Einzelschicksale sind erkennbar

26. Juni 2016, 18:53 Uhr
Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt die fünf Stolpersteine für die Familie Strauss. (Foto: cf)

Seit der Gründung der Initiative »Stolpersteine-in-Karben« 2007 wurden vom Kölner Künstler Gunter Demnig 61 »Stolpersteine« und eine »Stolperschwelle« in die Bürgersteige eingelassen. Die Steine aus Messing erinnern vor den letzten frei gewählten Wohnsitzen an von Nationalsozialisten und ihren Schergen ausgegrenzte, gedemütigte, vertriebene und ermordete Bürger.

Stadtverordnetenvorsteherin Ingrid Lenz rief die zahlreichen Teilnehmer am Kreuzgassbrunnen auf, wachsam und tolerant zu sein. Sie und Bürgermeister Guido Rahn appellierten an alle, rechtem Gedankengut und Tendenzen von Anfang an energisch entgegenzutreten, damit sich dieser dunkle Teil der deutschen Geschichte nicht wiederhole. »Einige wenige Bürger wie Irma Mattner und Hartmut Polzer reichen. Ich bin stolz, solche Bürger wie sie hier in Karben zu haben«, sagte das Stadtoberhaupt.

Gunter Demnig sagte: »Ich freue mich über jeden neuen Stolperstein. Die Zahl von sechs Millionen Menschen, die von den Nazis ermordet wurden, sind eine abstrakte Größe. Stolpersteine brechen die auf eine Familie, auf Einzelschicksale herunter. Diese erleichtern die Identifikation mit den Opfern. Dadurch wird Geschichte erlebbar und nachvollziehbar.« Die schönste »Stolperstein«-Definition habe ein Hauptschüler einem Reporter gegeben: »Nein, man fällt nicht hin. Man stolpert mit dem Kopf und dem Herzen.«

Ausgeraubt und niedergebrannt

Monika Heinz und Marlies Gebhard-Petri vom Museumsdienst des Karbener Heimatmuseums erinnerten vor dem ehemaligen Wohnhaus in der Heldenberger Straße 8 an die Familie von Adolf Strauss (geb. 1890). An seine Ehefrau Ida, geborene Buss (1894), seine Kinder Liselotte (1921) und Walter (1926) und seine Mutter Bertha geboren Kahn (1860). Mit ihrer Flucht am 5. März 1936 nach New York konnte sich die Familie des Textilkaufmanns vor dem Holocaust retten. Durch »Auswanderungen«, die in der Reichsfluchtsteuer von 1934 geregelt waren, zog der NS-Staat Steuern in Höhe von 941 Millionen Reichsmark ein, informierte Marlies Gebhard-Petri. »Die Jahreszahl zeigt, dass die Ausgrenzung und Verfolgung von Juden in Karben bereits früh begann«, sagte Hartmut Polzer. Monika Heinz las einen Brief aus dem Jahr 1955 vor, den Ida Strauss an ihre Freundin Anna Hess geschrieben hatte.

Ein Grundstück weiter, Heldenberger Straße 10, stand die um 1840 erbaute Synagoge, die 72 Sitzplätze für Männer und 36 für Frauen auswies. Sie wurde 1905 und 1932 renoviert. Anfang der 1930er Jahre gehörten 26 Familien zur israelitischen Gemeinde Groß-Karben. Am 10. November 1938 wurde die Synagoge durch SA-Leute aus Okarben ausgeraubt, geschändet und niedergebrannt. Der Klein-Kärber Pfarrer Werner Giesler, der die Initiative von Anfang an begleitet, erinnerte an den Versammlungs- und Gottesdienstort (das griechische Wort »Synagogä« bedeutet Versammlung) der Juden aus Groß-Karben, Okarben und Rendel, ab 1920 auch Burg-Gräfenrode. Er rief den Teilnehmern zu: »Wir brauchen Synagogen, Orte der Versammlung und des Miteinanders, um im Frieden miteinander in Zukunft zu leben.«

Zuvor hatten die Oberstufenschülerinnen der Kurt-Schumacher-Schule, Greta Barion (16) und Laura Semdner (17), über die Geschichte der Synagoge, die zwischen den Häusern Heldenberger Straße 10 und 14 gestanden hatte, vor und während der Nazi-Zeit gesprochen. Studentin Henrike Heuer (23) spielte auf der Klarinette das alte hebräische Lied »Osse Shalom« (»Der Friedensstifter«). Dessen Text bedeutet: »Möge derjenige, der im Himmel Frieden stiftet, auch Frieden stiften zwischen uns, in ganz Israel und der ganzen Welt«. An diese Bitte schloss sich die Gedenkrede von Rabbiner Andrew Steimann von der Frankfurter Emma-und-Henry- Budge-Stifung an.

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