Szenische Lesung zur Pogromnacht beeindruckt

Karben (aho). Zur szenischen Lesung im Gedenken an die Pogrome in Karben war die evangelisch-lutherisch St.-Michaelis-Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt. Zu diesem Gedenken hatten die evangelische Kirchengemeinde Klein-Karben, der Deutsch-Ausländische Freundschaftskreis (DAF) und die Initiative »Stolpersteine« eingeladen.
13. November 2011, 17:53 Uhr
Jonas Lazar stellt die Opfer vor dem Altar pantomimisch dar. (Fotos: Hofmann)

Pfarrer Werner Giesler erinnerte an die Pogrome vor 73 Jahren, als Geschäfte, Synagogen und Wohnungen verwüstet und geplündert wurden, als man Juden in »Schutzhaft« nahm und sie in Konzentrationslager verschleppte. »Aber solange sich Menschen engagieren, gibt es Hoffnung«, erklärte er. »Auch die vielen Gäste heute Abend zeigen: So etwas darf nie wieder geschehen.«

»Genau um 19 Uhr, vor 73 Jahren, brannte das jüdische Gotteshaus in Groß-Karben«, erinnerte Hartmut Polzer von der Initiative Stolpersteine. »Die Feuerwehr kam, durfte aber auf Anweisung des Bürgermeisters nicht löschen. Polzer wies darauf hin, dass die szenische Lesung des Abends aus den Gerichtsakten und Vernehmungsprotokollen bestehe, die sich ausschließlich mit den
Pogromen in Karben befassten. Diese
Authentizität machte die Lesung umso beklemmender. »Menschen, die einst Nachbarn, ja Freunde, waren, wurden durch massive Hetze zu Feinden, wurden diffamiert, ausgegrenzt, enteignet und planmäßig umgebracht«, so Polzer.

»Seit 1984 engagieren sich im DAF Deutsche und Nicht-Deutsche für ein gleichberechtigtes und verständnisvolles Zusammenleben in Karben«, sagte Gerhild Brüning für den DAF. Dass Diskriminierung und Ausgrenzung nicht verschwunden seien, zeige die Tatsache, dass »Ausländer klatschen« im Sprachgebrauch fast normal sei. Zudem müsse man den Umgang mit Flüchtlingen überdenken. Das Bewusstsein der Vergangenheit müsse bei der Gestaltung der Gegenwart Richtschnur und Verpflichtung sein, forderte sie.

Die verschiedenen Szenen wurden von unterschiedlichen Stellen der Empore aus gelesen, sodass die Zuhörer akustisch »mitten im Geschehen« waren. Begleitet von Corinna Danzer (Saxofon) und Jonas Lohse (Kontrabass), die Jazz-Standards spielten, lasen Pfarrer Giesler und die Mitglieder der Theatergruppe der Klein-Karbener Kirchengemeinde Till Giesler, Sebastian Zinn, Christopher Meß, Erik-Lân-Dodinh und Corinna Koch.

Als Pantomime der Opfer gab Jonas Lazar den Zuhörenden einen optischen Halt vor dem Altar. Zudem sang der Chor der Kirchengemeinde im ersten Teil der Lesung als Chor des »Frohsinn« Groß-Karben, den Max Strauss gegründet hatte. Und Strauss musste sich von einem Nazi-Schergen fragen lassen, wie Juden deutsche Lieder singen könnten. So die Anfänge.

Die judenfeindlichen Äußerungen wurden immer lauter, steigerten sich über das Verbot, bei Juden zu kaufen, bis hin zur »Planung des spontanen Volkszorns«, am 10. November 1938 im Parteilokal der NSDAP in der Bahnhofstraße und zum Ausbruch der Pogrome.

Die Lesung blieb aber nicht bei der lokalen Verfolgung, sondern beleuchtete die gelenkten politischen Hintergründe der Pogrome. Zudem wurden die Namen der Verschleppten und die Orte ihrer Ermordung verlesen.

Danzer und Lohse spielten Jazz-Kompositionen von Kurt Weill/Hanns Eisler, Irving Berlin und Borislav Kaper, jüdische Komponisten, die im Fall von Weill/Eisler und Kaper vor den Nazis fliehen mussten. »Sie alle haben Jazz-Standards geschrieben«, erklärte Danzer die Wahl der Musik.

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