Flüchtlingsbeirat

Geduld und Frust beim Einleben

Wie kann Integration funktionieren? Mitmachen und Einbringen ist die Strategie in Reichelsheim. Hier engagieren sich zwei Geflüchtete ehrenamtlich im Flüchtlingsbeirat.
14. November 2017, 17:00 Uhr

Von Ines Dauernheim , 2 Kommentare
Integration gelingt, wenn es Orte gibt, an denen sich Einheimische und Geflüchtete treffen können. Eine Möglichkeit bietet der Krabbeltreff, der im Sälchen der evangelischen Kirchengemeinde angeboten wird. Diesmal wurde er um das interkulturelle Frauenfrühstück erweitert, sodass die Mütter, Pfarrerin Angela Schwalbe (r.) und Flüchtlingshelfer gemeinsam frühstücken konnten, während die Kleinkinder spielen konnten. (Fotos: kai)

Integration ist mühsam. Integration strengt an. Manchmal frustriert Integration. »Die Willkommenskultur hat ausgedient, nun müssen wir integrieren und die Geflüchteten müssen sich integrieren lassen«, erklärt Sabine Tinz. Sie ist seit zwei Jahren Flüchtlingskoordinatorin der Stadt Reichelsheim und betreut die 54 Geflüchteten, die in kommunalen Unterkünften leben. Außerdem koordiniert sie die Zusammenarbeit mit den ehrenamtlichen Helfern, des Runden Tisches Flüchtlinge. Seit einigen Wochen wird diese Gruppe um zwei weitere Aktive aus dem Kreis der Geflüchteten ergänzt: Safaa Bitar und Hussam Sattout. Gemeinsam wurde beim jüngsten Treffen über Ideen, wie Integration gelingen kann, diskutiert.

 

AfD-Wahlergebnisse registriert

 

»Ich kann helfen, wenn Geflüchtete in Reichelsheim neu ankommen und ihnen alles erklären, sie bei Behördengängen unterstützen und übersetzen«, sagt Sattout. Der 19-jährige aus Syrien lebt seit zweieinhalb Jahren in Deutschland. »In der Zeit habe ich viele Erfahrungen gesammelt, die kann ich weitergeben«, erklärt er. Er möchte sich einbringen, hofft auf mehr Kontakte. »Ich möchte gern mehr Deutsche kennenlernen.« Er hat Bedenken, die Wetterauer auf der Straße anzusprechen. »Ich habe noch nie einen Flüchtlingsgegner getroffen, habe aber doch etwas Angst«, gibt er zu.

Wir sind noch etwas scheu

Safaa Bitar

Davon, dass bei der Bundestagswahl in Reichelsheim besonders viele Menschen (16,2 Prozent) die AfD gewählt haben, die einen besonders kritischen Ton gegenüber Flüchtlingen anschlägt, hat er gehört. Er versucht, sich davon nicht beirren zu lassen, verfolgt seine Ziele: »Ich möchte Fachinformatiker lernen.«

 

Abitur an der Abendschule

 

Syrien habe er die Schule bis zur 11. Klasse besucht. Das sei hier als Hauptschulabschluss anerkannt worden. Nun hofft er auf einen Ausbildungsplatz als Fachinformatiker. Wenn das nicht klappen sollte, will er an der Abendschule das Abitur ablegen.

Auch die dreifache Mutter Safaa Bitar hat Ziele. »Ich bin noch jung, ich habe den Willen, mich zu integrieren. Wir können hier einiges erreichen«, sagt die 32-jährige, die in Syrien englische Literaturgeschichte studiert hat. »Ich möchte im Beirat meine Ideen äußern, sagen, was uns Geflüchteten helfen kann«, erklärt sie. »Die Deutschen haben ihre Aktivitäten, es wäre gut, wenn wir Geflüchteten dazu kommen könnten«, sagt sie. »Wir sind noch etwas scheu.« Das wichtigste für die Geflüchteten sei, die Sprache zu lernen. Sie sei gern bereit, Menschen, die Arabisch lernen möchten, ihre Sprache beizubringen.

 

Ein selbstständiger Teil der Gesellschaft werden

 

Im Plenum des Runden Tisches wurde kürzlich darüber diskutiert, wie es besser gelingen kann, Anschluss zu finden. »Für uns ist es wichtig, Kontakte zu knüpfen, um die Sprache besser lernen zu können«, sagt Bitar. »Ja, Bekannte mit denen ich Deutsch sprechen kann, wären gut«, stimmt Sattout zu. Er weiß von seinem Freund aus Syrien, der inzwischen in Butzbach lebt, dass es dort ein Café gibt, in das Geflüchtete gehen können, wo sie immer auf Deutsche treffen, mit denen sie sich unterhalten können. »Das wäre schön, wenn wir das in Reichelsheim auch hätten«, wünscht er sich. »Wir möchten unabhängig und selbstständig werden und so ein Teil der Gesellschaft in Deutschland sein«, ergänzt Bitar.

Dazu sei es nötig, eine Wohnung zu finden. »Das ist nicht leicht, die Geflüchteten werden oft abgewiesen. Rufe ich an und sage, die Wohnung soll für eine Familie aus Syrien sein, wird das Gespräch abgebrochen«, berichtet Flüchtlingshelferin Ursula Kniehs. »Unsere Aufgabe als Helfer ist es, die Geflüchteten zu motivieren, dahin zu gehen wo die Deutschen sind, um sich kennenzulernen«, schlägt Gustav Ullrich vor. »Wir brauchen Praktikaplätze und Arbeitsplätze für die Geflüchteten und Menschen, die bereit sind, mit ihnen Deutsch zu üben«, fasst Tinz zusammen. Bitar ergänzt: »Wir gehen unseren Weg und müssen sehr geduldig sein.«

Info

Drei Fragen an Sabine Tinzt

Warum gibt es in Reichelsheim einen Flüchtlingsbeirat? Sabine Tinz: Beteiligung gehört zur Demokratie. Auf diese Weise binden wir die Geflüchteten ein. Wir wollen nicht über sie entscheiden sondern mit ihnen. Es ist für diejenigen, die sich integrieren wollen, wichtig eine Möglichkeit zu haben mitzuarbeiten. Wir möchten ihnen die Chance geben die Ehrenamtsstruktur kennenzulernen. Was sind die derzeit drängendsten Aufgaben für in der Hilfe für Geflüchtete? Tinz: A und O bleibt das Unterstützen beim Deutschlernen. Hinzu kommt die Wohnungssuche, Arbeitsplatzsuche, den Weg zu eine gute Schulausbildung helfen zu ebnen. Die Familien, in die ehrenamtliche Helfer kommen, um mit Kindern Hausaufgaben zu machen, haben enorme Vorteile. Bildung und Integration ins Gemeindeleben sind nicht zu unterschätzen. Stichwort Integration, wie kann die in Reichelsheim gelingen? Tinz: Geflüchtete wie Einheimische müssen sich füreinander öffnen. Aufgabe der Geflüchteten ist es, zu lernen die deutsche Kultur wertzuschätzen, dazu gehört, dass auch Frauen allein in Kurse gehen können, dass Verbindlichkeiten eingehalten werden, zu akzeptieren, dass es hier viel Bürokratie gibt und man nicht einfach einen Basar-Stand irgendwo eröffen kann, um berufstätig zu sein. Es ist schade zu sehen, dass sich Einheimische in der Unterstützung für Geflüchtete etwas zurückziehen. (kai)

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