaltlich die Handball-Idee des Bundestrainers nicht.

Fünf Akteure haben Feinschliff bei der HSG Wetzlar erhalten

Womit wir ein wenig auch beim mittelhessischen Lokalpatriotismus gelandet wären. Mit Jannik Kohlbacher am Kreis, Tobias Reichmann auf Rechtsaußen, Andreas Wolff im Tor sowie den beiden torgefährlichen Rückraum-Allroundern Steffen Fäth und Philipp Weber tragen fünf Akteure in Zagreb das Trikot mit dem Adler auf der Brust, die allesamt unter Klubtrainer Kai Wandschneider bei der HSG Wetzlar den entscheidenden Schliff auf ihrem Karriereweg erhalten haben. Handball-Wetzlar wird die kontinentalen Titelkämpfe also ganz sicher am Bildschirm verfolgen.

Topbesetzte Mannschaft auf jeder Position

Wetten, dass der Bundestrainer sowohl Steffen Fäth als auch Philipp Weber überwiegend als torgefährliche Lenker und Denker auf der Rückraummitte sieht, was dem deutschen Handball lange Zeit fehlte und vor dem Hintergrund der Ausfälle von Ernst und Pieczkowski auch als logische Konsequenz angesehen werden muss. Über eine auf jeder Position drei- oder sogar vierfach topbesetzte deutsche Mannschaft sollte man sich eigentlich freuen bei internationalen Titelkämpfen. Im Übrigen dürfte sich ein Joachim Löw in diesem Frühsommer mit dem gleichen Luxusproblem konfrontiert sehen.

Schon die Vorrunde wird zur Herausforderung

Die Titelkämpfe auf dem Balkan sind, geschichtlich wie geografisch betrachtet, in Teilen eine internationale jugoslawische Meisterschaft. Mit Kroatien und Serbien in der Gruppe A sowie Montenegro, Slowenien und Mazedonien in der deutschen Gruppe C kämpfen insgesamt fünf ehemaligen Teilrepubliken der Tito-Ära um EM-Ehren. Die Handballstärke und -begeisterung der Balkanländer ist unverändert groß. Da wird schon die Vorrunde für das DHB-Team zur Herausforderung, zumal man in Zagreb in der mit Abstand größten und emotional aufgeladensten Arena spielen wird.

Enormes mannschaftliches Potenzial

Die Frage nach dem Turnierfavoriten ist schwerer denn je zu beantworten. In dem Maße, in dem der europäische Klubhandball von Barcelona über Veszprem bis Kielce zusammengewachsen ist und nicht mehr allein spanische und deutsche Teams wie viele Jahre die Titel unter sich ausmachen, in dem Maße ist auch die Leistungsdichte der Nationalteams gewachsen. Ab dem Viertelfinale hat jedes die Qualität, um den EM-Titel mitzuspielen: Gastgeber Kroatien hat den unschätzbaren Heimvorteil. Frankreich und Spanien setzen auf ihre individuelle Qualität auf den zentralen Positionen. Dänemark hat eine noch größere Erfahrung. Deutschland hat enormes mannschaftliches Potenzial. Bei Norwegen ist Superstar Sander Sagosen Dreh- und Angelpunkt, der das gesamte Team stärker macht. Serbien ist bei jedem Turnier unberechenbar. Und Schwedens Talentschuppen kann durchaus schon beweisen, dass dieser Status der Vergangenheit angehört. Das wird richtig spannend!

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