Reges jüdisches Leben in Groß-Karben

Karben (aho). In der Burg-Gräfenröder Straße 20, einem heute fantasievoll bemalten Haus in der Groß-Karbener Kerngemeinde, lebten Isaak und Jeanette Kahn, geborene Kirschner, und betrieben eine Speziereihandlung und zugleich eine Gastwirtschaft. Sie haben acht Kinder, von denen drei in Groß-Karben blieben und die anderen nach ihrer Heirat wegzogen. Für diese Familie gebe es keine Stolpersteine, sagte Irma Mattner während der Führung »Hier waren sie zu Hause - Jüdische Familien in Groß-Karben« am Sonntag. Das Ehepaar Kahn starb 1907 und liegt auf dem Jüdischen Friedhof in Groß-Karben.
13. Oktober 2008, 19:38 Uhr

Karben (aho). In der Burg-Gräfenröder Straße 20, einem heute fantasievoll bemalten Haus in der Groß-Karbener Kerngemeinde, lebten Isaak und Jeanette Kahn, geborene Kirschner, und betrieben eine Speziereihandlung und zugleich eine Gastwirtschaft. Sie haben acht Kinder, von denen drei in Groß-Karben blieben und die anderen nach ihrer Heirat wegzogen. Für diese Familie gebe es keine Stolpersteine, sagte Irma Mattner während der Führung »Hier waren sie zu Hause - Jüdische Familien in Groß-Karben« am Sonntag. Das Ehepaar Kahn starb 1907 und liegt auf dem Jüdischen Friedhof in Groß-Karben.

Denn während des Rundganges, der von der Initiative »Stolpersteine-in-Karben« und vom Geschichtsverein gemeinsam veranstaltet wurde, sollte nicht allein an die Opfer des Holocaust erinnert werden. »Wir möchten an das jüdische Leben in Karben insgesamt erinnern«, machte Hartmut Polzer deutlich, der sich ebenfalls für die Stolpersteine-Initiative. engagiert.

Vor dem Gang führte Dr. Claus-Dieter Herzfeldt die rund 30 Interessierten im Trausaal des Heimatmuseums im Degenfeldschen Schloss in die Thematik ein und empfahl mit Helmut Weigands »Groß-Karben und seine Juden«, Helmut Heides Aufsatz »Geschichte und Schicksale der Groß-Karbener Juden«, mit den »Streiflichtern« des Geschichtsvereins sowie Johann Maiers »Judentum von A-Z« Bücher zur Vertiefung der Materie.

Polzer und Mattner wiederum gaben beim Gang durch Burg-Gräfenröder Straße, Wächtergasse, Östliche Ringstraße, Bahnhofstraße und Heldenberger Straße bis hin zum jüdischen Friedhof einen vielseitigen Einblick in die jahrhunderte lange Zeit des reibungslosen Miteinanders zwischen Juden und Christen in Groß-Karben. Dabei ging es zwar auch um Auswanderung, Flucht und Rettung, aber vor allem über den jüdisch-christlichen Alltag vor Ort.

So betrieben Seppel und Hugo Junker Viehhandel, die Gebrüder Kulb, Heinrich Grünebaum und Ferdinand Strauß Getreide- und Kartoffelhandel. Julius und Max Strauss hatten Metzgereien in Groß-Karben, und Rosa Junker betrieb einen Textilienladen. Textilien und Kurzwaren verkaufte Adolf Strauss, und Max Strauss hatte einen Schuhhandel, ebenso wie Sally Braun.

Anders als in Klein-Karben, wo es lange vor 1933 keine jüdischen Firmen mehr gab, habe das Groß-Karbener Handels- und Geschäftsleben in jüdischer Hand gelegen, was ihnen durchaus auch Neid und Hass eingebracht habe, stellten Polzer und Herzfeldt fest.

65 Holocaust-Opfer

Natürlich wurde auch die Verschleppung und spätere Ermordung der erwachsenen jüdischen Männer am 9. November 1938 zunächst ins Groß-Karbener Spritzenhaus und weiter ins KZ Buchenwald beschrieben. Ebenso wie die Verschleppung einiger der insgesamt 65 Holocaust-Opfer Karbens, darunter 42 Groß-Karbener Juden. »Wir sind ein Verein der Heimatgeschichte«, sagte Polzer. »Und die ist mitunter düster.«

Dass die Groß-Karbener Juden ins Ortsgeschehen integriert waren, zeigte Polzer auch anhand ganz alltäglicher Daten: So war Moritz Ross, der im Ersten Weltkrieg ein Bein verloren hatte und mit der Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet worden war, Mitglied im Gesangverein »Frohsinn«. In jenem Verein, den sein Vater Max mit gegründet hatte. Und Manfred Strauss war Mitglied im SV 1920. Ein weiterer Beleg, dass in Groß-Karben keine Ghettoisierung der Juden stattgefunden hatte.

»Dass hier ein Gedenkstein steht, sehe ich in den 25 Jahren, die ich hier vorbeifahre, zum ersten Mal«, wunderte sich ein Teilnehmer, als die Gruppe vor dem Grundstück der ehemaligen, 1938 zerstörten Synagoge in der Heldenberger Straße 10 anhielt. Allerdings verdeckt ein Busch diesen Stein schon. Mattner zeigte, dass mehr als ein Foto nach der Zerstörung und eine Zeichnung von Edgar Braun aus dem Gedächtnis von dem Gotteshaus und der angeschlossenen Mikwe (dem rituellen Frauenbad) nicht übrig geblieben sind. Aber man arbeite daran, die 1840 oder 1872 errichtete Synagoge virtuell, also als Computeranimation, wieder auferstehen zu lassen, sagte Polzer. Hierbei verwies er auf die Dokumentation der Initiative, die am 10. November um 16 Uhr im Bürgerzentrum eröffnet werden soll. Zu diesem Anlass solle auch die virtuelle Synagoge »begehbar« sein.

»Mit diesem Thema wollen wir nichts mehr zu tun haben«, sei ihm vor Kurzem entgegengebracht worden, erzählte Herzfeldt, und das Thema »Juden« werde vom Geschichtsverein »überstrapaziert«, es »locke niemanden mehr hinter dem Ofen hervor«, zitierte er weitere Einwände. Diese Reaktion sei ein Beleg, dass noch immer lieber vergessen als erinnert werde, so der Geschichtsvereins-Vorsitzende. Dieser Meinung müsse man sich aber gerade entgegenstellen, zeigte er sich kämpferisch.

Auch Polzer mahnte auf dem jüdischen Friedhof, wach zu bleiben. Das NS-Gedankengut sei noch heute lebendig. Man müsse dafür sorgen, dass sich die Ereignisse von 1933 bis 1945 nicht wiederholten. »Das Thema ist nicht beliebt«, bekannte er. »Aber durch unsere Erinnerung haben sich seiner zum Teil Menschen angenommen, von denen wir es zunächst nicht glaubten«, so Polzer.

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