»Ein Albtraum für die jüdischen Deutschen«

11. November 2008, 18:10 Uhr
Irma Mattner und Hartmut Polzer von der hiesigen Initiative »Stolpersteine« haben die Ausstellung »Vor 70 Jahren - Pogrom in Karben« erarbeitet. (Fotos: Stavenow)

70 Jahre liegen die schrecklichen Ereignisse, die Hartmut Polzer von der Initiative »Stolpersteine« am Montagnachmittag im Foyer des Rathauses in Erinnerung rief, nun zurück. Doch vergessen soll man sie nie. Einen Beitrag dazu, dies zu verhindern, leistet die Ausstellung »Vor 70 Jahren - Pogrom in Karben«, die jetzt eröffnet wurde und noch bis zum 21. November im Rathaus zu sehen ist.

»Die Juden in Karben wurden von denen gequält und durch ihren Heimatort gejagt, mit denen sie aufgewachsen und zur Schule gegangen waren, mit denen sie während des Ersten Weltkrieges zusammen im Schützengraben gelegen hatten«, ließ Polzer das Schreckliche Revue passieren. In Bildern und Textdokumenten, Zeittafeln und Auszügen aus Vernehmungsprotokollen zeigen er und Irma Mattner, was sich in Karben in der »Reichskristallnacht«, davor und danach zugetragen hat. »Die Ausstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es ist ein Beitrag zur Aufarbeitung der Heimatgeschichte Groß-Karbens mit Bezügen zu Rendel, Okarben und Burg-Gräfenrode«, sagte Polzer.

Auch Stadtrat Jochen Schmitt (SPD) und Stadtverordnetenvorsteherin Ingrid Lenz (CDU) machten in ihren Eröffnungsreden deutlich, wie wichtig es ist, nicht zu vergessen. »Gedenken bedeutet, die Vergangenheit wieder sicht- und greifbar zu machen, gerade für jene, die sie nicht selbst erlebt haben«, sagte Lenz. »Wir wissen, dass der Antisemitismus nicht mit dem Dritten Reich verschwunden ist. Deshalb ist es umso wichtiger, die Saat der Achtung vor den Menschenrechten früh zu legen. Denn Menschenrechte werden nur gewahrt, wenn es Menschen gibt, die für sie eintreten.«

Schmitt betonte, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit sei. »Und daher ist es so wichtig, an die Geschehnisse vom 9. November 1938 zu erinnern, um solche Greueltaten zu verhindern.« »Das Pogrom war ein einziger Albtraum für die jüdischen Deutschen, auch bei uns in Karben«, betonte die Parlamentschefin.

Was genau geschah, darüber informiert die Ausstellung ausführlich: Nach dem Brand der Viehscheune und der jüdischen Synagoge in der Heldenberger Straße bekam der Bürgermeister den Befehl, alle männlichen Juden in Schutzhaft zu nehmen. Sie wurden erst ins Degenfeldsche Schloss gebracht, später ins Spritzenhaus verschleppt und schließlich im KZ Buchenwald getötet. Wohnungen wurden zerstört und Geschäfte zerschlagen. Die Dokumentation im Rathaus zeigt auch, dass nur sehr wenigen Karbener Juden die Flucht vor dem Nazi-Regime gelang. »Die meisten flohen in die Großstädte, in der Hoffnung, dort besser leben zu können als auf dem Land«, berichtete Polzer. Dass das jedoch ein fataler Trugschluss war, zeigt die Zeittafel. So floh die Witwe Rosa Grünebaum zum Beispiel noch im Dezember 1938 mit Tochter Beate nach Würzburg. Beide wurden später ins Ghetto Riga gebracht und dort ermordet. Andere gingen nach Frankfurt und Hamburg, und auch sie entkamen den Nationalsozialisten nicht. Bereits im August 1938 flüchtete Familie Strauss nach Frankfurt, später dann in die USA. Max Kulb zog mit seiner Ehefrau Paula zur Familie des Bruders nach Uruguay. In Südafrika bei den Söhnen Manfred und Berthold fanden Max Strauss und seine Frau Recha eine neue Heimat. Weitere Informationen zu Einzelschicksalen finden sich auf der Internetseite der Initiative »Stolpersteine« unter www.stolpersteine-in-karben.de.

Nachzulesen ist auf den Ausstellungstafeln im Rathaus übrigens auch, was aus denen wurde, die Angst und Schrecken in Karben verbreiteten. Zwölf Männer waren im Prozess am 22. Januar 1949 vor der Strafkammer am Landgericht Friedberg des Landfriedensbruches angeklagt. Der Bürgermeister wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Weitere vier Mittäter bekamen Strafen zwischen vier und sechs Monaten. Sieben Angeklagte wurden freigesprochen.

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