100 Prozent plus X

Charmant und sexy: »Die Partei« gründet Wetterauer Kreisverband

Bei der Bundestagswahl kam »Die Partei« in der Wetterau auf 0,9 Prozent. Das sind 1482 Wähler. »Die lechzen nach Koordinierung«, sagt Nashi Young Cho, Vorsitzende des neuen Kreisverbands.
26. Oktober 2017, 05:00 Uhr
Kostenlose Wahlwerbung für die »Partei«? Aber klar, sagt Blumenhändler Eberhard Muschner und überreicht der völlig überraschten Nashi Young Cho rote Rosen.

Das Ziel des neuen Wetterauer Kreisverbands ist in zwei Etappen klar abgesteckt: »Wir wollen an die Macht, streben 100 Prozent plus X an.« Und im nächsten Schritt soll dann die Asiatisierung der Wetterau vorangetrieben werden. Auf ihrer Facebook-Seite hat Nashi Young Cho, die sich auch Nashi Goreng und Erika Honecker nennt, den ersten Erfolg der »Partei« mit einem Foto verewigt: Sechs Freundinnen, alle wie Cho mit koreanischen Wurzeln, machen Faxen, darunter steht: »Die Asiatisierung des Wetterauer Landfrauenvereins hat geklappt.« Ein Gag, oder? »Aber bitte!«, ruft die junge Frau mit gespielter Empörung aus. »Meine Eltern haben mir nie Kuchen gebacken. Mein Leben bestand aus der Sehnsucht nach Kuchen. Natürlich haben wir Kontakt zum Landfrauenverein aufgenommen. Ich kann schon versunkenen Apfelkuchen von gedecktem unterscheiden.«

196 Stimmen in Bad Vilbel

Gute Voraussetzungen, um in der Wetterauer Kommunalpolitik ein Wörtchen mitzureden. In Karben holte die »Partei« 117 Stimmen, in Bad Nauheim 146, in Friedberg 148 und in Bad Vilbel sogar 196. »Bis zur Landtagswahl wollen wir flächendeckend vertreten sein«, sagt der stellvertretende Vorsitzende Benedikt Polzer. In Karben und Büdingen gibt es Ortsverbände, der Kreisverband zählt laut Schatzmeister Severin Max 60 Mitglieder. Über Stammtische sollen weitere geworben werden.

Treten ein für Liebe, Weltfrieden, aber nicht für die mettfreie Woche (v. l.): Benedikt Polzer, Nashi Young Cho und Severin Mex.
Treten ein für Liebe, Weltfrieden, aber nicht für die mettfreie Woche (v. l.): Benedikt Po...

Bevor es ans Eingemachte geht, nutzen wir die Abendsonne und schießen draußen Fotos. Die Vorsitzende streift hochhackige Pömps mit Pfennigabsätzen über. Mit denen wackelt sie übers Kopfsteinpflaster und steuert einen Blumenhändler an, der seine Ware einpackt. Ein Schnappschuss mit Rosen? Der Blumenhändler spielt mit und demonstriert, wie die »Partei« ihre Wähler rekrutiert: Das Fußvolk wird mit Sex-Appeal überrumpelt. Cho: »Wir sind halt charmant und sexy.«

Satire will der Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Das war schon bei Till Eulenspiegel so, wie es heutzutage funktioniert, führt die Satirezeitschrift »Titanic« vor. Um neue Vertriebswege zu erschließen, gründeten die Redakteure 2004 die »Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative«, kurz: »Die Partei«. Die Mitglieder nennen sich untereinander Genossinnen und Genossen. Polzer: »Das hat sich bei anderen Parteien bewährt, deshalb haben wir das geklaut.«

 

Wir gehen den liebevollen Weg, wollen kirschblütenhaft an die Macht

Nashi Young Cho

Auf dem Bundesparteitag gründete sich eine »Verfassungsfeindliche Plattform« (VFP). Polzer: »Davon erhoffen wir uns lückenlose Dokumentationen unserer Aktivitäten. Wenn man das selber macht, ist das ganz schön viel Arbeit.« Die Wetterauer »Partei«-Genossen zählen laut der Vorsitzenden eher zum »charmanten Flügel«. »Wir gehen den liebevollen Weg, wollen kirschblütenhaft an die Macht«, sagt Cho und äußert eine Bitte. »Irgendwo in ihrem Artikel muss noch ›Liebe‹ und ›Weltfrieden‹ stehen.« Ist erledigt.

Dieter Eigner kommt am Tisch vorbei. Eigner ist ein SPD-Urgestein aus Büdingen. »Sie habe ich in der Zeitung gesehen«, ruft er und ist voll des Lobes: »Durch Zuspitzung und Übertreibung kann man Wahrheitskerne entdecken. Humor hat noch nie geschadet«, schreibt Eigner den aufstrebenden Nachwuchspolitikern ins Stammbuch. »Un’ e bissi ernsthaft seid ihr ja schon.«

 

Staatsmännische Töne

 

Aber was, wenn »Partei«-Mitglieder tatsächlich in ein Stadt- oder Gemeindeparlament gewählt werden? »Wir würden das nicht machen, wenn wir uns nicht für Politik interessieren würden«, sagt Polzer ganz ernsthaft und fügt in staatsmännischem Ton hinzu: »Man wächst mit seinen Aufgaben, wenn man Verantwortung übernimmt.«

Konkret fordert die »Partei« den Bau von »Dickenkraftwerken«. Cho: »Überall werden Windräder abgelehnt. Wir brauchen Alternativen. Die Trainingsfahrräder in Fitnesscentern laufen ständig, da sitzen viele Dicke drauf. Diese Energie könnte man speichern.« Und sonst? Gibt es innerparteilichen Querelen? Ja, räumt Polzer ein, die gibt es. Auf einmal verdüstern sich die Mienen der Versammelten. Es geht um die Frage, ob sich die »Partei« für eine mettfreie Woche einsetzen soll. Polzer: »Nashi will das, aber meine Frau macht da nicht mit. Das ist derzeit unser Hauptkonfliktpunkt.« Die Vorsitzende setzt auch hier auf »Liebe und Weltfrieden« und lächelt das Problem weg. Genau wie bei den großen Parteien.

Info

3 Fragen an die Vorsitzende

Frau Cho, ich habe die »Partei« gegoogelt und bin auf folgende Schlagzeile gestoßen: »Xi Jinping warnt Partei vor ernsten Herausforderungen.« Welche sind das?
Nashi Young Cho: Mathematiker haben für uns ausgerechnet, dass wir bei gleichbleibendem Anstieg der Wählerstimmen noch 64 Wahlen benötigen, um die Macht zu übernehmen und Liebe zu verbreiten. Dieser enormen Herausforderung stellen wir uns.

 

Im Parteiprogramm habe ich gelesen, Sie kämpfen gegen die Verblödung der Innenstädte an. Da fällt mir ein Zitat von Captain Picard vom Raumschiff Enterprise ein: »Die Summe der Intelligenz auf unserem Planeten ist konstant, aber die Bevölkerung wächst.« Wie wollen sie angesichts dessen die Verblödung stoppen?
Cho: Zunächst einmal: Picard ist einer der klügsten und bewunderungswürdigsten Männer, die ich kenne. Jetzt zur Verblödung: Wir haben in unserem noch auszuarbeitenden Zehn-Punkte-Plan, der bislang 17 Punkte beinhaltet, die Erneuerung der Schulpolitik stehen. Da gibt es viel zu ändern, und das meine ich richtig ernst.

Die Asiatisierung des Wetterauer Landfrauenvereins haben sie bereits eingeleitet. Was folgt als Nächstes?
Cho: Die Gesamt-Asiatisierung und die damit verbundene kirschblütengleiche Verschönerung der Welt.

 

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