Niddatal

Anders als im Bilderbuch

18. Februar 2016, 18:13 Uhr
Der neue Kreislandwirt Michael Schneller.

Im Büro verbringt Landwirt Michael Schneller viele Stunden, mehr als auf dem Traktor. Getreide vermarkten, Äcker verwalten, jeden Arbeitsschritt auf den Feldern dokumentieren, Anträge ausfüllen, betriebswirtschaftliche Kennzahlen vergleichen, Buchführung erledigen, Informationen zu Wetter, Preisen und Trends in der Agrarpolitik sammeln, Kontakte pflegen, sich an Internet-Projekten zum Aufklären über Landwirtschaft beteiligen, Sitzungen vorbereiten. Der Raum unterscheidet sich kaum von einem Verwaltungsarbeitsplatz. Lediglich der Meisterbrief an der Wand und der Blick in die Felder zwischen Assenheim und Bönstadt deuten darauf hin, dass hier ein Landwirtschaftsmeister ackert.

Natürliche Abläufe wieder verstehen

Das Büro verrät noch mehr über Schneller: Seine Frau Christiane und er sind Afrika-Fans. Blickfang sind die gerahmte Landkarte des Kontinents, eine geschmackvolle Schnitzerei mit dem Umriss Afrikas, ein Gemälde afrikanischen Ursprungs. »Afrika ist faszinierend«, sagt Schneller. »Die Wanderung der Gnus, die Weite, die Natur.« Südafrika, Namibia, Botswana, Tansania bereiste das Ehepaar. »Die Landwirtschaft hat dort einen ganz anderen Stellenwert, jeder versteht die natürlichen Abläufe«, sagt Schneller.

Das wäre sein Wunsch auch für die Wetterau. »Hier ist der Kontakt zur Bevölkerung verloren gegangen, in vielen Köpfen prägen die Medien das Bild von der Landwirtschaft.« Bilderbuch-Landwirtschaft mit Kühen, Hühnern, Schweinen werde als ideal gesehen, die heutige Landwirtschaft mit Massenproduktion gleichgesetzt. »Das ist falsch, das basiert auf Unwissenheit.« Verständnis wecken, aufklären, Kompromisse suchen sind Schnellers Maxime. Ruhig, sachlich, erklärt er es am Beispiel der Feldränder. »Wir mulchen sie nicht aus Spaß, das ist Feldrandhygiene. Das regelmäßige Kürzen der Ränder verhindert Krankheiten, spart Pflanzenschutzmittel.«

Am Mittwoch wurde er zum Kreislandwirt gewählt, folgt auf Herwig Marloff, der zwölf Jahre amtierte. Nun ist Schneller der Vorsitzender des Gebietsagrarausschusses, einem Gremium, dem Landwirte, Landfrauen, Gewerkschafter, Gärtner, Mitarbeiter des Forsts und der Kreisverwaltung angehören.

Vielfältig sind die Themen, die in dem Ausschuss beraten und entschieden werden: Naturschutz-, Landschaftsschutz- und Baugebiete, Ausgleichsflächen, Infrastruktur, landwirtschaftliche Ausbildungsbetriebe. »Der Kreislandwirt ist ein Vermittler zwischen Behörden und Landwirtschaft.«

Ein großes Thema ist der zunehmende Landverbrauch. »Wir werden keine Baugebiete verhindern, wir können aber darauf hinwirken, dass innerörtliches Entwickeln vorangetrieben wird, dass behutsam mit dem Land umgegangen wird.« Schneller kennt die Arbeit im Ausschuss aus dem Effeff. Seit 24 Jahren gehört der 53-Jährige dem Gremium an.

Eines wird er von seinem Vorgänger Marloff übernehmen: die wechselnden Tagungsorte, sodass in jeder Kommune Kontakte geknüpft und gepflegt werden. »Ziel ist es, Fachkenntnisse zu vermitteln.« Jeder Landwirt sei Multiplikator, müsse Kontakte zu den Menschen pflegen. »Das geht überall, in der Hundeschule, beim Sport im Bekanntenkreis.« Ein wichtiger Baustein sei das gemeinsame Projekt mit dem Kreis »Bauernhof als Klassenzimmer«, damit Kinder Einblicke auf Höfe bekommen. »Für sie ist es interessant, wenn es Tiere zu sehen gibt.«

Die Zahl der tierhaltenden Betriebe gehe zurück. Schneller selbst hält seit zwölf Jahren kein Vieh mehr. Mit Weizen, Raps, Zuckerrüben und der Büroarbeit sei es schwierig zu werben. Eine Option für ihn: die Plattform von Landwirten, die sich im Internet zusammengetan hat, um Geld für Radiospots zusammenzutragen. »Damit das gelingt, müssten mindestens 400 Landwirte in Hessen mitmachen.«

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