Bereitschaftspflege

Eltern auf Abruf: Wenn das Pflegekind wieder geht

Einem Kind Geborgenheit schenken. Es pflegen und versorgen. Und sich nach ein paar Wochen wieder von ihm trennen. Wie geht das? Ein Besuch bei einer besonderen Pflegefamilie.
12. Oktober 2017, 11:00 Uhr
Geborgen sein in einer heilen Familie, das ist das Ideal. Aber manchmal können sich Eltern nicht selbst um ihre Kinder kümmern. Dann sucht das Jugendamt nach geeigneten Pflegefamilien. (Foto: Fotolia/Halfpoint)

Antje und Stephan Ranze haben ein Herz für Kinder. Vier eigene haben sie groß gezogen. Schon lange betreut Antje Ranze Tageskinder. Vor drei Jahren meldeten sich die Eheleute beim Jugendamt im Landkreis Gießen für die Bereitschaftspflege. Wenn ein Kind in Not ist, springen sie ein. Acht Kindern haben sie schon ein Zuhause auf Zeit gegeben. Manchmal kommt ein Anruf und eine halbe Stunde später ist das Kind da. Manchmal bleibt es länger als geplant. Vor allem dann fällt die Trennung schwer.

Pflegeeltern werden: Mit diesem Gedanken haben die Ranzes gespielt, seit ihre eigenen Kinder flügge wurden. »Die Zeit war da und auch der Platz«, beschreibt Antje Ranze die Situation. »Außerdem sind wir es gewohnt, mit Kindern zu leben«, ergänzt ihr Mann.

Auch mal Pause machen

Zwei Jahre lang überlegten sie hin und her. Dann entdeckten sie in der Zeitung ganz kurzfristig die Einladung zu einem Info-Abend des Jugendamts. Antje Ranze hatte keine Zeit, ihr Mann ging hin. Danach war klar: »Wir probieren das.« Auch die vier eigenen Kinder waren einverstanden. »Die ganze Familie muss hinter einer solchen Entscheidung stehen«, sagt Stephan Ranze.

Pflegeeltern wird man nicht von heute auf morgen. Die Interessenten durchlaufen ein mehrstufiges Bewerberverfahren. »Das hat einiges an Zeit gekostet«, erinnert sich Stephan Ranze. Letztlich entschieden sich die Ranzes für die zeitlich befristete Bereitschaftspflege. Vor allem auf Betreiben des Vaters: »Für Vollzeit sind wir zu alt«, findet der 51-Jährige. »Und es tut uns gut, zwischendurch mal keine Kinder im Haus zu haben.«

In einer solchen Phase sind die beiden seit zwei Monaten, sofern man die Tageskinder, die durchs Haus wuseln, nicht mitzählt. Das letzte Pflegekind ist Ende Juli gegangen. Inzwischen haben die Eheleute dem Jugendamt signalisiert, dass sie bereit sind für die Aufnahme eines neuen Kindes. »Wir sind gespannt, was auf uns zukommt.«

PETRA sucht Pflegeeltern

In der Wetterau ist das Projekt PETRA (Partner für Erziehung, Therapie, Research und Analyse) seit 2014 mit der Suche, der Qualifikation und Betreuung von Bereitschafts- und Pflegeeltern vom Wetteraukreis betraut. Dass die Bereitschaftspflege hohe Anforderungen an die Pflegeeltern stellt, weiß auch Geschäftsführerin Sarah Goldbach: »Die wichtigsten Voraussetzungen sind Freude am Zusammenleben mit Kindern, das Aushalten von Belastungen sowie die Offenheit für die eigene Lebensgeschichte des Kindes und für eine Zusammenarbeit mit allen Beteiligten.«

Die Bereitschaftspflege soll die Zeit überbrücken, bis alle für die Zukunft des Kindes relevanten Fragen geklärt sind: Vor allem Unterbringung, Versorgung und Therapie müssen organisiert werden. Eigentlich soll der Aufenthalt der Kinder in den Pflegefamilien auf maximal vier Monate begrenzt sein. »Meistens klappt das auch«, sagt Goldbach. »Aber Ausreißer gibt es immer.« Das weiß auch Familie Ranze. Sie hat Kinder für ein paar Tage aufgenommen. Aber auch für zehn Monate. Ein Geschwisterpaar lebte ein ganzes Jahr in ihrem Haus.

Erst nach zehn Monaten Dauerpflegestelle gefunden

An die Trennung vom ersten Langzeit-Pflegekind erinnert sich Antje Ranze noch sehr genau. Die kleine Emily (die eigentlich anders heißt) war im Alter von gut zwei Jahren gekommen. Sie sollte nur ein paar Wochen bleiben, bis sich die Mutter von einer Krankheit erholt hatte. Dann gab es Verwicklungen. Die Kleine konnte nicht in ihre Ursprungsfamilie zurück. Erst nach zehn Monaten fand das Jugendamt eine passende Dauerpflegestelle für sie. »Als sie ging, konnte sie sich an nichts erinnern außer an uns. Wir waren ihr Zuhause«, erinnert sich Antje Ranze. »Das fand ich schlimm. Und für unsere jüngste Tochter, die damals noch im Haus lebte, war es auch schwer.« Mittlerweile kann die gelernte Krankenschwester mit solchen Trennungen, die vom Jugendamt begleitet werden und sich schrittweise vollziehen, gelassener umgehen. Zu manchen Pflegekindern besteht der Kontakt auch fort. Allerdings erst nach einer Pause, damit die Kinder in Ruhe in ihrer neuen Familie heimisch werden können.

Die Eheleute machen keinen Hehl daraus, dass die Belastungen der Bereitschaftspflege erheblich sein können. Eines ihrer Pflegekinder zum Beispiel hat keine Nacht durchgeschlafen. Vor allem Stephan Ranze, der im Schichtdienst arbeitet, hat das weh getan. »Aber so weit, dass wir dachten, wir machen es nicht mehr, waren wir noch nie«, sagt seine Frau. Beide finden ihre Aufgabe interessant und spannend, vor allem wegen der wechselnden Perspektiven. »Oft kreist man ja um sich selbst. Wir sehen jetzt auch, wie die Welt rundherum aussieht«, sagt der Pflegevater. Seine Frau hat noch eine andere, ganz einfache Erklärung für ihr Engagement: »Jedes Kind ist einfach liebenswert.«

Info

Selbst Pflegefamilie werden

Zurzeit werden im Wetteraukreis 179 Pflegekinder in 131 Pflegefamilien betreut. Die Bereitschaftspflegekinder zählen nicht dazu: Für sie stehen 14 Bereitschaftspflegefamilien zur Verfügung. PETRA unterscheidet zwischen drei verschiedenen Pflegeformen. Bereitschaftspflegefamilien – Die familiäre Bereitschaftspflege ist für Kinder vorgesehen, die aufgrund einer Krise ihrer Familie nicht zu Hause bleiben können. Die Pflegefamilie soll ihnen Schutz und Fürsorge sowie stabile Beziehungen und Strukturen bieten. Der Aufenthalt des Kindes in der Pflegefamilie ist zeitlich auf Tage oder auch einige Wochen begrenzt. Vollzeit- und Verwandtenpflegefamilien – Bei der Vollzeitpflege leben die Kinder dauerhaft in der Pflegefamilie. Die Pflege beinhaltet Versorgung, Erziehung und Unterstützung rund um die Uhr. Meist leben die Kinder bis zur Volljährigkeit in der Familie, eine Rückkehroption bleibt jedoch bestehen. Pflegefamilien für unbegleitete minderjährige Ausländer – Dieses Angebot ist für Kinder konzipiert, die ohne Begleitung ihrer Sorgeberechtigten nach Deutschland gekommen sind. Hier sollen die Kinder bis zur Verselbstständigung, also mindestens bis zur Volljährigkeit in den Familien bleiben. Pflegefamilie werden – Paare oder Familien aus dem Wetteraukreis, die sich auch für die Aufnahme eines Pflegekindes interessieren, können sich direkt mit den Ansprechpartnern von Projekt PETRA in Verbindung setzen. Entweder unter der Telefonnummer 0151/57502057 oder per E-Mail an pflegekinderwesen-wetterau@projekt-petra.de . (vpf)

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