Holocaustüberlebende Simonsohn zu Gast im Pfarrsaal

24. Mai 2016, 19:13 Uhr
Die 95-jährige Trude Simonsohn ist ohne Hass. Die Zeitzeugin berichtet immer wieder über ihr Leben und Überleben im Holocaust, wie am Montag in Karben. (Foto: cf)

Es beginnt mit der ersten Ausgrenzung und kann immer so enden«, sagte Holocaustüberlebende Trude Simonsohn (95). Sie sprach am Montag im evangelischen Gemeindehaus Groß-Karben, eingeladen von der Initiative »Stolpersteine«.

Geboren und aufgewachsen ist sie in Olmütz (Mähren) im heutigen Tschechien. Sie besuchte ein deutsches Gymnasium, hatte deutsche und tschechische Freunde, engagierte sich in der zionistischen Jugendbewegung. »Im September 1938 änderte sich durch das »Münchener Abkommen alles.« Das Klima in ihrer Schulklasse veränderte sich. Sie erinnert sich an eine Übersetzung ins Englische als eine Mitschülerin einen Absatz aus dem »Stürmer« vorlas: »Die Engländer erkennen Juden als Menschen an. Wir Deutschen nicht.«

Als im März 1939 die Nazis in die Tschecheslowakei einmarschierten, änderte sich das Leben für die Juden eklatant: »Für uns galten nun die Judengesetze.« Mit Kriegsausbruch wurde der Vater verhaftet. Er starb in Birkenau. Das Leben sei 1942 weiter reglementiert worden, als Reaktion auf das Attentat auf Reinhard Heydrich. Der NS-Offizier wurde in Prag schwer verletzt, starb später. Daraufhin folgten Racheakte, wie Massenmorde in den Dörfern Lidice und Ležáky. Das Standrecht wurde eingeführt. »Die Juden aus Ölmütz sollten nach Theresienstadt deportiert werden. Wir waren vollkommen machtlos, ohnmächtig.« Anfang 1942 wird die 21-Jährige verhaftet. »Ich saß mit den Verantwortlichen des tschechischen Widerstandes beim Tütenkleben zusammen.« Die Anklage lautete: Hochverrat und illegale kommunistische Tätigkeit. Im Oktober 1942 kam sie in Einzelhaft, erhielt dort die Nachricht vom Tod des Vaters. Von dort wurde sie ins Getto Theresienstadt abgeschoben, wo die Mutter lebte.

Simonsohn schilderte den Alltag in der für 7000 Leute gebauten Festung, in der 55 000 Häftlinge vegetierten. »Kultur wie Vorträge und Konzerte gewannen für uns eine große Bedeutung«, sagte sie. »Kultur war unsere einzige Form des Widerstandes.« Mit Blick auf das Versagen des Internationalen Roten Kreuzes sagt sie: »Kultur ohne Humanität ist null.« Bei einem Vortrag lernte sie in Theresienstadt den Sozialpädagogen und Juristen Berthold Simonsohn kennen. Das Paar heiratete rituell vor der bevorstehenden Deportation im Oktober 1944 nach Auschwitz. »Schlimm war die Demütigung kahlgeschoren und nackt nach dem Duschen durch das Spalier der SS-Leute zur Kleiderkammer zu gehen.« Vor schrecklichen Erinnerungen im KZ schützte sie bis heute eine Amnesie.

Trude Simonsohn wurde am 9. Mai 1945 von der Roten Armee im Konzentrationslager Merzdorf, einem Außenlager des KZ Groß-Rosen, befreit. Ihr Mann überlebte in einer Außenstelle des KZ Dachau. Das Paar kam später über Zürich und Hamburg nach Frankfurt. »Ich weiß nicht, warum ich keine Rachegefühle habe. Ich habe wohl kein Talent zum Hassen.«

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