Ober-Mörlen

»Ich möchte verkörpern, was ich singe«

15. Oktober 2008, 17:32 Uhr
Jenny und ihr Vater Karlheinz Kreßmann proben gerne zusammen.

Wölfersheim-Melbach (hau). Jenny Kreßmann ist überglücklich. Ihrem Herzenswunsch, Opernsängerin zu werden, ist die 19-jährige Abiturientin aus Melbach einen Riesenschritt näher gekommen: Die ehemalige Augustinerschülerin hat ihre Aufnahmeprüfung an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst bestanden - mit Auszeichnung und einem Starterstipendium für hochbegabte Studienanfänger. Ihre Dozentin im Hauptfach Operngesang ist Dekanin Prof. Hedwig Fassbender.

Strahlend öffnet Jenny die Tür zu ihrem Musikzimmer im Melbacher Elternhaus. Sie wirkt wie die Ruhe in Person. Welch aufregende Wochen hinter ihr liegen und welche Herausforderungen auf sie warten, kann man nur ahnen. Mit einer eindrucksvollen Hörprobe zwischen Uni und Üben beginnt ihr Gespräch mit der Wetterauer Zeitung. Gerne erklärt sich Vater Karlheinz bereit, zur Begleitung in die Tasten des weißen Flügels zu greifen. Jenny entscheidet sich für ihre Lieblingsarie: die der Marguerite aus Gounods »Faust«. Ihr strahlend warmer Mezzosopran bahnt sich seinen Weg direkt unter die Haut. Scheinbar schwerelos schließt sich Regers »Waldeinsamkeit« an. Der erste Eindruck: Diese Stimme und Persönlichkeit haben eine große Zukunft vor und eine lange Entwicklung hinter sich.

In Musikerfamilie hineingeboren

Jennifer Freya Kreßmann wurde im März 1989 in eine Musikerfamilie hineingeboren. Schon der Großvater war Pianist und beide Eltern Berufsmusiker. Unter anderem mit ihrer Band Bourbon Family feierten Karlheinz »Charly« Kreßmann und seine Frau Christel jahrzehntelang internationale Erfolge. Auch Jennys zehn Jahre älterer Bruder Timm spielte schon früh hervorragend Klavier. Seinem Vorbild eiferte die kleine Schwester mit elf Jahren nach. »Ich habe mir viel abgeschaut und ein großes Repertoire angeeignet«, erinnert sich Jenny. Unter dem Namen »Jenny und die Powerkids« bekam sie als Achtjährige den ersten Plattenvertrag, sang »Starke Hits für starke Kids« ein und trat in Funk und Fernsehen auf.

Neben der Leidenschaft fürs Singen lernte und perfektionierte Jenny das Fagottspiel. Sie spielte im Schulorchester, in der Friedberger Stadtkapelle und einem Frankfurter Profi-Orchester. Auch im Schulchor und bei Musicalaufführungen der Augustinerschule wirkte sie mit Begeisterung mit. »Damals fuhr ich voll auf Musicals ab«, denkt Jenny an die Kombination aus Stimme und Tanz zurück. Der Eintritt in den Kinderchor der Oper Frankfurt und die stimmbildnerische Arbeit mit Trude Schmitz brachten die Wende. »Ich war hin und weg«, erzählt Jenny. »Es ist einfach toll, was ein Mensch mit seiner Stimme machen kann«. Mit kleinen Rollen entwickelte sich die große Liebe zur Oper, und mit 16 Jahren wusste sie: »Ich will Opernsängerin werden«.

»Natürlich mag ich noch immer Popmusik«, räumt Jenny ein. Doch die Oper sei eine ganz andere Liga. Entsprechend viel trainiert Jenny, nicht nur ihre Stimme. Vier Stunden Üben am Tag sind keine Seltenheit. »Singen ist nicht einfach nur schöne Töne produzieren.« Sie möchte vielmehr verkörpern, was sie singt. »Das Publikum soll spüren, um was es geht.« Zur positiven Ausstrahlung und Präsenz, und die hat die junge Frau mit dem strahlenden Lächeln auf Anhieb, gehören Gestik, Mimik und Artikulation ebenso wie die gängigen Opernsprachen Deutsch, Italienisch, Französisch und Englisch. Eben all die Facetten, die sich während ihres auf zwölf Semester ausgelegten Studiums neben der Stimme entwickeln sollen.

Dreitägiges Auswahlverfahren

Mit der Gesangspädagogin Katharina Kutsch bereitete sich die Wetterauer Schülerin auf die Aufnahmeprüfung zur Jungstudentin vor, besuchte als solche ein Jahr lang parallel zur Schule die Musikhochschule und arbeitete mit viel Sorgfalt und Katharina Kutsch auf die alles entscheidende Aufnahmeprüfung für ihren Traumberuf hin. Trotzdem sei das Abitur ganz gut gelaufen, freut sich Jenny. Die zielorientierte junge Frau wusste, dass es nicht leicht werden würde, sich unter 55 internationalen Bewerbern auf die wenigen Studienplätze durchzusetzen.

Drei Tage lang wurde sie in den Fächern Gesang, Klavier, Gehörbildung und Musiktheorie auf Herz und Nieren geprüft. Unter den strengen Ohren der Kommission überzeugte sie unter anderem mit Arien aus Mozarts »Figaro« und Gounods »Faust«. Zum ausgezeichneten Erfolg habe sicher auch das Gesamtbild beigetragen, vermutet Jenny. Für ihr Alter sei sie technisch relativ weit, auch ihre Bühnenerfahrung komme ihr zugute. Das Starter-Stipendium der Gesellschaft der Freunde und Förderer der Musikhochschule, das an maximal fünf Hochbegabte vergeben wird, ehre sie sehr.

Nun freut sich Jenny auf vorzüglichen Unterricht, besonders im Hauptfach bei Professorin Fassbender. Spannend werde auf dem langen Weg zum Bachelor sicher auch die Ausbildung in Schauspiel, Sprechtechnik, Atmung oder Kontaktimprovisation. Durch zwei Oktaven zwischen hohem Mezzosopran und Alt bewege sich ihre Stimme bislang ganz locker, alles Weitere müsse reifen. In welchen Klangfarben sich ihre Stimme einmal entwickle, werde die Zeit zeigen. »Ich spiele Fagott«, weist Jenny auf ihre Vorliebe für warme, natürliche Klangschattierungen hin.

So offen, unkompliziert und realistisch, wie Jenny Kreßmann von ihrem Traumberuf erzählt, gewinnt man den sicheren Eindruck, dass sie ihr Ziel erreichen wird. Ob als festes Ensemble-Mitglied oder frei schaffende Opernsängerin, das lässt die 19-Jährige freilich offen. »Ich möchte meine eigene Richtung finden«, schaut sie voll Optimismus in die Zukunft. Derzeit proben die Studenten bereits für ihre erste Aufführung: Am 16. November geben sie 45 Jahre nach Paul Hindemiths Tod dem Komponisten zu Ehren sein Frühwerk »Sabinchen«. (Foto: Hausmanns)

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