Alle Schüler sind beim Wandern offline

Ortenberg (kai). »Hier haben wir endlos viel Zeit zum Reden«, sagt Finn Mörler. Der zwölfjährige Bad Nauheimer nimmt mit 29 weiteren St.-Lioba-Schülern seit Montag am Projekt »Pilgern offline 2014 – wir sind dann mal weg« teil. Zu Fuß geht’s in drei Tagesetappen auf der Bonifatius-Route von Altenstadt zum Gederner See.
23. Juli 2014, 18:38 Uhr
Während der Stopps müssen die Jugendlichen ran: Misten ist nur eine der vielen Aufgaben, die sie übernehmen, um sich Essen zu verdienen. (Fotos: kai)

Während der 60-Kilometer-Tour erledigen die Jugendlichen Hilfsdienste, um sich Essen zu verdienen. Als Motivatoren gehören die Hunde Diya und Fine sowie die Pferde Moppel und Lisa zum Tross, die die Schlafsäcke tragen.

Alles klappt wie geplant, bis zur Rast in der Domäne Konradsdorf: Nach einer kühlenden Dusche grasen die Pferde auf einer flugs eingezäunten Weide – bis sich Lisa wälzte. »Beim Aufstehen muss sie sich verdreht haben, sie hat Schmerzen im Rücken, ein Tierarzt muss her«, erzählt Lehrerin und Pferdebesitzerin Ute Schremser. Schnell improvisieren sie und ihre Kollegin Birgit Skjeldal: Die Zeit für den Arbeitseinsatz auf dem Bio-Hof der Familie Keller wird verlängert, bis der Tierarzt die Stute untersucht hat. Sein Rat: Stute Lisa muss zum Auskurieren auf die heimische Weide.

Betriebsleiter Helmut Keller verteilt derweil die Aufgaben. Einige Jugendliche befreien den Garten vom Unkraut. Schippen, Schaufeln, Schubkarren und Mistgabeln stehen für die große Gruppe parat – Hof kehren und die Kälberboxen ausmisten.

Als Lohn gibt’s frische Milch

Ohne Murren, feixend und lachend gehen die 11 bis 14-Jährigen ihre Aufgabe an. Steine, Stroh und Heu kehren sie auf Haufen, die andere mit Schaufeln in die Karren schippen. »Es ist anstrengend, macht aber großen Spaß«, sagt Justus Seliger. Derweil reißen Konstantin Leclerc, Finn Mörler, Florian Waßmann und einige andere Disteln und Melden, die Zwiebeln, Mangold und Kartoffeln überwucherten, aus dem kleinen Nutzgarten heraus. Nach drei Stunden bietet Keller den Pilgern die verdiente Mahlzeit an: frische Roh-Milch, Käse, Würstchen, Salate. »Das ist etwas ganz anderes als Schule oder zu Hause sein«, sagt Franziska Leclerc.

Die Pilger-Tage sind strukturiert: Morgens und abends gibt es einen christlichen Impuls. Dazwischen wird gewandert. Ab und zu sprechen Passanten die Truppe an. »Wenn wir durch Ortschaften gehen, tragen wir unser Banner vorweg«, erzählt Jakob Leineweber. Ein bunt bemaltes Laken, darauf das Schullogo, das Zeichen der Bonifatius-Route und die Logos der Stationen, an denen sie anpacken und verpflegt werden. Außerdem gab’s – gesponsert vom Schulförderverein – für jeden Pilger ein T-Shirt, das auf das Motto der Tour hinweist.

Die Tour auf Bonifatius Spuren repräsentiere das katholische Gymnasium in Trägerschaft des Bistum Mainz. 88 Schüler wollten mit auf der Route des Leichenzugs für den Missionar aus dem frühen Mittelalter wandern – 30 durften mit. »Wir investieren sicherlich mehr Zeit in unser Projekt als andere, das machen wir gern, dafür haben wir ausgeglichene Schüler dabei, denen nie langweilig ist«, erzählt Skjeldal. Ihr Anspruch: etwas Ursprüngliches draußen in der Natur machen, weit weg vom Schulalltag. Für den Tross geht es von Konradsdorf weiter gen Eckhardsborn, Lißberg und dem Ziel Gederner See entgegen.

»Das Pilgern macht Spaß, ich vermisse Computer und Handy nicht«, sagt Florian Waßmann. »Wir hätten hier gar keine Zeit fürs Handy«, ergänzt Maike Lind. Ein Utensil der Neuzeit haben die Pilger trotzdem im Gepäck: eine Video-Kamera. Mit ihr produzieren sie ein Tagebuch, das sie zum Schulfest am heutigen Donnerstag (16 Uhr) präsentieren. Klar, dass in den Mitschnitten auch schmerzende Füße dokumentiert werden. »Aufgeben gilt nicht, auch wenn’s weh tut«, sagt Hannah Koppmann. Einzig die Lehrerinnen und Kollege Frank Meisinger haben ihre Handys dabei. »Für Notfälle.« Wie der Anruf beim Tierarzt oder die Absprachen mit der nächsten Station. Denn Renate Klingelhöfer, die die Truppe in Eckhardsborn erwartet, muss über die Verspätung informiert werden oder auch die Familien der Lehrerinnen, die durch den Ausfall der Pferde den Transport der Schlafsäcke übernehmen.

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