Riesiger Andrang zum Film über »Klärchen«

24. September 2010, 19:24 Uhr
Das Interesse an dem von Hartmut Polzer gedrehten Dokumentarfilm über Claire Kirschberg ist so groß, dass nicht mehr alle im Kino einen Sitzplatz finden können. (Foto: Hofmann)

Karben (aho). Hartmut Polzer war ebenso von dem Besucherandrang überrascht, wie seine Lebenspartnerin Irma Mattner. Denn das Kino »Cinepark« fasst gerade mal 177 Sitzplätze. Was bisher allemal reichte, war diesmal für ihren Film »Klärchen - Flucht in eine fremde Welt«, über die letzte Holocaust-Überlebende der Stadt, nicht annähernd genug. »Jemand fragte mich schon, was wir machen, wenn nicht alle Zuschauer hineinpassen. Ich habe nur gelacht«, sagte Polzer. »Wir haben Freunden noch zum Spaß gesagt, kommt früher, sonst bekommt ihr keinen Platz mehr«, zeigte sich auch Mattner von dem Ansturm überwältigt.

Nachdem Polzer den Stehenden angeboten hatte, mit dem Kino einen weiteren Aufführungstermin zu vereinbaren, gingen rund 40 Personen, die sonst hätten stehen müssen, mit sichtlichem Bedauern. Nicht wenige aber blieben entschlossen, sich den Film auch auf der Treppe stehend anzusehen.

Und sie wurden nicht enttäuscht. Der Film, in dem neben »Klärchen« auch Burg-Gräfenrode mit seinen Einwohnern eine Hauptrolle spielt, ist ein zwar von Amateuren gedrehter, aber erstaunlich professionell umgesetzter Dokumentarfilm, der viele Zuschauer beeindruckte. Der Streifen beginnt mit Claire Kirschbergs Familiengeschichte, mit den Großeltern und dem Onkel, der im Ersten Weltkrieg für Deutschland gefallen war. Das aber zählte unter Hitler nicht mehr. Die Eltern rücken in den Blickpunkt, Klärchen und das jüdische Leben, das so in den Alltag von Burg-Gräfenrode integriert war, dass niemand ernsthaft etwas gegen die Kirschbergs sagen konnte. Eine Nachbarin beschreibt die Familie in dem Film sogar als sehr hilfsbereit.

Immer wieder kommen Zeitzeugen, ehemalige Klassenkameraden Klärchens oder damalige Nachbarskinder zu Wort. Und der - anwesende - ehemalige Vorsitzende des Karbener Geschichtsvereins, Helmut Heide, stellte die Schicksale der Karbener Juden ebenso in einen historischen Rahmen, wie Monica Kingreen vom Fritz-Bauer-Institut deren Lage damals umriss.

Als die Repressalien gegen Juden immer bedrohlicher wurden, nutzten Claires Eltern die Möglichkeit, ihre Tochter nach England zu verschicken. Dort fasste die 14-Jährige Fuß und bekam sogar Unterstützung, ihre Eltern nachzuholen. Aber als alle nötigen Papiere endlich für deren Ausreise fertig sind, bricht der Zweite Weltkrieg aus und verhindert deren Flucht nach England. Sie kommen in den KZs um. Neben London sind Liverpool, Nottingham, New York, Pittsburg, wo sie Arnold Zweig heiratete, Stationen in Klärchens Lebensweg. Nun lebt sie in Florida.

»Es geht uns darum, das Thema in die Bevölkerung zu tragen«, so Polzer, der gemeinsam mit Mattner die Stolperstein-Initiative gründete. »Man spricht über die Vergangenheit, das ist uns wohl nicht erst mit diesem Film gelungen«, so Polzer. Inzwischen sei »Klärchen« in der Stadt ein Begriff. Claire Kirschberg kenne in Karben kein Mensch.

Aber nicht nur vor Ort bewegte dieses Projekt einiges. Denn durch ihren ehemaligen Mieter in Pittsburg, den heute in Siegen lebende Professor Dr. Harald Günther, habe Claire Kirschberg ihre Verbitterung gegenüber den Deutschen allgemein abgelegt, und auch mit Karben und Burg-Gräfenrode habe sie sich wieder versöhnt, so Polzer. Nur die schwere Krankheit ihres Mannes verhinderte ihr Kommen zur Filmpremiere am Donnerstag. Anfangs des Filmes sprach sie per Telefon zu den Zuschauern. Und wenn es ihr vergönnt sei, wolle sie 2011 nach Karben kommen.

Begonnen hatte das Video-Projekt im Grunde mit der Stolpersteinverlegung durch Gunther Demnik vor dem Haus der Familie Adam-Hoffmann, die selbst auch unterstützend aktiv geworden war, was die jüdischen Bewohner ihres Hauses anging. »Nachdem die Steine verlegt wurden, bekamen wir Kontakt mit der Familie Zweig, haben mit Claire telefoniert und geschrieben.« Sie zeigte sich nach anfänglichem Zögern bereit, ihre Geschichte zu erzählen, und so flogen Mattner und Polzer im Oktober 2009 nach Florida. An drei Tagen fand das Interview statt, in dem Claire Zweig sehr offen ihre Geschichte erzählte. Man sieht der Interviewten an, wie schwer es ihr fiel, manche Erinnerungen wieder in sich wachzurufen. Nach dem Interview erst sei ihm die Idee gekommen, auch die Weggefährten von früher, und Menschen, die Klärchen begleitet hatten, zu befragen, so Polzer. Und so entstand ein Film, der auch junge Menschen anspricht.

»Wir werden mit dem ›Cinepark‹ in Kontakt treten, und möchten den Film später nochmal aufführen, der Stadtbücherei die DVD zur Verfügung stellen und den Kontakt mit den Schülern halten.«

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